Die Kunst, Fehler einzugestehen

9. März 2009, 19:13
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2.500 Menschen sterben in Österreichs Spitälern an Behandlungsfehlern, behauptet der Medizinjournalist Kurt Langbein. Der deutsche Experte Matthias Schrappe hält das für realistisch und plädiert für Entskandalisierung

Wien - "In Österreichs Krankenhäusern werden jährlich 25.000 Behandlungsfehler begangen", behauptet Kurt Langbein in seinem neuen Buch Verschlusssache Medizin. Was noch viel schwerer wiegt: "2500 Menschen sterben an den Folgen." Die Zahlen würden "auf sehr vorsichtigen Hochrechnungen" beruhen, in der Realität "dürften es wohl mehr als doppelt so viele Tote sein".

Die Antwort der Ärztevertreter erfolgte prompt: Die Zahlen wurden zurückgewiesen. Man könne nicht von internationalen Studien auf Österreich schließen und auf diese Weise Tote "hochrechnen". Matthias Schrappe hingegen, deutscher Internist und Vorsitzender des Aktionsbündnis Patientensicherheit in Deutschland, hält die Schätzung nicht nur für legitim, sondern auch für durchaus realistisch - hat er doch vor ziemlich genau einem Jahr eine sogenannte Metastudie über Behandlungsfehler gemacht.

Gemeinsam mit medizinischen Fachkollegen hat er alle verfügbaren 241 Untersuchungen zu dem Thema aus insgesamt 31 Ländern (darunter 88 Studien aus den USA und sieben aus der Schweiz, aber keine aus Österreich) akribisch ausgewertet. Und dabei zeigte sich, dass rund zwei bis vier Prozent der Krankenhauspatienten von Fehlern des medizinischen Personals betroffen sind, und rund ein Promille, also jeder Tausendste, die Fehlbehandlung nicht überlebt.

Für Deutschland kamen Schrappe und Kollegen bei ihren Berechnungen auf 17.000 solcherart vermeidbare Todesfälle im Krankenhaus. "Es können aber genauso gut 25.000 sein", so der Mediziner. Womit man, durch zehn dividiert, auf die 2500 Krankenhausopfer in Österreich kommt.

Die deutsche Studie war Teil einer beispiellosen Aktion, in deren Rahmen 17 zum Teil renommierte deutsche Ärzte, Pfleger und Therapeuten eigene Fehler eingestanden haben - "mit dem Ziel, das Thema zu enttabuisieren, aus eben diesen Fehlen zu lernen und eben diese in Zukunft zu vermeiden".

"In Österreich sind wir, was die öffentliche Debatte um Behandlungsfehler anbetrifft, im Vergleich zu Deutschland sicher um einige Jahre hinten nach", sagt die Juristin Maria Kletecka-Pulker, Geschäftsführerin der erst 2008 gegründeten Plattform Patientensicherheit. "Aber es gibt auch in österreichischen Spitälern schon zahlreiche Initiativen."

Völlig vermeidbar werden Behandlungsfehler auch in Zukunft nicht sein, so Schratte: "Ziel in Deutschland ist es, sie auf ein Drittel zu senken", so Schrappe. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Printausgabe, 09.03.2009)

der Standard Webtipp

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