Das Turm

10. März 2009, 11:09
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Über richtige und falsche Artikel

Das Restaurant "Das Turm" ist, offenkundig krisenbedingt, von uns gegangen, doch einen postumen linguistischen Eintrag soll es uns dennoch wert sein. Interessant an der Bezeichnung "Das Turm" ist, dass sie gleichsam falsch und richtig zugleich auf den Betrachter wirkt. Irgendwie versteht man schon, dass sich dieses "das" auf das unausgesprochene, aber doch noch gespensterhaft aus dem Hintergrund hervorleuchtende Wort "Restaurant" bezieht ("das Turm-Restaurant" ist völlig korrekt); andererseits ist der Turm eben ein Maskulinum, und sobald er im Verein mit dem sächlichen Artikel einher kommt, erweckt die Kombination "das Turm" einen durchaus unkorrekten Eindruck.

Ich bewege mich hier auf dem Feld der Spekulation, aber womöglich wollte der Inhaber des Restaurants, als er sich für den Namen "Das Turm" entschied, einen aufmerksamkeitsheischenden Verfremdungseffekt erzeugen, der sein Lokal sofort zum Stadtgespräch machen sollte. Nicht ungeschickt, denn nichts wirkt bizarrer und befremdlicher, als wenn man im Gespräch, mit wem auch immer, absichtlich einen falschen Artikel einbaut. Machen Sie die Probe aufs Exempel und formulieren Sie aufs Geratewohl Sätze wie "Ich gehe heute in den Kino", "Meine Bruder kommt auf Besuch" oder "Den Buch habe ich nicht gelesen", und Sie werden es unter Garantie sofort mit verdutzten Gesichtern und verdatterten Rückfragen ("Wie bitte? "; "Hä?") zu tun bekommen. So sehr liegt den Menschen an der Wahl des korrekten Artikels!

Womöglich haben ja die p.t. Leser schon selbst einmal Erfahrungen mit falsch gewählten Artikeln gemacht - ich wäre ihnen dankbar dafür, wenn sie uns dieselben mitteilen würden.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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