Labor für Forschertypen

9. März 2009, 17:43
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Die Ausstellung "Konturen" im Kunstraum Niederösterreich: Zwischen Kunst und angewandter Forschung

Wien - Aus dem Bioreaktor sollen die Pigmente sein, deren Verbindung mit Öl wir Thomas Feuersteins monochrome Leinwände verdanken. Und das geht, dessen wird man glaubwürdig versichert, so: In seiner "Manna Maschine" werden Chlorella-Volgaris-Algen gezüchtet, die im zweiten Schritt einer Taufliegenkultur als Nahrung dienen. Die Monochromie ergibt sich, indem die Algenernte plan aufgetragen wird; illusionistisches Bildmaterial gewinnt man aus dem pointillistischen Gebrauch der Fliegen. Geordnet aufgespießt, ergeben diese dann schon einmal ein Porträt Niklas Luhmanns oder das Profil von Adam Smith.

Ob mit Kabel, Bandwurm, Darm oder netzgesteuerter Kaffeemaschine: Thomas Feuerstein zeigt die Welt als wucherndes System von Pilzfäden, als Geflecht behaupteter Geschichten, deren Erzähler allesamt nicht wissen, welchen Fruchtkörper sie nähren.

Und wenn man sich jetzt überlegt, wo einer wie Feuerstein Derartiges ausheckt, landet man schnell beim Schreibtisch. Über dieses an sich harmlose Möbel gebeugt und Bücher wälzend, feilen die "Wissenschafter" genannten Wesen im Dämmerlicht an Apparaten, denen - einmal zum Funktionieren gebracht - hoffentlich ein Mehrwert entspringt.

Der Traum vom Gold, dem die Alchemisten Lebenszeit wie Apparaturen widmeten, ist dem indirekten Versilbern gewichen. Eine dem Durchschnitt der heute Staunenden ebenso undurchschaubare Technologie gebiert Schädlingsresistentes Saatgut, Schmerzlinderndes oder Potenzförderndes. Andere Maschinen sagen einigermaßen genau Springfluten oder Erdbeben voraus. Substanzen konnten generiert bzw. isoliert werden, denen die Ausrottung tödlicher Viren zu verdanken ist bzw. das Eindämmen der Folgen von Pilz- wie Bakterienbefall.

Im Kunstraum Niederösterreich bleibt es den Besuchern überlassen, sich den Wissenschafter als schillernde Filmfigur, Comic-Helden oder einfach nur angestellten Laboranten vorzustellen. Ein mit klugen Schriften vollgepackter Schreibtisch lädt ein, wahlweise den "mad-scientist" oder den ehrgeizigen Weltverbesserer zu spielen. Allerhand Material steht im Raum bereit, ein Labor einzurichten, ein Bild dessen zu konstruieren, was zwischen knochentrockener Archivarbeit, gewagtem Experiment oder kreativem Chaos den Alltag des Forschens und den Typus des Forschers beschreibt.

Reinhold Zissers Apparat "Fuer ein gutes Leben - der verlorene Plan des C. W. Metternich" führt zurück in die Zeit der leicht durchgeknallten Stummfilmforscher. Gernot Wielands "ich, es, es, ich, Mamma, ich" sucht mit Schere, Klebstoff und Papier nach anschaulichen Modellen zumindest subjektiv höchst verwirrend empfundener Zusammenhänge. Bei Milena Bisters und Ursula Fischls "Netzwerken" schließlich bleibt jedem Kunstraumbesucher selbst überlassen, Kunst oder angewandte Forschung zu sehen. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 10.03.2009)

Bis 25. April

 

  • Thomas Feuersteins "Manna Maschine II".
    foto: galerie thoman

    Thomas Feuersteins "Manna Maschine II".

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