Tödliches Störfeuer von Splittergruppen

8. März 2009, 20:23
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Erstmals seit zwölf Jahren britische Soldaten getötet - Splittergruppe "Real IRA" bekennt sich

Belfast/Dublin - Gegen 22 Uhr Ortszeit eröffneten zwei Schützen am Samstag das Feuer aus automatischen Waffen vor der Massereene-Kaserne der britischen Armee am Rande des nordirischen Städtchens Antrim, nördlich von Belfast. Die Täter waren in einem Auto vorbeigefahren. Eine Gruppe von Soldaten außer Dienst hatte Pizza bestellt. Zwei Angehörige der britischen Armee wurden getötet, zwei weitere verletzt. Auch zwei Pizza-Lieferanten erlitten Verletzungen.

Die Soldaten hätten in wenigen Tagen nach Afghanistan verlegt werden sollen. Die britische Armee ist in Nordirland nicht mehr militärisch aktiv.

"Real IRA" bekennt sich

Politiker in Belfast, Dublin und London haben den Anschlag scharf als "versuchten Massenmord" verurteilt. Bei den Tätern handelt es sich um eine Splittergruppe der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) handelt. Am Sonntag Abend bekannte sich die "Real IRA" zu dem Anschlag. Ein Bekenneranruf sei am Sonntag bei der Zeitung "Sunday Tribune" in Dublin eingegangen, berichtete die britische BBC am Abend.  Die Chefreporterin des Blattes in Nordirland, Suzanne Breen, sagte, anhand eines Codewortes sei sichergestellt, dass es sich wirklich um einen Sprecher der Gruppe gehandelt habe.

Diese Gruppen, darunter auch die "Continuity IRA", hatten sich im Verlaufe der 1990er-Jahre gebildet, als die Hauptgruppe der IRA und deren politischer Flügel Sinn Féin sich immer stärker politischen Methoden zuwandten. Die „Real IRA" ermordete 1998 - nach dem Friedensabkommen - in Omagh 29 Zivilisten mit einer Autobombe.

Doch diese Grüppchen, die ihr Heil unverändert im bewaffneten Kampf gegen Polizisten und Soldaten suchen, verfügen über keinerlei Rückhalt in der Öffentlichkeit. Sie stellen sich kaum zur Wahl, und wenn sie es versuchen, werden sie von den Wählern weitgehend ignoriert. Zudem waren sie stets von Spitzeln der Sicherheitskräfte - der irischen wie auch der nordirischen - durchsetzt, sodass geplante Anschläge häufig rechtzeitig vereitelt werden konnten. Denn am Willen, Anschläge zu verüben, hat es diesen „dissidenten" Banden nie gemangelt.

Gestiegenes Risiko

Die nordirischen Behörden wussten, dass das Risiko eines Anschlags in jüngster Zeit zugenommen hatte. Erst vergangene Woche warnte Sir Hugh Orde, der Kommandant der nordirischen Polizei, die Gefahr sei während seiner sechseinhalbjährigen Amtszeit nie größer gewesen. Er habe deshalb Spezialisten der militärischen Terrorabwehr zur Unterstützung angefordert.

Orde konterte die Kritik von Sinn Féin, er wolle die britische Armee wieder in Nordirland einsetzen, mit der Versicherung, diese wenigen Spezialisten blieben im Hintergrund und hätten keine operativen Aufgaben.
Die Absicht der Attentäter, die politischen Parteien in Nordirland zu entzweien und Instabilität zu schüren, wird mit größter Wahrscheinlichkeit nicht erfüllt werden. Sinn Féin hat die Wende von der Gewalt hin zur Politik längst vollzogen, und die IRA selbst existiert wohl nur noch auf dem Papier.
Die Polizei darf inzwischen auf sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung hoffen, die es während des akuten Nordirlandkonflikts praktisch nie gab. (Martin Alioth, DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2009)

Chronologie: Nordirlands Weg zum Frieden

31. 8. 1994 Waffenstillstand der Irisch-Republikanischen Armee (IRA).

Februar 1996 - Juli 1997 IRA kehrt zeitweise zur Gewalt zurück.

10. 4. 1998 Karfreitagsabkommen: Die nordirischen Parteien, die britische und die irische Regierung schließen umfassendes Friedensabkommen.

15. 8. 1998 Splittergruppe „Real IRA" tötet in der nordirischen Provinzstadt Omagh 29 Zivilisten mit einer Autobombe.

Oktober 2002 Nach kurzer, prekärer Existenz wird die nordirische Koalitionsregierung aufgelöst; Nordirland wird wieder von London aus verwaltet.

28. 7. 2005 IRA schwört der Gewalt ab und beendet ihre militärischen Aktivitäten.

26. 9. 2005 Entwaffnung der IRA vollzogen und bestätigt.

28. 1. 2007 Sinn Féin anerkennt das britische Gewaltmonopol in Nordirland und damit die nordirische Polizei.

8. 5. 2007 Bildung der nord_irischen Regierung unter der Leitung von Pfarrer Ian Paisley und Martin McGuinness, dem einstigen IRA-Stabschef.

5. 6. 2008 Peter Robinson übernimmt das Amt des Ersten Ministers von Ian Paisley.

18. 11. 2008 Nach längerem Streit einigen sich die Koalitionsparteien darauf, zu einem baldigen Zeitpunkt die Kompetenzen über Justiz und Polizei von London nach Belfast zu übertragen. (mal, DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2009)

  • Polizeiabsperrung nach dem Überfall vor der Massereene-Kaserne nördlich von Belfast. Zwei britische Soldaten wurden tödlich getroffen, zwei weitere und zwei Pizza-Lieferanten verletzt.
    foto: epa/str

    Polizeiabsperrung nach dem Überfall vor der Massereene-Kaserne nördlich von Belfast. Zwei britische Soldaten wurden tödlich getroffen, zwei weitere und zwei Pizza-Lieferanten verletzt.

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    Blumen zum Gedenken an die Opfer.

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