Lichte Momente

9. März 2009, 18:16
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"Eine Zeitung ist nicht nur ein Produkt, sondern es kommt auf das Gefühl an. Jeder Leser soll die Chance haben, an der inhaltlichen Gestaltung seines Blattes mitzuarbeiten ..."

Eine Zeitung ist nicht nur ein Produkt, sondern es kommt auf das Gefühl an. Jeder Leser soll die Chance haben, an der inhaltlichen Gestaltung seines Blattes mitzuarbeiten. Also sprach der alte Basisdemokrat und ewig junge Gefühlsmensch Hans Dichand bei seiner Melange im "Krone"-Anhängsel "Live". Titel der diesmaligen Selbstpersiflage: "Eine Zeitung ist kein Waschpulver". Das musste einmal gesagt sein. Um die Sentimentalität nicht überschäumen zu lassen, ist dafür gesorgt, dass sich die Mitarbeit der Leser an der inhaltlichen Gestaltung seines Blattes auf die Leserbriefseite beschränkt, während dort, wo die Linie ihrer Mitarbeit vorgegeben wird, ein Journalismus zügellosester Unabhängigkeit vom Herausgeber dafür sorgt, dass das Gefühl, auf das es ankommt, nicht zu kurz kommt.

Das Echo auf Cato so klingen zu lassen, als handelte es sich um das freie Wort der Leser, ist eine Spitzenleistung an Manipulation, deren tägliche Exekution legendären Gewinn bringt, wie der legendäre Gründer nicht verschweigt: Für uns sind die Leserbriefe eine Art Geheimwaffe unseres besonderen Erfolges als weitaus größte Tageszeitung Österreichs. An eine Gewinnbeteiligung der Waffenproduzenten ist bisher nicht gedacht, was angesichts ihrer tendenziellen Unverlässlichkeit verständlich ist. Es kommt auch vor, dass von einzelnen Personen eine Vielzahl von Leserbriefen geschrieben wird. Das erkennt man beispielsweise daran, dass immer der gleiche Rechtschreibfehler gemacht wird. Auch diese Leserbriefe werden, ebenso wenig wie verleumderische, nicht veröffentlicht.

Zum Glück erstreckt sich dieser orthografische Rigorismus nicht auf Personen, von denen ebenfalls eine Vielzahl von Leserbriefen geschrieben wird, die ihre pragmatisierte Existenz auf den Leserbriefseiten vielmehr der besonderen Anschmiegsamkeit an die Vorlieben des Herausgebers verdanken. Weinpolter und Co müssen sich also ebenso wenig Sorgen machen wie jener sonntägliche Beiträger, der die leicht zu beantwortende Frage aufwirft, was der Kardinal von Wien und die Sexomi ordinär respektive jene Karin, ich unbefriedigt, sexwillig suche Männer, wohl gemeinsam haben könnten: Es ist die Zeitung, in der sie ihre jeweiligen Anliegen vortragen.

Solange Christoph Schönborn in sein Sonntagsevangelium keine Rechtschreibfehler einfließen lässt, muss er sich also um dessen kleinformatige Verkündigung keine Sorgen machen. Der viel versprechende Titel dieser Woche - Lichte Momente - hätte freilich besser über den Bericht in der "Presse" vom Freitag gepasst, wo es hieß: Kardinal Schönborn distanziert sich vom "Intelligent Design". Dieses bußfertige Zugeständnis an den genius loci, die Akademie der Wissenschaften, übertitelte "Die Presse" mit den Worten Große Koalition mit Gott, was man nur als undelikate Anspielung auf die große Koalition des Kirchenfürsten mit der "Krone" deuten kann, war doch der einzige, der sich in der Akademie schmunzelnd großkoalitionär äußerte, deren Präsident Peter Schuster, und zwar mit dem Satz: Man wolle doch keine Große Koalition zwischen Bio- und Theologie.

Diese Koalitionsmüdigkeit verstärkte der Kardinal, indem er sich nicht nur vom Kreationismus, sondern auch gleich von seinem journalistischen Auftritt in der "New York Times" distanzierte. Der Artikel sei, räumte er ein, "etwas holzschnittartig" gewesen. Man könnte das "Design", den Plan, nicht auf der Ebene der Kausalität finden, mit der die Naturwissenschaft arbeitet. Wo sonst, blieb leider offen, kein Wunder, denn sein Wort von der "overwhelming evidence of design" sei "nicht naturwissenschaftlich gemeint" gewesen. Sondern irgendwie dings.

Es sei zwar nicht naturwissenschaftlich, aber "sinnvoller" und "vernünftiger", an einen Schöpfer zu glauben als an ein sinnloses, unerbittlich vergängliches Weltall, in dem nur kurz Bewusstsein aufflammt, sah der Kardinal eine Koalitionskrise zwischen Naturwissenschaft und Vernunft und bekannte sich damit in einem Aufwaschen zum Schöpfer der Kronen Zeitung", der sich seit Jahrzehnten bemüht, dem unerbittlich vergänglichen Weltall Sinn abzuringen, wenn auch "etwas holzschnittartig". Der widerlegte den Kardinal mit seiner Ansicht: "Wir können uns Schöpfung nicht vorstellen, weil wir nur Entwicklung kennen." Gedachte er doch der Zeit, als ich beschlossen hatte, die Kronen Zeitung neu zu gründen, und ihm von den Kreditgebern ein Geschäftsführer empfohlen wurde. Eine Art unheiliger Geist: Er ging daran, die Krone wie Waschmittel zu verkaufen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgab,e 10.3.2009)

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