Mein Inderwahn

10. März 2009, 16:01
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Das Salz unter ihren Achseln, das Murg im Nirvana, die größte Küche der Welt und die Paneer daheim: Harald Fidler alias Mattar Harry fragt nach dem Inder und isst vegetarisch

Das Schlimmste ist das Aufstoßen: Viele, viele Stunden, zwei, drei Kaffee, Äpfel, Bananen, schließlich Reis und Fisch später, spüre ich noch immer, dass ich mittags im Nirvana war. Nun ist das Nirvana an sich gar nichts Schlimmes, Abermillionen von Buddhisten arbeiten unermüdlich darauf hin, wenn ich das richtig verstanden hab. Wenn halt nicht das Rülpsen wär.

Wobei mir diese Tätigkeit, jedenfalls in ihrer stillen Form der inneren Wiederkehr, gar nicht unsympathisch ist. Unbeirrbare Schmecks-Leser erinnern sich womöglich noch an die Idee eines Rülps-Rankings. Aber es kommt schon darauf an, was da wiederkehrt. Nicht alles, was beim Hinunter noch ziemlich super war, freut auch bei der zweiten geschmacklichen Begegnung.

Murg im Nirvana

Das Murg Khumani von der Mittagskarte, Sektion "Business Lunch", im Nirvana in der Wiener Rotenturmstraße, war so ein Fall. Eigentlich ganz erfreulich, soll heißen: Hat durchaus geschmeckt. Feststofflich vor allem Huhn. Frischer Koriander drauf. Dazu mir zu bissfester Reis. Dicke Sauce, die ich bekennender Dilettant (ganz besonders beim Indischen) wie so oft nicht präzise benennen kann, jedenfalls aber mittelscharf.

Mittelscharf. Hat eigentlich schon jemand "mild" oder "scharf" beim Inder bestellt? Kann ich mir nicht vorstellen, die Frage danach soll bestimmt nur die klischeehafte Höflichkeit des Inders als solchen unterstreichen. Wahrscheinlich bestellen ja auch 87,3 Prozent der Fleisch essenden Weltbevölkerung ihr Steak medium, viel zuviele (ich kenne welche vom Grillen, ts) tatsächlich well done und ein paar draufgängerische Existenzen wie ich bleu oder rare, bitte halt gerade warm, oder so.

Sanft, aber sauscharf

Wobei mittelscharf beim Murg im Nirvana mir Gewürzmemme schon ziemlich scharf erschien. Fast schon unhöflich scharf. Aber soll ja gesund sein, auch wenn das Feuer auf meine gerade aufkeimende Halsentzündung keineswegs desinfizierend wirkte. Egal, bin ja beim Inder und nicht beim Medizinmann.

Das führt natürlich zwingend zur Frage: Warum essen die so sanften Inder eigentlich so sauscharf, wenn man sie lässt? Desinfektion, tippen manche. Posterinnen und Poster vor mit Erklärungen, bittschön! Ich habe dazu nur mein schon eine ziemliche Zeit zurückliegendes Beef Madras beim Inder in der Burggasse beizutragen, der sich mit vollem Namen "Khajuraho Palace zum Inder" schreibt, da wollen wir nichts unterschlagen.

Schweiß, waagrecht

Dieses Rind stand nicht nur als wirklich, wirklich scharf in der Karte. Das Servierpersonal warnt nicht nur einmal vor dem Rind als wirklich, wirklich, wirklich scharf. Das Tier, von dem ich immer gedacht hatte, dass man das in Indien besser nicht bestellt, sah einem Gulasch sehr, sehr ähnlich. Und war wirklich, wirklich, wirklich, wirklich scharf. Wenn mir der Schweiß waagrecht aus allen Poren vom Unterlid bis zum Backenkochen schießt, von der Stirn gar nicht zu reden, dann ist die Sache wirklich ernst. Viel Joghurt, bitte, viel Brot, und noch mehr Joghurt. Und reden wir nicht vom Tag danach, bitte. Essen mit Spaß.

Nahtlos schließt sich da meine Ess-Erfahrung an Ort und Stelle an, wobei an Ort und Stelle bei einem derartigen Batzen Land natürlich etwas vage bleiben muss. Zudem kam ich beim ersten Mal nicht wirklich zum Essen. In drei Tagen Mumbai hat mich der Veranstalter der Pressereise nach meiner Erinnerung vor allem durch Bollywoodkinos, Bollywoodmusicalproben und Bollywooddrehlocations ohne ausnehmbares Catering gelotst, eine Tourikneipe, zudem durch (teils italienische!) Hotelrestaurants und Bollywoodstardiscos, was mir eher wenig Gelegenheit zum Studium der indischen Küche gab.

Nicht Hindu? Nicht rein, du!

Beim zweiten Mal (touristisch, Einladung, RONDO, Schnorrer, ich weiß) ging es nach Orissa in Nordostindien. Auch viel (immerhin indische und für meine Wahrnehmung feine) Hotelküche. In Erinnerung blieben aber herausragende Krabben im aus dem gewaltigen Chilika-See (im, ja, Hotel Yatri Niwas, immerhin ein ziemlich einfacher Schuppen).  In Erinnerung blieb auch eine nachhaltige Verstimmung des Verdauungstrakts.

In Erinnerung blieb aber auch die Tempelküche von Lingaraj in Orissas Hauptstadt Bhupaneswar. Laut Reiseführer die größte Küche der Welt: Sie verkocht mehrere Tonnen Reis, und das angeblich pro Tag, produziert 60 Gerichte. Blöd, dass es für Nichthindus nichtreindu heißt in die Tempelanlage. Nix mit kosten. Nix mit authentisch.

Schweiß als Würze

Sollte ich jemals "authentisch" über ein italienisches Restaurant diesseits der Grenze schreiben, bitte um adäquate Erregung per Posting. Nicht einmal da trau ich mir zu, das zu beurteilen. Beim Inder? Niemals! Wobei einem das Erkunden von Authentizität auch den Genuss verderben kann. Diese Erkenntnis verdanke ich einem Ehepaar aus dem diplomatischen Dienst, das eine Zeit in Mumbai stationiert war.

Mit Vorliebe führten sie ihre Gäste in ihren ganz einfachen Lieblingsimbiss, den sie mir als eine Art Heurigen auf Indisch beschrieben. Bis die Frau des Diplomaten sich auf dem Weg zur Toilette in die Küchenecke verirrte und sah, wie das Fladenbrot hier zu seinem Geschmack kam. Ums Feuer saßen ein paar junge Herren, die mit flinken Bewegungen das Brot formten, in die Länge zogen, und dann flippflapp einmal unter die linke Achsel und einmal unter die Rechte Achsel drückten. Die Diplomatengattin, keineswegs von der Sorte etepetete, tippte auf einen Würzvorgang, mit dem sie sich nicht recht anfreunden wollte. Lassen wir das, zurück nach Wien.

Frag nach dem Inder

Dass Indisch nicht so mein Allerlieblingsding ist, können Sie schon an zweieinhalb Jahren Schmecks mit viel Beuschel, Kuttel und Reh, aber völlig ohne Murg und Paneer ablesen. Das muss sich ändern, schon wegen der Vorlieben der Vegetarierin meines Vertrauens. Also frag' ich den Kollegen Corti, welchen Inder er mir empfehlen kann, der Indian Pavillon auf dem Naschmarkt sperrt ja blöderweise abends ziemlich früh. Tandoor, sagt der Corti, in der Antonigasse/Ecke Martinstraße im 18. Dann frag ich noch Kollegin Schnizlein von der APA, die mir schon lange einen Schmecks-Test versprochen hat. Tandoor, sagt sie. Guter Plan, eigentlich, war ich schon vor Jahren, und gar nicht unglücklich.

Vom Tandoor hab ich gerade ein Mattar Paneer geholt. Paneer, da fühlt sich der Österreicher gleich zuhause. Palak Paneer mit Spinat kannte und (mochte) ich schon aus Orissa, Mattar mag die Vegetarierin, und zwar nur bei diesem Gericht. Kurzum: Wir hätten zwei Portionen von dem indischen Käsegericht nehmen sollen. Beim gierigen Teilen wurden wir rasch zu Erbsenzählern, die das Mattar an diesem Paneer ausmachen. Mittelscharf übrigens. Und rülpst angenehm dezent.

PS: Verraten Sie mir den Inder Ihres Vertrauens? Wirte mein ich natürlich. Danke! Und, wenn Sie unbedingt wollen: Namaste!

PPS: Zwar Pakistan, aber jedenfalls schwer ok: der Wiener Deewan.

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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