"Die Zielgruppe zum Feind gemacht"

9. März 2009, 19:21
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Vor gut zehn Jahren haben sich die UN-Staaten dem Kampf gegen die Drogen verschrieben - Jetzt soll in Wien über eine Zukunftsstrategie entschieden werden

"A drug free world - we can do it!" Unter diesem ehrgeizigen und etwas pathetischen Motto sagten die UNO-Mitgliedsstaaten dem Drogenhandel 1998 feierlich den Kampf an. Endlich sollte Schluss sein mit dem Übel der Rauschgiftsucht, von einem "neuen Kapitel in der weltweiten Drogenkontrolle" war die Rede. Ein Aktionsplan wurde verabschiedet, "wesentlich" und "spürbar" sollte die Produktion von Opium, Kokain und Cannabis innerhalb von zehn Jahren verringert werden.

Diese Frist ist abgelaufen, in Wien wollen die UN-Staaten ab Mittwoch Bilanz ziehen. Dem fernen Ziel einer drogenfreien Welt sind sie aber kaum einen Schritt näher gekommen. "Das Vorhaben ist an allen Fronten gescheitert", sagt auch Robert Lessmann, Wiener Politologe und Experte für den weltweiten Drogenhandel. "Selbst die Protagonisten der Strategie sprechen nur von einer Eindämmung des Problems."

Die Protagonisten, das ist vor allem das UN-Büro zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität (UNODC) mit Sitz in Wien, das auch die Konferenz dieser Woche ausrichtet. Der Welt-Drogen-Bericht 2008 - ein jährlich veröffentlicher Report der Behörde - beginnt mit den Worten "die Langzeit-Stabilisierung des weltweiten Drogenmarktes hat sich 2007 fortgesetzt". Stabilisierung ist etwas anderes als Verringerung. Ein Vergleich mit den Daten von 1998 zeigt, dass sich der Rauschgiftkonsum in der vergangenen Dekade kaum verändert hat. Über 200 Millionen Menschen, fast fünf Prozent der Weltbevölkerung, nehmen heute illegale Drogen.

Scheitern in Afghanistan

Wie sehr die Staatengemeinschaft in der Bekämpfung des Drogenhandels gescheitert ist, lässt sich am Beispiel Afghanistans ablesen. Dort ist die Opium-Produktion in den vergangenen zehn Jahren explosionsartig nach oben geschnellt, trotz einer 2003 von der Regierung verabschiedeten "nationalen Drogenkontrollstrategie". Bis 2012 sollte der Drogenhandel ganz gestoppt werden - statt dessen hat sich die Opiumproduktion seitdem mehr als verdoppelt.

Trotzt der Anwesenheit der internationalen Truppen werden heute noch über 90 Prozent des Opiums im Land am Hindukusch produziert, stellt der jüngste Bericht des UN-Suchtkontrollrats von Februar fest. Gestiegen ist dort der Drogenkonsum, ebenso der lukrative Cannabis-Anbau. Das Expertenurteil: "Geringe Fortschritte" im Anti-Drogen-Kampf in Afghanistan. Davon profitieren die Taliban: Knapp 100 Mio. US-Dollar hat allein der Schlafmohn-Anbau den Radikalislamisten 2008 eingebracht, schätzt UNODC.

Über die Köpfe der Bauern

Viel zu sehr habe man sich international auf die Bekämpfung des Drogenanbaus konzentriert, meint der Experte Lessmann. Oft gewaltsam, wie in Kolumbien etwa, wo die Regierung mit Hilfe der USA Koka-Felder besprüht, um den Anbau auszurotten. Im vergangenen Jahr waren es rund 150.000 Hektar, wie Lessmann aufführt. Trotzdem seien 27.000 Hektar neu hinzugekommen - "soviel wie noch nie".

Diese Strategie "über die Köpfe der Bauern hinweg" habe sich außerdem als "Nachhaltigkeitsdesaster" erwiesen, sagt Lessmann. Ganz abgesehen davon, dass man die Bauern schlecht von alternativen Einkommensmöglichkeiten überzeugen kann, wenn man ihre Felder zerstört, ohne sie entsprechend einzubinden. "Da mache ich mir meine Zielgruppe zum Feind."

Wo es Erfolge gibt, verschiebt sich der Markt. Beispiel Drogenvertrieb: Seit in Kolumbien einige Kartelle zerschlagen worden sind, hat sich ein Teil auf Mexiko verlagert. Dort tobt ein Drogenkrieg, mit über 6000 Toten 2008 und über 1000 in den ersten acht Wochen dieses Jahres. Beim Transit der Drogen ist Westafrika zum wichtigen Umschlagsplatz geworden.

Experten plädieren für einen neuen Ansatz in der Drogenbekämpfung, hin zur Bekämpfung der Kartellstrukturen, der Geldwäsche - und vor allem der Nachfrage, in Europa und Nordamerika. Der Economist befürwortete jüngst sogar eine Legalisierung der Drogen - als das "geringste Übel". Das ist in dieser Woche in Wien jedoch nicht zu erwarten. Geplant ist: eine politische Erklärung und ein Aktionsplan für die Drogenbekämpfung der nächsten Jahre. (Julia Raabe/DER STANDARD-Printausgabe, 10.3.2009)

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    Eine kolumbianische Anti-Drogen-Einheit besprüht eine Koka-Plantage nahe Tumaco. Diese Maßnahme hält die Bauern trotz einiger Erfolge nicht vom Koka-Anbau ab, sagen Experten.

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