"Es wird geschwiegen, gemauert und gelogen"

8. März 2009, 18:57
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Im neuen Aufdeckerbuch "Verschlusssache Medizin" greift Autor Kurt Langbein die Miss­stände im Gesundheitssystem an

Qualität sei im Gesundheitssystem falsch definiert, Fehlermanagement ungenügend, sagt Autor Kurt Langbein in seinem Buch "Verschlusssache Medizin". Das Interview zur Buchneuerscheinung führte Karin Pollack.

STANDARD: In Ihrem Buch greifen Sie Missstände im Gesundheitssystem an. Wie haben Sie recherchiert?

Langbein: Ziel war, die Struktur- und Qualitätsschwächen des Gesundheitssystems darzustellen, und zwar konkret und nicht auf der Metaebene der Analyse. Erfreulicherweise ist es so, dass es immer mehr Mediziner gibt, die sehen, was schiefläuft, und nicht mehr wie früher die Augen und Ohren vor Problemen verschließen.

STANDARD: Mit welchen Ärzten haben Sie gesprochen?

Langbein: Ich hatte Bündnispartner von Universitäten, etwa die Salzburger Mediziner, die eine Studie zu Medikamenten-Vielverschreibungen bei älteren Patienten durchgeführt haben. Das Ergebnis: Viele kommen nur deshalb ins Spital, weil ihnen unnötig viele, nicht aufeinander abgestimmte Medikamente verschrieben werden. Eine andere Studie lieferte das Ergebnis, dass nur 30 bis 40 Prozent aller Untersuchungen vor Operationen sinnvoll sind. Aus dem Krankenhaus Horn gibt es Daten darüber, dass nur die Hälfte aller Spitalseinweisungen notwendig waren.

STANDARD: Das sind öffentlich publizierte Studien. Welche Quellen hatten Sie noch?

Langbein: Ein überaus verschlossener Bereich ist das Qualitätsmanagement in Spitälern. In Niederösterreich etwa wurden im Auftrag der NÖGUS von erfahrenen Medizinern Qualitätsberichte über die Arbeit in Spitälern recherchiert. Als die Ergebnisse sehr negativ ausfielen, wurden die Berichte unter Verschluss genommen. Mitarbeiter, die da nicht mitmachen wollen, haben mir die Unterlagen zur Verfügung gestellt.

STANDARD: Zeugen nicht Studien, die Missstände aufspüren wollen, vom Willen zur Transparenz?

Langbein: Dass Daten erhoben wurden, ist in der Tat ein gutes Zeichen, dass die Ergebnisse nicht publiziert werden, nicht. Die Grundlage für Panikmache liefern die, die sagen "Wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt und Komplikationen im Promillebereich" und dabei Daten verschweigen, die belegen, dass in einzelnen Spitälern vier von zehn Menschen den OP nicht lebend verlassen.

STANDARD: Was ist Ihre Hauptkritik?

Langbein: Dem Medizinbetrieb fehlt die Ausrichtung nach dem entscheidenden Parameter der Qualität. Unser Medizinsystem ist so aufgebaut, dass die Akteure an mehr Handlungen verdienen - und zwar unabhängig davon, ob diese sinnvoll sind oder nicht. Und es gibt keine Qualitätsmessung. Wenn das aber die Maxime würde, also Faktoren wie Genesungszeiten ein Kriterium sind, würde sich viel drehen. Da geht es auch um Ärztefortbildung.

STANDARD: Was funktioniert nicht?

Langbein: Es gibt Geschichten in dem Buch, die zeigen, dass manche Mediziner mit dem Wissen von vor 30 Jahren behandeln. Sie haben neue wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mitbekommen und geben nicht zu, Fortbildung verabsäumt zu haben.

STANDARD: Was ist gutes Fehlermanagement?

Langbein: Überall, wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Es ist die Frage, wie im System damit umgegangen wird. Ich habe mit vielen Betroffenen oder ihren Angehörigen gesprochen. Unisono sagen alle, dass Sie sich über eine Entschuldigung gefreut hätten. Stattdessen wird geschwiegen, gemauert und gelogen. Dabei sind Fehler und Fehlermanagement ja eine unglaubliche Chance für die Optimierung in einem Spital.

STANDARD: Sie sagen, Ärzte ließen sich von Pharmafirmen für Behandlungsleitlinien kaufen?

Langbein: Genau. Die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) hat sogar Preislisten für die Aufnahme bestimmter Medikamente in Leitlinien entwickelt. Dabei sind Leitlinien sinnvoll, weil sie versuchen, medizinische Probleme auf wissenschaftlich fundierte Art zu lösen, aber nicht, wenn ärztliche Gruppierungen den Verlockungen der Pharmaindustrie erliegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.03.2009)

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    Dem Medizinbetrieb fehle die Ausrichtung nach dem entscheidenden Parameter der Qualität, so Langbein

  • Kurt Langbein (55) war Wissenschaftsjournalist bei "profil" und ist seit 1992 freier Autor
    foto: standard/ heribert corn

    Kurt Langbein (55) war Wissenschaftsjournalist bei "profil" und ist seit 1992 freier Autor

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