Das Ende der Pianisten

8. März 2009, 18:20
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Das Doppelabstimmen im italienischen Parlament wird abgestellt

Man nennt sie Pianisten. Doch die Hingabe, mit der sie in die Tasten greifen, gilt nicht etwa Partituren von Franz Liszt oder Frédéric Chopin. Unzählige Fotos zeigen die „pianisti" im römischen Parlament, wie sie mit ausgestreckten Armen abwesenden Kollegen verbotene Nachbarschaftshilfe leisten. Sprichwörtlich waren die Verrenkungen, mit der die Mitglieder des Hohen Hauses ihr zweihändiges Klavierspiel betrieben: Eine Hand drückte die eigene Wähltaste, die andere jene des Nebenmannes. Über drei Jahrzehnte sorgten die Pianisten für doppelten Betrug: Sie verfälschten hunderte wichtiger Abstimmungen und erleichterten den Staat um zehntausende Euro - denn jeder unerlaubte Knopfdruck bescherte dem schwänzenden Nachbarn das tägliche Sitzungsgeld von 220 Euro.

Zahlreiche Präsidenten versuchten vergebens, den Eifer der Klavierspieler in Kammer und Senat einzudämmen. Doch jetzt geht ihre Ära zu Ende. Unbeirrbar bestand Kammerpräsident Gianfranco Fini auf der Einführung eines neuen Wahlsystems, für das der digitale Fingerabdruck jedes Abgeordneten unerlässlich ist. Der massive Widerstand bröckelte nur langsam. 180 Abgeordnete widersetzten sich bis zuletzt „der für das Hohe Haus erniedrigenden Praxis". Der neue Wahlmodus sei „der Würde der Volksvertreter abträglich". Über eine halbe Million Euro kostet Italiens Steuerzahler die Rückkehr zur parlamentarischen Selbstverständlichkeit. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2009)

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    Ein Pianist (re. oben) bei der Arbeit im römischen Parlament.

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