Den Machos keine Chance geben

9. März 2009, 18:50
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Das Projekt "Mary Barreda" kämpft im vom Machismo beherrschten Nicaragua erfolgreich gegen Gewalt an Frauen - mit österreichischer Unterstützung

Seit 1958 ruft die Katholische Frauenbewegung Österreichs (kfb) in der Fastenzeit zur "Aktion Familienfasttag" auf: Unter dem Motto "teilen macht stark" soll für Entwicklungsprojekte gespendet werden, die notleidende Frauen unterstützen und damit ein Zeichen der Solidarität mit Frauen in der ganzen Welt gesetzt werden. Eines der erfolgreichen Langzeit-Projekt der kfb in Nicaragua ist "Mary Barreda" - benannt nach der ermordeten christlichen Sozialreformerin -, das 1989 von Prostituierten in der Kleinstadt Leon gegründet wurde, um organisiert für ihre Rechte eintreten zu können. Heute ist Mary Barreda eine anerkannte Frauenorganisation, die für die Rechte von Gewaltopfern eintritt sowie Aufklärungsarbeit, Gesundheits- und Gewaltprävention betreibt.

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Mit nasskalten Fingern schrubbt Nancy Martinez Wäschestücke über eine Waschrumpel, drückt sie aus, hängt sie auf die Leine, bügelt. Hinter ihr eine karge Wellblech-Baracke. Der ehemaligen Sexarbeiterin, die seit ihrer frühen Kindheit tagtäglich mit Gewalt konfrontiert, seelisch und körperlich misshandelt worden war und mit 15 Jahren in die Prostitution flüchtete, bedeutet dieses desolate, aber eigene Zuhause viel: Seit eineinhalb Jahren muss sie ihren Körper nicht mehr verkaufen; sie lebt hier mit ihrem neuen Mann und sieben ihrer neun Kinder zusammen und bessert mit Waschen und Bügeln für andere das Familieneinkommen auf.

Dass sie heute ohne Gewalt und Prostitution leben kann, verdankt Nancy ihrem mit Hilfe von Mary Barreda wiedergefundenen Selbstwertgefühl: "An dem Ort, an dem ich arbeitete, lernte ich die Mitarbeiterinnen von Mary Barreda kennen. Sie besuchten uns und sprachen mit uns darüber, welche Krankheiten es gab, was ein Kondom war - etwas, wovon ich keine Ahnung hatte. Sie ermutigten mich, weiterzumachen, nicht den Kopf hängen zu lassen. Ich misshandelte meine Töchter, ich behandelte sie schlecht, weil auch ich schlecht behandelt worden war. Ich wusste nicht, was Gewalt war, für mich war das etwas Normales." Heute wisse sie um die Rechte, die sie als Frau habe und wie sie diese wahrnehmen könne. Sie habe gelernt, sich als Frau anzuerkennen, hält nun selbst Seminare über Gewalt in der Familie und über Gesundheitsvorsorge.

Sensibilisieren und aufklären

Die Sensibilisierung von Bevölkerung und Regierungsinstanzen für die Probleme von Gewalt und sexueller Ausbeutung ist eine der wesentlichen Aufgaben des Teams von Mary Barreda, ebenso auch die Betreuung bzw. Vertretung von Gewaltopfern vor Gericht, wobei sie mit dem Frauenkommissariat - einer Einrichtung der Polizei, die von Gewalt betroffene Frauen aufnimmt - und der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten. Mary Barreda spricht sich zum Beispiel gegen ein Geschworenengericht in Gewaltfällen aus: Es fehle in der Bevölkerung an Sensibilität für Gewaltfälle gegen Frauen. Außerdem kämen die Geschworenen oft nicht zum Verfahren und es komme häufig vor, dass Angeklagte straffrei aus einer Verhandlung gehen. Weiters spricht sich Mary Barreda gegen Mediation in Gewaltfällen aus - für sie ist Gewalt gegen Frauen nicht verhandelbar.

Sexarbeiterinnen können sich bei Mary Barreda regelmäßig untersuchen und rechtlich beraten lassen; in Selbsthilfegruppen lernen sie, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, um, wie Nancy Martinez, die Chance auf soziale Rehabilitation auch nutzen und ihre eigenen Anliegen und Rechte besser vertreten zu können. In Schulen und Universitäten werden Workshops über sexuellen Missbrauch abgehalten und in Netzwerken leistet Mary Barreda politische Arbeit. Außerdem betreibt die Einrichtung ein Schutzhaus für Jugendliche, Gewaltopfer und gefährdete Frauen.

Gewalt als Alltag

"Gewalt gegen Frauen, besonders in der Familie, steht in Zentralamerika auf der Tagesordnung. Der Machismo ist hier stark verbreitet; viele Männer sehen ihre Frauen und Kinder als ihren persönlichen Besitz", schildert Barbara Wandl, Referentin der Katholischen Frauenbewegung Österreichs (kfb), gegenüber dieStandard.at. "50 Frauen sterben in Nicaragua pro Jahr an den Folgen von Gewalt. Nach Naturkatastrophen wie dem Hurrican Mitch 1998, der hohe Arbeits- und Perspektivenlosigkeit zur Folge hatte, stieg die Gewalt noch mehr. Durch Aufklärung und Sensibilisierung im Rahmen von Frauenprojekten und -Initiativen wird die Situation langsam besser, aber es braucht politische Unterstützung, um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen und die ist nicht vorhanden."

Von der sozialen Revolution der Sandinisten von 1979, während der auch die Frauenbewegung in Nicaragua entstand, sei im Land heute nicht mehr viel zu spüren: "Keine einzige Frau ist als Entscheidungsträgerin in der Politik zu finden. Die Regierung unter Daniel Ortega konzentriert sich in erster Linie auf den Machterhalt und Machtausbau", so Wandl. Regimekritische NGOs und zivilgesellschaftliche Bewegungen würden verfolgt. Auch Frauenorganisationen stünden unter Beschuss; die Gefahr von staatlichen Übergriffen wachse - was diese aber nicht davon abhalte, sich weiter für ihre Anliegen zu engagieren. Mary Barreda etwa habe sich bei staatlichen Stellen bereits einen Namen gemacht, sagt Wandl, die deren Arbeit vor Ort kennengelernt hat: "Die MitarbeiterInnen von Mary Barreda werden mittlerweile sogar schon von Politikern als ExpertInnen befragt. Sie suchen die Kooperation mit Politik und Staat, schulen Personal von Einrichtungen, die mit Gewaltfällen zu tun haben, arbeiten hier auch mit dem Familienministerium zusammen. Mary Barreda investiert auch viel in die Ausbildung des eigenen, 24-köpfigen Teams; sie haben professionelles Personal und daher genießen sie einen guten Ruf in Leon."

Schutz von Kindern

Das Stadtviertel um den Busbahnhof ist einer der "Haupteinsatzorte" von Mary Barreda. "Hier konzentrieren sich Prostitution und Drogenhandel; besonders junge Mädchen, die hier als Straßenverkäuferinnen arbeiten, sind häufig Opfer sexueller Gewalt durch Busfahrer oder Passagiere", schildert Barbara Wandl. "Das geht so weit, dass sie ihre Sachen nur dann im Bus verkaufen dürfen, wenn sie sich dem Buschauffeur zur Verfügung stellen. Mary Barreda hat deshalb ein soziales Netzwerk mit der Polizei, mit Schuhputzern, Busfahrern sowie Markt- und Straßenverkäuferinnen gegründet, um Kinder, die am Busbahnhof arbeiten, zu schützen. In einem kleinen Haus gegenüber wird den Kindern außerdem ein geschützter Aufenthaltsort und Betreuung geboten. Natürlich schauen noch immer viele weg, wenn etwas passiert, weil sie Gewalt als Privatsache betrachten und Männer andere Männer schützen, aber durch die Sensibilisierung der Bevölkerung ist es viel besser geworden." (isa/dieStandard.at, 9. März 2009)

Die entwicklungspolitische Arbeit der Katholischen Frauenbewegung

Die Katholische Frauenbewegung fördert seit Jahrzehnten weltweit Basisprojekte, in denen Frauen Hilfe zukommt, um ihr Leben aus eigener Kraft nachhaltig besser gestalten zu können; "Hilfe zur Selbsthilfe" ist ihr oberstes Anliegen. Manche Projekte werden bereits seit vielen Jahren erfolgreich unterstützt; die meisten Programme laufen im Bereich Gesundheitsvorsorge und Gewaltprävention, Alphabetisierung und Berufsbildung sowie Kleingewerbe, Wiederaufbau und ökologische Landwirtschaft. Sie werden ausschließlich von einheimischen Frauen gestartet und durchgeführt.

Geografische Schwerpunkte sind Süd- und Südostasien sowie Länder Lateinamerikas. Die Projekte werden in enger Kooperation mit Partnerorganisationen vor Ort und in Österreich durchgeführt. "Mary Barreda" etwa wird vom Netzwerk Horizont3000 begleitet, einer österreichischen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit, die im Auftrag der kfb die Einreichung von Projekten zur Kofinanzierung durch die EU und Österreich übernimmt. Damit können zusätzliche Mittel für die ProjektpartnerInnen bereitgestellt werden.

Alle Projekte, die von der Katholischen Frauenbewegung gefördert werden, wurden sorgfältig ausgewählt; das Österreichische Spendengütesiegel bürgt dafür, dass die gespendeten Gelder tatsächlich den jeweiligen Programmen vor Ort zugute kommen.

Links:
www.teilen.at
www.kfb.at

  • Das Projekt Mary Barreda: Durch Sensibilisierung und Aufklärung der Bevölkerung soll Gewalt gegen Frauen öffentlich gemacht werden. Betroffene Frauen lernen so, ihre Rechte wahrzunehmen.
    foto: katholische frauenbewegung österreich (kfb)

    Das Projekt Mary Barreda: Durch Sensibilisierung und Aufklärung der Bevölkerung soll Gewalt gegen Frauen öffentlich gemacht werden. Betroffene Frauen lernen so, ihre Rechte wahrzunehmen.

  • In Selbsthilfegruppen stärken Sexarbeiterinnen ihr Selbstwertgefühl.
    foto: katholische frauenbewegung österreich (kfb)

    In Selbsthilfegruppen stärken Sexarbeiterinnen ihr Selbstwertgefühl.

  • Das Stadtviertel um den Busbahnhof ist einer der "Haupteinsatzorte" von Mary Barreda - hier konzentrieren sich Drogenhandel und Prostitution.
    foto: katholische frauenbewegung österreich (kfb)

    Das Stadtviertel um den Busbahnhof ist einer der "Haupteinsatzorte" von Mary Barreda - hier konzentrieren sich Drogenhandel und Prostitution.

  • Besonders junge Straßenverkäuferinnen laufen hier Gefahr, Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden.
    foto: katholische frauenbewegung österreich (kfb)

    Besonders junge Straßenverkäuferinnen laufen hier Gefahr, Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden.

  • Um die Mädchen und die Kinder der Straßenverkäuferinnen zu schützen, hat Mary Barreda ein Haus gegenüber des Busbahnhofs gemietet, wo sie tagsüber betreut werden.
    foto: katholische frauenbewegung österreich (kfb)

    Um die Mädchen und die Kinder der Straßenverkäuferinnen zu schützen, hat Mary Barreda ein Haus gegenüber des Busbahnhofs gemietet, wo sie tagsüber betreut werden.

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