Plappern, bis der Vokuhila zittert

8. März 2009, 19:03
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Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" am Burgtheater: Stefan Bachmanns Regie trotzt der Oberfläche einiges an Komik ab

Wien - "Das Theater hat mich inzwischen hinter sich gebracht", konstatierte Botho Strauß in einem seiner raren Interviews anno 2000. Seine zunehmend unglimpflich abqualifizierten Gesellschaftsdramen fanden tatsächlich ziemlich selten auf die Spielpläne. Die letzten zwei Jahrzehnte waren eben eine denkbar schlechte Zeit für die luxuriösen Leiden des Bürgertums.

Der "seriöse Schund", den der kürzlich verstorbene Literaturwissenschafter Jörg Drews an Strauß' Schreiben einst (1984) bemerkt zu haben glaubte, lässt sich heute leichter denn je in ein Adelsprädikat wenden; man nennt es dann Edelboulevard. Das klingt viel besser und ist seit Yasmina Reza auch an Elitebühnen hoffähig. Warum soll sich also gerade Botho Strauß für die Leichtigkeit tögeln lassen?

Regisseur Stefan Bachmann (Verbrennungen) unternimmt deshalb mit der 1977 uraufgeführten Trilogie des Wiedersehens einen Ehrenrettungsversuch, der über die endenwollende Dringlichkeit dieses Palaver-Stücks mit Kurzweile hinwegtröstet.

Die Trilogie des Wiedersehens versammelt an einem Sommernachmittag des Jahres 1975 Künstler und Freunde eines Kunstvereins bei der Vorbesichtigung einer Ausstellung namens "Kapitalistischer Realismus", ein Panorama von Seventies-Typen, die über ihrem eigenen Kunst- und Lebensgequake kommunikativ drastisch erlahmen. Vierzehn Figuren plus ein Wärter plus ein Kind, die an ihrer eigenen Ichlosigkeit leiden, sich selbst nicht begreifen und deshalb auch kein Verständnis, ja nicht einmal Interesse für ein Gegenüber aufzubringen vermögen. Das Gesagte erreicht den anderen nie. Die Übergabe eines Geschenks etwa (ein Buch mit dem Titel "Schöne wilde Welt"), vom Vater zum Sohn, behindert bei Bachmann eine sich zwischen den beiden überlang erstreckende Bank.

Die Personen gleichen den (hier: unsichtbaren) Exponaten. Manchmal löst ein Bild gar mehr aus als ein anderer Mensch, etwa wenn Felix (Jörg Ratjen) beim bloßen Anblick eines gemalten Getreidefeldes der Heuschnupfen packt. Während sein Gesprächspartner Richard (Dietmar König) sich erfolglos den Mund fusselig redet, sodass der Vokuhila auf seinem belesenen Kopf zu zittern beginnt.

Bachmann verarztet dieses vom immergleichen und zu nichts als seinem eigenen Kunstgeschwätz zurückführende Stück mit einer präzisen Dramaturgie und großer Hingabe an seine totale Oberfläche. Er unterstreicht den fotografischen Blick des Autors, der die neunzehn Szenen in Blenden unterteilt hat; erzeugt Standbilder, die allein durch ihre Dauer Komik erlangen, etwa wenn die Vernissagegäste im Galerienrund (Bühne: Hugo Gretler) mit ihren - Pardon - blöden Gesichtern zu belangloser Loungemusik ihre Körper (oder Lippen, egal) rhythmisch bewegen.

Bachmann belässt diese Kunstschickera mit Haut und (vor allem) Haaren in den 70er-Jahren, behandelt sie also selbst als Museumsstück. Ein Transfer ins Heute wäre bei diesem ganz dem Manierismus der Siebziger verhafteten Werk ohnehin vergebene Liebesmüh. Mehr gibt das Stück auch nicht her.

Es sind also auch die Schauwerte in puncto Retroschick (Kostüme: Annabelle Witt), die die Inszenierung über drei Stunden lang tragen: die Grandezza eines geschiedenen Blumenkindes (Sabine Haupt), der arme Dichter mit Handke-Schnauzbart (Philipp Hauß), die Glam-Revoluzzerin im pinkfarbenen Overall (Melanie Kretschmann), die zu ihrem Moritz (Markus Hering) liebestoll hingezogene Kämpferin Susanne (Regina Fritsch in Plateaustiefeln). Und viele andere des famosen Ensembles, die diese "Erosion der Verständigung" aufgewertet haben. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2009)

 

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    Auf dass sich der kapitalistische Realismus von den Wänden schäle: Regina Fritsch (Susanne).

     

     

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