"Religion kommt bei uns von der Seele"

9. März 2009, 07:50
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Eine Wiener Schule er­zieht selbstbewusste Juden: Mit großer Tradition und kleinen Gesten

Das Volk Israel ist in der sechsten Stunde noch immer in der Wüste. David rutscht auf seinem Sessel herum, in der rechten Hand einen Leuchtstift. Geduldig streicht er die wichtigsten Passagen der Tora an. In seinem Schulbuch wird die jüdische Geschichte als bunter Comic-Strip erzählt. Es ist Freitagnachmittag, nur die Pausenglocke trennt David vom Wochenende. "Noch eine Stunde, dann hab‘ ich endlich aus", sagt der 9-Jährige.

In der Zwi Perez Chajes (ZPC) Schule läuft etwas verkehrt: Die Kinder lesen hier die Religionsbücher von rechts nach links, von unten nach oben - und sie freuen sich auf den Unterricht. Wenn Religionslehrerin Yael Gross, eine dunkelhaarige, gutmütige Frau das Zimmer der dritten Klasse betritt, wird zuerst einmal ein Lied gesungen. Auf Hebräisch, versteht sich. "Frau Gross ist die beste", flüstert ein Schüler. Die Kinder mögen sie, weil die Lehrerin ihnen immer zuhört und am Schluss Kuchen verteilt.

Größte jüdische Schule

Wir sind am Rand des 2. Wiener Bezirks, gleich dort, wo die Donau die Stadt teilt, nur einen Steinwurf vom Praterstadion. 300 jüdische Kinder gehen hier in Volksschule und Gymnasium. Hundert weitere besuchen hier den Kindergarten. Der großzügige Neubau beherbergt die größte jüdische Bildungsstätte Österreichs. Eine Privatschule, in der Tradition viel gilt: Die ZPC-Schule lehrt von der ersten Volksschule an Iwrit, also Hebräisch; den Tag eröffnet ein Morgengebet; in der Mittagskantine wird koschere Kost gereicht und die Buben tragen stets Kippot, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung.

David fällt seine Kippa gerade auf den Boden, als er mit dem Sessel schaukelt. Das meiste ist hier aber genauso wie in jeder anderen Volksschule: Die Federpennale quellen über vor Buntstiften, an den Wänden hängen Kinderzeichnungen. Die Mädchen haben in diesem Alter noch rosa Rucksäcke, die Buben blaue.

Das vorlauteste der 16 Kinder ist Aviel, der in der letzten Reihe sitzt und immerfort dazwischenruft. Frau Gross sagt dann mit ruhiger Stimme: "Aviel, jetzt liest du einmal!" Aviel trägt als einziger ein Polo-Shirt, und nicht wie die anderen dunkelblaue Pullis. Beides ist Teil der Schuluniform. Er schneidet eine Grimasse, um dann doch brav auf Hebräisch vorzulesen: Es geht um den "Kohen Gadol", den Hohepriester, der die Menora (einen siebenarmigen Leuchter) mit Olivenöl entzündet. "Wie der Priester angezogen ist, das ist ja nicht sehr interessant", wird Frau Gross nach der Stunde insgeheim zugeben, "aber die Kinder waren trotzdem brav".

Zwischenrufe auf Hebräisch

Wenn Frau Gross eine Frage stellt, werden alle ganz unruhig. Die meisten strecken ihre Hände in die Höhe, manche Kinder hüpfen sogar auf, weil sie unbedingt drankommen wollen. Dazwischengerufen wird in der Religionsstunde auf Hebräisch, nur manchmal auf Deutsch. Auch Frau Gross, die seit 19 Jahren in Wien unterrichtet, schon damals, als die ZPC-Schule noch im alten Gebäude beim Augarten angesiedelt war, wechselt ständig, beginnt manchmal einen Satz auf Hebräisch und schließt ihn auf Deutsch. Sie stammt aus Israel, 1989 kam sie von Jerusalem nach Wien.

Daniel ist besonders aufgeweckt. Manchmal schüttelt er den Kopf oder lacht, wenn jemand nicht Hebräisch lesen kann. "Hin und wieder geht das schon auf die Nerven", sagt er. Einige Kinder haben israelische Eltern, andere russische, viele auch österreichische. Unterrichtet werden alle Fächer auf Deutsch, auch Religion. Gerade dort verschwimmen die Sprachgrenzen aber häufig. "Wir wollen den Kindern das jüdische Leben, die Traditionen, die Philosophie beibringen", sagt Judith Zinner, die wie Yael Gross Religion lehrt. Der römisch-katholische Religionsunterricht ist manchen Schülern bestenfalls eine lässliche "Freistunde". "Wie es bei anderen ist, weiß ich nicht", sagt Zinner, aber "bei uns kommt der Unterricht wirklich von der Seele. Unsere Schüler sind bewusste Juden."

„Religion ist manchmal süß"

Die leidvolle Geschichte des Judentums in Österreich spiegelt sich auch in der ZPC-Schule wider, die bereits 1919 gegründet wurde, aber 1939 zu existieren aufhörte. Bis zur Judenverfolgung gab es hier 1.500 Schüler und 350 Absolventen. Erst 1984 öffnete sie wieder ihre Pforten. Tatsächlich hat die ZPC-Schule ein bestimmendes Ziel: die Kinder nicht nur zu klugen Erwachsenen zu machen, sondern zu Menschen, die ihr Judentum ganz selbstverständlich leben. Dennoch, betont Frau Zinner, würde sie in der Religionsstunde niemals politisieren. "Religion wird bei uns schön gemacht und manchmal süß" sagt sie, denn sie weiß, dass es heute Kuchen gibt.

Frau Gross schneidet ihn in 16 gleiche Stücke. Die Schüler singen derweil ein hebräisches Lied, um die Stunde zu beschließen. Sie sagt: "Nächste Woche backen wir Kekse zum Purimfest." Es ist das Fest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus der Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Die Kinder jubeln und überlegen laut, wie das sein wird: gemeinsam Kekse backen mit Frau Gross. Sie denken nicht an den Polizisten, der draußen in einem winzigen Kabäuschen die Schule bewacht, oder an die Sicherheitsleute, die nebenan in einem Container hocken und jeden Besucher fragen, ob er eine Waffe dabei hat.

Klassenclown Aviel springt als erster aus seinem Stuhl und läuft durch die Klasse. "Aviel, kannst du dich endlich beruhigen, bitte", ruft Frau Gross, plötzlich sehr streng. Es mag ein Zufall sein, aber gerügt wird meistens auf Deutsch. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 9.3.2009)

  • Über Diaspora und Kekse backen: Jüdischer Religionsunterricht ist eine bittersüße Angelegenheit
    foto: lukas kapeller
    Foto: Lukas Kapeller

    Über Diaspora und Kekse backen: Jüdischer Religionsunterricht ist eine bittersüße Angelegenheit

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