Billiger Bruder

10. März 2009, 13:00
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Jetzt amtlich: Jochen aus Buxtehude lebt wesentlich günstiger als Irmi aus Deutschfeistritz - Eine Glosse

Deutschland, das Land der Ingenieure, der Fußballgötter und der nicht geschwindigkeitsbegrenzten Autobahnen. Dieser oft ehrfürchtig "großer Bruder" genannte Flecken Erde im Norden, mit den Weltstädten Berlin, Hamburg und Herzogenaurach, wo die Exportweltmeister zuhause sind und Qualitätsware liefern für das ganze globale Dorf.

Jetzt auch noch Billigsdorf? Österreicher zahlen für idente Produkte bei Diskontern jedenfalls viel mehr als Deutsche, das hat die Arbeiterkammer einmal mehr herausgefunden. "Gleiche Produkte belasten heimische Konsumenten um ein Fünftel mehr als deutsche", konkretisiert Herbert Tumpel. Auch die unterschiedliche Mehrwertsteuer rechtfertige die höheren Preise nicht, analysiert der AK-Chef glasklar: "Denn rechnet man die Nettopreise, sind es hier zu Lande noch immer um 18 Prozent mehr."

Die Preisnachteile für Österreicherinnen und Österreicher sind bei fast allen Waren quer durch das Sortiment festzustellen, stellt Tumpel weiter fest. Und das besitzt, wie wir leider auch immer wieder feststellen müssen, neuerdings auch weit über die Sortimente diverser Diskonter hinaus Gültigkeit: Will man sich in Stixneusiedl oder Windischgarsten einen neuen Kleinwagen zulegen, weil man den teuren Schmonzes von Hofer, Penny und Lidl ja auch irgendwie standesgemäß nach Hause kutschieren möchte, muss man sogar dafür noch mehr hinlegen als in Neckarsulm oder Eisenhüttenstadt - vorausgesetzt, man nimmt die Verschrottungsprämie, jenseits des Weißwurst-Äquators "Abwrackprämie" genannt, in Anspruch. Der mindestens 13-jährige Golf mit heimischem Pickerl bringt hierzulande nämlich bloß bescheidene 1.500 Euro. Wer aber mit einem BMW mit deutscher Zulassungsplakette, der noch dazu vier Jahre jünger sein darf, zum Schrottplatz fährt, streift dafür mondäne 2.500 Euro ein.

Schließlich ist sogar die Rettung der deutschen Banken im Vergleich zur österreichischen Lösung, relativ zur Bevölkerungszahl, geradezu ein Schnäppchen: Die Wiener Regierung hat dafür 100 Milliarden Euro auf die hohe Kante gelegt, die Berliner Amtskollegen kommen mit läppischen 480 Milliarden aus. Jochen aus Buxtehude zahlt dafür also nicht einmal die Hälfte dessen, was die Irmi aus Deutschfeistritz dafür löhnt. Wenn es denn soweit kommt.

Was aber kommt als Nächstes? Müssen wir bald auch für die herrlichen Königsberger Klopse auf der Nordtiroler Nepp-Alm tiefer ins Börsel greifen als in der Hamburger Hafenkneipe? Kostet uns demnächst auch die Regierung mehr als den Deutschen?

Es klingt unglaublich, aber auf den ersten Blick ist auch das schon Realität: Ein österreichischer Minister bekommt ein paar Tausender mehr als ein deutscher, Werner Faymanns Bruttogehalt als Bundeskanzler liegt mit 20.400 Euro sogar um Eckhäuser über jenem von Angela Merkel (15.800).

Auf den zweiten Blick relativiert sich der Unterschied allerdings wieder dramatisch: Denn für die meisten Österreicher war jede Regierung ja immer schon umsonst. (Martin Putschögl, derStandard.at, 10.3.2009)

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