Was in der Schuldebatte fehlt: Faktenwissen

10. März 2009, 16:38
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Wie gut oder schlecht, wie reformbedürftig also, ist Österreichs Schulsystem - Von Erich Neuwirth

Und woher kommen die Fakten zur Bildungsdiskussion? Es wird auf alle Fälle großer Aufwand betrieben - und viel davon ist unnütze Bürokratie.

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Frau Minister Schmied meint, dass die derzeit im Budget vorgesehenen Mittel nicht ausreichen, ihre Ideen zur notwendigen Schulreform durchzusetzen.

In so einer Situation wäre es wünschenswert, der Öffentlichkeit Daten über wesentliche Aspekte des Schulwesens zugänglich zu machen. Einer der Gründe, warum die Mittel im Schulwesen knapp sind, könnte auch im überdimensionierten Verwaltungsapparat liegen. Frau Minister, sagen Sie uns bitte, wie groß der Verwaltungsaufwand im Vergleich zur Unterrichtsleistung ist. Wie viele Mitarbeiter hat die Schulverwaltung?

Wie viele Lehrerinnen und Lehrer werden (über Dienstzuteilung oder Ähnliches) im Verwaltungsdienst verwendet?

Es fällt schon auf, dass in der aktuellen Diskussion über Einsparungen durch Verwaltungsvereinfachung überhaupt nicht gesprochen wird. Dabei hat der Rechnungshof in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass die Schulverwaltung überdimensioniert erscheint und beträchtliches Einsparungspotenzial vorhanden ist.

Solche Daten sollte man eigentlich im Nationalen Bildungsbericht finden. Diesen Bericht sollte es eigentlich für das Jahr 2008 schon geben. Dann hätten wir bessere Entscheidungsgrundlagen für die notwendigen Maßnahmen. Mit 1. Jänner vergangenen Jahres wurde das Bundesinstitut für Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens eingerichtet (bifie). Es hat (laut seiner eigenen Website) 58 Mitarbeiter. Das ist die Institution, die den nationalen Bildungsbericht erarbeiten sollte. Reichen 58 Mitarbeiter und mehr als ein Jahr nicht aus, um so einen Bericht zu erstellen? Werden dort die umfangreichen eingesetzten Mittel tatsächlich effizient verwendet? Noch dazu, wo diese Institution den nationalen Vorabbericht zur TIMSS-Studie** erstellt hat, in der behauptet wird, dass die österreichischen Schüler sich im Vergleich zur Studie 1995 verschlechtert hätten.

Im internationalen TIMSS-Bericht kann man aber lesen, dass die österreichischen Daten für 1995 die internationalen Qualitätsstandards nicht erfüllen.

Brauchen wir tatsächlich eine Institution mit 58 Mitarbeitern, um die Informationen aus dem internationalen Bericht derartig zu verändern? Und ist es zielführend, wenn eine Institution, deren Mitarbeiter selbst außerstande sind, die Nichteinhaltung internationaler Standards (in TIMSS '95, Anm.) korrekt zu berichten, dann die nationalen Bildungsstandards ausarbeitet? Frau Bundesministerin Schmied spricht erfreulicherweise immer davon, dass sie faktenbasierte Politik machen möchte. Da wäre es doch ganz in ihrem Sinn, wenn der Öffentlichkeit mehr Fakten bekannt wären und Fakten aus internationalen Studien korrekt berichtet würden. (Erich Neuwirth/DER STANDARD Printausgabe, 11. März 2009)

Erich Neuwirth lehrt Informatik und Statistik an der Universität Wien.

**TIMSS - Trends in International Mathematics und Science Study: Diese Studie maß 2007 den Kenntnisstand in Mathematik und Naturwissenschaften von Kindern der vierten Volksschulklassen in 36 Ländern aus allen Kontinenten.

1995 war TIMSS der erste große internationale Schülerleistungsvergleich mit Beteiligung Österreichs. Damals galt das Abschneiden der österreichischen Kinder als ausgezeichnet. Die Erhebung 2007 erbrachte für Österreich nur mittelmäßige Ergebnisse; waren die Daten 1995 aber nicht korrekt, ist die Studienaussage fragwürdig.

Ministerin Schmied wertete die Entwicklung jedenfalls als "Ergebnis einer Zeit des bildungspolitischen Abbaus zwischen 1995 und 2007" . Der Vergleichszeitraum entspricht - wenngleich zufällig - der Amtszeit von Schmieds Vorgängerin Elisabeth Gehrer (ÖVP).

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