Schwach auf der Bühne, stark hinter den Kulissen

9. März 2009, 17:35
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Lehrergewerkschafter gelten vielen Kritikern als notorische Blockierer - Regelmäßig lassen sie Minister anrennen - und setzen sich am Ende oft durch

Wien - Walter Riegler wirkte schwer beleidigt. In endlosen Wortkaskaden beschwerte er sich über Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die es gewagt hatte, eine Entscheidung ohne seinen Sanktus zu treffen. Weitgehend vergeblich bemühte sich Moderatorin Ingrid Thurnher, dem Lehrergewerkschafter Konstruktives zu entlocken. Eine Vision von der Schule der Zukunft? Fehlanzeige.

Der Auftritt in der ORF-Sendung "Im Zentrum" war nur eine von vielen medialen Niederlagen Rieglers in den letzten Tagen. Bei ihrem Plan, die Lehrer zu zwei Unterrichtsstunden mehr zu vergattern, hat Schmied die öffentliche Meinung hinter sich - und das Match trotzdem nicht gewonnen. Vor Publikum sehen die Standesvertreter oft schlecht aus. Hinter den Kulissen setzen sie sich meistens durch.

"Sehr erfolgreich" nennt Josef Thonhauser, Erziehungswissenschafter an der Uni Salzburg, den Lobbyismus der Gewerkschaft: Ihr sei es zu verdanken, dass Österreichs Lehrer in sicheren Jobs gut verdienten. "Um die Professionalisierung haben sich ihre Vertreter hingegen nie gekümmert" , spricht Thonhauser auch gleich die Schattenseite an: "Die Gewerkschafter mauern, sobald etwas Neues kommt. Jeder Handgriff soll extra bezahlt werden."

Generationen von Ministern ließ die zähe Interessenvertretung anrennen. Sie torpedierte neue Lehrpläne, bremste bei Schulversuchen, wehrte sich gegen flexiblere Arbeitsbedingungen. Gegen die Gesamtschule führt die Gewerkschaft einen erbitterten Abwehrkampf, da mögen noch so viele Fachleute dafür sein. Expertisen wie die Pisa-Studie stempeln ihre Wortführer ohnehin gern als Propaganda ab, die bloß dazu diene, Lehrer zu vernadern. "Das sind konservative Besitzstandswahrer, denen es nur um Posten und finanzielle Absicherung geht" , urteilt Ex-Vizekanzler und Unterrichtsminister ErhardBusek: "Pädagogisches Konzept haben sie keines."

"Stilisieren Lehrer zu Opfern"

"Diese sogenannten Experten sind meist Leute, die nicht im Schulalltag stehen" , kontert Eva Scholik, Vertreterin der AHS-Lehrer: "Da wird mit Worthülsen versucht, uns mundtot zu machen." Die Gewerkschaft stehe Innovationen, sofern diese nicht zulasten ihrer Klientel gingen, sehr wohl offen gegenüber. Warum sie die neue Mittelschule, wie die Gesamtschule nun heißt, dann in Bausch und Bogen verdamme? "Weil die Qualität einfach nicht passt" , sagt Scholik: "Dieses Urteil muss man uns Fachleuten zugestehen. Punkt." Dass ihr Kurs richtig sei, bewiesen übrigens die Lehrer selbst, "die in den vergangenen Wochen in Massen in die Gewerkschaft eingetreten sind" .

Christa Koenne ist hingegen ausgetreten, und zwar schon vor Jahren. Anlass war ein Gespräch mit einem Spitzengewerkschafter, von dem sie mehr Einsatz für besser ausgestattete Arbeitsplätze verlangte. Ihr Gegenüber, erzählt die ehemalige Direktorin, habe mit folgendem Argument abgewunken: Da könnte ja jemandem einfallen, dass die Lehrer mehr Zeit in der Schule verbringen müssten.

Die Gewerkschaft vertrete ein Berufsbild von anno dazumal, "als manche auch deshalb Lehrer wurden, weil sie glaubten, um 14 Uhr heimgehen zu können" , kritisiert Koenne. Statt sich den Kopf zu zerbrechen, wie die Schule auf Wandel in der Gesellschaft reagieren könne, "beharren sie auf dem Status quo und stilisieren die Lehrer zu Opfern. Was von oben kommt, wird reflexartig abgelehnt. Mit kleinkariertem Stolz präsentieren sie dann jeden Euro, den sie herausgeschlagen haben." Zu einem gewissen Maß liege das in der Natur von Gewerkschaftern: "Das Problem ist, dass sie die Einzigen sind, die öffentlich für die Lehrer auftreten. Wir brauchen eine neue Vertretung, die auch für professionelle Arbeit an den Schulen kämpft."

Für fortschrittlicher als ihre Vertreter hält Ex-Minister Busek das Gros der Lehrer. Warum dennoch die alte Garde das Wort führe? "Man braucht halt die Unterstützung der Gewerkschaft, um Bezirksschulinspektor zu werden oder eine bestimmte Stelle zu bekommen" , sagt er: "Der Parteienstaat ist hier noch stark." Busek spricht aus schmerzlicher Erfahrung. Gerade in "seiner" ÖVP sind die Lehrerlobbyisten mächtig, mit Fritz Neugebauer führt einer der ihren den Arbeitnehmerflügel an. Seiner Nachnachnachfolgerin Schmied prophezeit Busek: "Gegen den Willen der Gewerkschaft wird sie sich nicht durchsetzen."
Halsstarrig, reformfaul und schnell eingeschnappt: Lehrergewerkschafter gelten vielen Kritikern als notorische Blockierer. Regelmäßig lässt die Standesvertretung Minister anrennen - und setzt sich am Ende oft durch. (Gerald John/DER STANDARD Printausgabe, 10. März 2009)

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    Ein Bild von zeitloser Symbolik: Lehrergewerkschafter Walter Riegler macht gegen die Bildungsministerin mobil.

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