"Erneuter Konflikt unwahrscheinlich, aber das Potenzial ist da"

9. März 2009, 15:11
10 Postings

Nordirland-Experte Dominic Bryan über die Auswirkungen des jüngsten Anschlags auf den Friedensprozess

Erstmals seit zwölf Jahren wurde in Nordirland am vergangenen Samstag ein Anschlag auf britische Soldaten verübt, bei dem zwei Armeeangehörige ums Leben kamen. Laut Dr. Dominic Bryan, Direktor des „Institute of Irish Studies" und Professor für Sozialanthropologie an der Queen's Universität in Belfast, hänge es nun von der Politik ab, wie sich der Anschlag auf den Friedensprozess auswirke. Dass der Konflikt erneut entfache sei generell möglich, aber eher unwahrscheinlich, wie er im Gespräch mit derStandard.at sagt. Eine mögliche Stationierung britischer Soldaten in Nordirland hält er für "nicht hilfreich".

****

STANDARD: Herr Bryan, war der Anschlag vom Samstag eine Ausnahme?

Bryan: In dem Sinn, dass wir seit einigen Jahren keine so gravierenden Anschläge mehr hatten, ja. Ich glaube, der letzte Soldat wurde 1997 ermordet. Die Situation wurde aber seit längerem beobachtet, es gab in den letzen Jahren einige Versuche, Polizisten zu töten. Die Polizei hat ja vergangene Woche gesagt, dass das Ausmaß der Bedrohungen größer geworden sei, es war keine totale Überraschung. Also, der Anschlag war eine Ausnahme, aber keine unerwartete.

STANDARD: Warum ist der Anschlag gerade jetzt passiert?

Das Potenzial war schon länger da, man könnte darüber spekulieren, dass es mit den Warnungen der Polizei zu tun hat. Die Polizei hatte ja angekündigt, britische Spezialeinheiten nach Nordirland bringen zu wollen. Ich würde aber sagen, der Anschlag war seit langer Zeit geplant.

STANDARD: Was weiß man über die „Real IRA", eine Splittergruppe der IRA (Irish Republican Army), die sich zu dem Anschlag bekannt hat?

Bryan: Sie hat sich vor einigen Jahren von der IRA abgespalten, nachdem diese den Waffenstillstand ausgerufen hatte. Sie war verantwortlich für den Bombenanschlag in Omagh im Jahr 1998, was der "Real IRA" damals großen politischen Schaden einbrachte, sie konnte sich nur schwer erholen. Ich weiß nicht, wie viele Mitglieder die Gruppe heute hat, aber es ist eine ziemlich kleine Splittergruppe, dennoch verfügt sie über Waffen und die Fähigkeit, solche Anschläge durchzuführen.

STANDARD: Welche Auswirkungen könnte dieser Zwischenfall auf den Friedensprozess, der 1998 mit dem Karfreitagsabkommen eingeleitet wurde, haben?

Bryan: Es hängt davon ab, wie die Politiker reagieren: Der Friedensprozess könnte verstärkt oder geschwächt werden. Ich glaube, dass beispielsweise der Bombenanschlag in Omagh 1998 den Friedensprozess gestärkt hat, die Menschen wollten danach einfach nicht mehr zurück zu dem von Terror und Gewalt bestimmten Leben. Jetzt hat Sinn Féin die Morde bereits öffentlich verurteilt und es wird gut damit umgegangen, die politische Situation könnte gestärkt werden. Trotzdem, für Unionisten kommt jetzt vieles davon auf den Tisch, was in der Vergangenheit passiert ist. Es gibt Rufe nach verstärken Sicherheitsvorkehrungen, möglicherweise könnten Soldaten auf die Straßen geschickt werden. Ich glaube aber nicht, dass solche Maßnahmen hilfreich sind, sie werden uns zurückwerfen und sie werden Sinn Féin das Leben sehr schwierig machen.

STANDARD: In Nordirland herrscht seit elf Jahren offiziell Frieden. Was wurde seither erreicht?

Bryan: Als ich die Nachricht am Sonntagmorgen hörte, hat sie so viele Erinnerungen zurückgebracht:
Wie man früher jeden Morgen die routinemäßig die Nachrichten gehört hat, um zu wissen, ob in der Nacht zuvor wieder eine Bombe hochgegangen war oder ob es eine Schießerei gegeben hat. Aber in vielerlei Hinsicht ist in Nordirland ein sehr friedliches Umfeld entstanden, es gab einige Zwischenfälle, aber generell leben in Frieden und die Sicherheitsvorkehrungen wurden massiv reduziert. Natürlich haben wir viele soziale und politische Probleme, aber wir haben keine Soldaten mehr auf den Straßen. Nordirland ist es in den vergangenen Jahren auch wirtschaftlich gut gegangen, wir waren in einer viel besseren Situation als noch vor 20 Jahren.

STANDARD: Könnte der Konflikt Ihrer Meinung nach erneut ausbrechen?

Bryan: Ich glaube, die Antwort lautet immer: Er könnte. Ich denke, wir wären naiv zu glauben, dass es kein Potenzial mehr gibt. Wissen Sie, wir haben eine sehr gespaltene Gesellschaft, Katholiken und Protestanten wohnen oft getrennt voneinander in eigenen Wohnsiedlungen. Und wenn die Arbeitslosigkeit steigt, wenn die wirtschaftliche Situation sich verschlechtert, es politische Instabilität gibt, könnte es ernsthaft schlimmer werden, natürlich. Aber generell sieht die Lage derzeit gut aus, sehr wenige Menschen wollen zurück zur Situation, wie sie vor dem IRA-Waffenstillstand 1994 oder vor dem Friedensvertrag 1998 war. Ich glaube die Situation ist ziemlich solide, auch innerhalb Sinn Féin und den republikanischen Gebieten. Wir haben das Problem, dass loyalistische paramilitärische Gruppen ihre Waffen noch nicht niedergelegt haben und das bleibt ein Thema. Also, wir könnten zurückfallen, aber ich glaube das ist sehr unwahrscheinlich.

STANDARD: Wie empfinden Sie die Stimmung nach dem Anschlag vom Wochenende in Nordirland?

Bryan: Lassen Sie mich ehrlich sein: Solche Dinge verändern das Leben der Menschen nicht, die Menschen haben heute Morgen das gemacht, was sie sonst auch tun würden. Allerdings glaube ich, dass sie ein beunruhigendes Gefühl haben und sich denken: „Nein, nicht all das noch einmal." Ja, was passiert ist, macht die Menschen besorgt. Aber, um es sehr unverblümt auszudrücken: Die Menschen in Nordirland haben schon ganz andere Zeiten überstanden, wie schlimm dieser Anschlag auch sein mag. Sie leben einfach ihr Leben weiter, welche Wahl haben sie denn? (Maria Kapeller, derStandard.at, 9. 3.2009)

 

Der Konflikt in Nordirland wird häufig als Glaubenskrieg bezeichnet, hat aber vielschichtigere Ursachen. Experte Dominic Bryan: "Obwohl wir die beiden Gruppen als Katholiken und Protestanten bezeichnen, geht es um die politische Frage, ob die sechs Grafschaften Nordirlands weiterhin innerhalb des Vereinigten Königreichs existieren oder aber ein Teil eines vereinigten Irlands werden." Eine genauere politische Bezeichnung der beiden Gruppierungen wäre demnach Nationalisten (katholische Seite) und Unionisten (protestantische Seite), obwohl auch religiöse Elemente eine Rolle spielen würden. Aber: "Der Konflikt dreht sich nicht wirklich um Religion, sondern um die Legitimität, in welchem Staat wir leben", so Bryan.

  • Dominic Bryan, Direktor des "Institute of Irish Studies" der Queen's Universität in Belfast.
    dominic bryan

    Dominic Bryan, Direktor des "Institute of Irish Studies" der Queen's Universität in Belfast.

  • Nach dem Anschlag herrschte Betroffenheit in Nordirland.

    Nach dem Anschlag herrschte Betroffenheit in Nordirland.

Share if you care.