Doktor Faust, der Stanglwirt-Stammgast

8. März 2009, 18:14
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Doktor Faust, der Stanglwirt-Stammgast Vitali Klitschko schlägt zum vierten Mal in Going sein Trainingscamp auf. Am 21. März verteidigt er WM-Titel

Going - In der Tennishalle ist einer der drei Plätze für den Boxer abgetrennt. Dort steht ein Ring, daneben hängen Sandsäcke in allen Formen und Größen von der Decke, zum "Warmdreschen" für Klitschko und seine Sparringpartner. Klitschko kommt mit seinem Trainer Fritz Sdunek in die Halle und grüßt mit breitem Grinsen. "Hallo, wie geht's? Ihr wisst ja, ich trainiere gerne hier. Die Luft ist gut und das Essen auch."
Eine Trainingseinheit vor Journalisten besteht aus Schattenboxen, vier Runden Sparring zu je drei Minuten, Seilspringen und Üben am Sandsack. Zahlreiche deutsche Medien, vom Hamburger Abendblatt bis zu RTL, begleiten den umgänglichen Champ vor seiner Titelverteidigung. "Wir haben sogar eine Szene aus Rocky IV mit Vitali nachgestellt" , verrät der Kollege von RTL. "Vitali musste für die Reportage durch den Schnee joggen und einen Baumstamm schleppen."
Ansonsten müsse man sich "vom Rocky-Klischee verabschieden" , meint Manager Bernd Bönte. Der braungebrannte Grauhaarige mit den perfekten Zähnen lobt Klitschkos Sparringpartner, die ebenfalls im Stanglwirt eingecheckt haben und dem Ukrainer permanent zur Verfügung stehen. Und Trixi Moser, Boxexpertin und Klitschko-Fan, sagt: "Die Sparringpartner schauen dem nächsten Gegner ähnlich, die meisten haben sogar dieselbe Hautfarbe."

Der große Fan

Frau Moser ist übrigens nicht nur Expertin und Fan, sondern zunächst einmal Direktorin des Stanglwirts. Als solche nennt sie Klitschko einen "wirklich unkomplizierten Gast" . Zum vierten Mal bereits ist Vitali mit seinem Betreuerstab und den Sparringpartnern nach Going gekommen, um sich wochenlang auf einen Kampf vorzubereiten. Und also wurde Moser, die patente Tirolerin mit Dienstkleidung "Dirndl" , zum Fan. Für einen Boxkampf reiste sie sogar schon nach New York. "Die Atmosphäre bei so einem Kampf ist unglaublich" , schwärmt sie.
Klitschko, 37 Jahre alt, 202 Zentimeter groß und 112 Kilogramm schwer, hat von seinen 38 Profikämpfen nur zwei verloren. Doktor Faust oder "Ironfist" nennen sie den promovierten Sportwissenschafter und Linksausleger. Am 21. März tritt er in der Hanns-Martin-Schleyer Halle in Stuttgart gegen den Kubaner Juan Carlos Gó- mez an, der laut Manager Bönte kein ebenbürtiger Gegner ist. Klitschko habe Gómez schon im Sparring ausgeknockt. Aber der Boxverband WBC habe zugunsten von Gómez entschieden.
In Ex-Weltmeister Chris Byrd und WM-Herausforderer Tony Thompson aus den USA hat sich Klitschko namhafte Sparringspartner mit nach Going genommen. Beide können Gómez als Rechtsausleger perfekt imitieren, erklärt Bönte. "Wir müssen Klitschko zum harten Arbeiten bringen. Und das gelingt uns. Er ist in Topform" , sagt Thompson. Er hatte im Juli 2008 gegen Vitalis fünf Jahre jüngeren Bruder Wladimir verloren. Auch Wladimir schaut vielleicht noch in Going vorbei, bei Kämpfen steht der eine Bruder sowieso stets in der Ecke des anderen. Auch in der Werbung bilden sie ein Couple, das Milchschnitten nascht und in Tempo-Taschentücher niest.

Der böse Gegner

Klitschkos Gegner Gómez, so erzählt man sich in Going hinter vorgehaltener Hand, sei "ein schlimmer Finger" . Er habe sieben Kinder von sieben verschiedenen Frauen, eine Vorliebe für Kokain und einen Haufen Schulden. Das klingt dann doch ein wenig nach Rocky-Klischee, dass der Gegner partout als Böser dargestellt wird. Was Trixi Moser betrifft, wäre es auch gar nicht notwendig. Komme, was wolle, sie wird ihrem Stammgast die Daumen drücken. (Verena Langegger, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 9. März 2009) 

der Standard Webtipp: www.klitschko.com

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    Klitschko schlägt zu. Sein Sparringpartner, ob Byrd oder Thompson, ist kein namenloser, aber jedenfalls in diesem Moment ein gesichtsloser.

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