Die neuen Leiden des fremden Freunds

6. März 2009, 20:00
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"In zehn Jahren werde ich gefragt werden, ob ich mich erinnern kann, wo ich heute Nacht gewesen bin..." - Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989

Diese Tagebucheintragung von der Nacht auf den 10. November 1989 sollte sich nicht ganz bewahrheiten. Denn zehn Jahre später, im November 1999, befand sich Deutschland in so großer Aufregung wegen der nahenden Jahrtausendwende, dass die Erinnerung an den 10. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer davon fast verdrängt wurde. Nicht pathetische Erinnerungen an den Zusammenbruch der DDR, sondern nervöse Spekulationen über den Zusammenbruch aller Computer beschäftigten die Medien. Das Problem hieß "Y2K", und dieses Kürzel bezeichnete die Gefahr, dass die weitgehend computergesteuerte Welt mit dem Wechsel ins Jahr 2000 (für die Computer ein Übergang zur Ziffernkombination 00, Synonym für "Nichts") abstürzen könnte, das Internet und die Flugzeuge, und, schlimmer noch, die Börsen und der Welthandel.

"Die Mauer" war ein analoges Phänomen gewesen - mit "Y2K" hat die westliche Welt die entsprechende Erfahrung digitalisiert und postmodern wiederholt: die hysterische Angst vor dem Zusammenbruch des Systems. Damit erst war Deutschland nach der Implosion des real existierenden Sozialismus endgültig in die virtuelle Welt eingetreten.

Dass im Jahr 1999 Firewalls die Menschen mehr beschäftigten als die längst verschwundene Mauer, ist daher verständlich: Was ist schon der Fall einer Mauer gegen den Fall der Börsen? Wie bedeutsam ist ein historisches Datum neben Zukunftsoptionen und Termingeschäften? Was ist die Erinnerung an eine verschwundene Bedrohung im Vergleich, oder zeitgenössisch formuliert: in Konkurrenz mit einer akuten Bedrohung?

Wiederum 10 Jahre später ist nun "Y2K" vergessen. Auch das ist nicht verwunderlich: In der virtuellen Welt ist das gesellschaftliche Gedächtnis kein Speicher.

Konsumenten

Ich habe mein Tagebuch. "Wenn ich einmal gefragt werden sollte, wie ich den Beginn des so genannten neuen Millenniums erlebt, was ich gemacht habe, werde ich nichts sagen können, oder nur, so ich mir diesen Satz merke: Es war zum Vergessen!" Am 31. Dezember 1999 war mir das Bargeld ausgegangen. Die Banken waren geschlossen, die Bankautomaten wegen "Y2K" ausgeschaltet. In den Geschäften bildeten sich lange Schlangen. Von Konsumenten, die nicht konsumieren konnten. So viele Waren, aber kein Bargeld. Die Menschen sahen nicht ein, dass sie nicht mit Karte bezahlen konnten. Die Terminals waren stillgelegt. Die Geschäftsleute rauften sich die Haare. Das Geschäft, auf das sie gewartet hatten, konnten sie nicht machen. Wir standen ohne Begrüßungsgeld vor den Auslagen einer neuen Epoche. Vergessen? Vergessen.

"Das gehört nicht hierher!", sagte mein Berliner Freund Konrad-Otto und schaltete das Tonbandgerät ab. Es tut mir leid, sagte ich, aber es fiel mir eben ein. Kannst du dich noch an "Y2K" erinnern? "Nein", sagte er. "Doch! Ja, sicher!" Es interessierte ihn nicht. "Hör zu", sagte er, "es geht jetzt nur um die Nacht, in der die Mauer fiel. Wo warst du da, was hast du gerade getan, was waren deine Gefühle, woran kannst du dich erinnern? Kurz und prägnant. Alles klar?" Ja, sagte ich. "Kann ich wieder einschalten?" Ja.

Konrad-Otto arbeitete für Radio Berlin-Brandenburg. Er bereitete einen Beitrag für den zwanzigsten Jahrestag der Maueröffnung vor. Kennengelernt hatte ich ihn just in der Zeit, als sich die Mahlsteine der Geschichte in Bewegung setzten, über die wir nun sprachen: Anfang September 1989, bei einem Symposium über "Entwicklungstendenzen der neuen deutschsprachigen Literatur" an der Universität Budapest. Er, der sich in dieser Zeit noch Hoffnungen auf eine akademische Karriere machte - er war damals Assistent am Germanistischen Institut der TU Berlin -, sprach über "DDR-Literatur". Ich war eingeladen, um über "Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik - das Österreichische an der österreichischen Literatur" zu referieren.

Grundmuster die Stasi-Akte

Konrad-Ottos These war pfiffig und frech. Er bezeichnete die DDR als den größten Schriftstellerverband der Welt, als Autorenrepublik. Millionen Menschen seien dazu angehalten und würden dazu ermuntert und gedrängt, wie Schriftsteller zu arbeiten: zu beobachten, zuzuhören, nachzufragen, Material zu sammeln, zu recherchieren, und dann alles in eine schriftliche Form zu bringen und zu erzählen. Dies habe die realistische Literatur revolutioniert und eine neue, avancierte literarische Form hervorgebracht, deren strukturelles Grundmuster die Stasi-Akte sei. Die bekanntesten Werke der DDR-Literatur, wie zum Beispiel Mutmaßungen über Jakob, Nachdenken über Christa T., Die neuen Leiden des jungen W., Der fremde Freund oder Bericht vom Großvater, zeigten schon im Titel ihre Herkunft aus dem Geist und den Methoden des Stasi-Berichts. Im Grunde sei Literatur immer schon erkennungsdienstliche Arbeit gewesen, aber nie zuvor in der Geschichte sei dieser Sachverhalt so konsequent und gesellschaftlich umfassend umgesetzt worden.

Ich hoffe, dass ich Konrad-Otto nicht schade, wenn ich dies berichte. Jedenfalls wurde er nach seinem Vortrag von den Vertretern des germanistischen Establishments nicht mehr ernst genommen, während ich dieses nicht mehr ernstnehmen konnte (ein Tübinger Professor etwa referierte zum dritten Mal über "Deutsche Erzähler von Schnitzler bis Handke"), weshalb Konrad-Otto und ich beschlossen, uns hinterher nicht beim Buffet anzustellen, das vom Goethe-Institut für die Referenten des Symposiums ausgerichtet wurde, sondern in die Stadt zu gehen, um irgendwo ein Pörkölt zu essen und Bier zu trinken.

Konrad-Otto war damals noch mit mir per Sie - bis wir zufällig an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Izso utca vorbeikamen. Da waren Hunderte Menschen, die in die Botschaft eindrangen, am Zaun hingen, der den

Vorgarten der Botschaft von der Straße trennte, die davor aufgestellten Absperrungsgitter zu überwinden versuchten, an das Tor schlugen, an der Fassade hochkletterten oder auf dem kleinen Rasenstück vor dem Botschaftsgebäude lagen, wie Riesenschnecken zusammengerollt, beobachtet von ungarischen Polizisten, die ihre Schlagstöcke nur hoben, um in Fernsehkameras zu winken.

Das wäre das Ende der DDR

"Schau dir das an!", sagte Konrad-Otto. Seither sind wir per du. Er begriff schneller als ich. Das waren DDR-Bürger, die als Touristen nach Ungarn gereist waren, um über das exterritoriale Gebiet der BRD-Botschaft in den Westen ausreisen zu können. Er sagte, dass die DDR jetzt "ausrinne", es sei nur eine Frage der Zeit, sagte er, bis die DDR nachgeben müsse. Werde die Mauer geöffnet, liefen die DDR-Bürger raus und das Kapital dringe ein. Das wäre das Ende der DDR. Damals, aus seinem Mund, hörte ich zum ersten Mal den Begriff "Wiedervereinigung". "Wenn es zur Wiedervereinigung kommt, dann wandere ich aus. Ich will nicht in einem neuen Großdeutschland leben - schreckliche Vorstellung!" Ich nahm das noch nicht ernst, hielt es für ein Symptom der natürlichen Nervosität eines jungen Mannes mit akademischen Ambitionen: Ohne DDR hätte er sein Spezialgebiet, die DDR-Literatur, verloren.

Was mir aber nicht aus dem Kopf ging, war der Begriff "Wiedervereinigung". Wieso hatte Konrad-Otto sofort ganz selbstverständlich diese Formulierung verwendet, die, wir wissen es, wenig später allgegenwärtig war? "WIEDERvereinigung" - obwohl doch diese beiden Staaten, die BRD und die DDR, nie zuvor vereinigt gewesen waren. Es hatte alle möglichen Deutschlands gegeben, das von Tacitus beschriebene "Germanien", ein topografisch nicht klar begrenztes Siedlungsgebiet verschiedener Völker, dann rund zweihundert deutsche Kleinstaaten und Fürstentümer, drei Reiche, eine Republik, kurz auch eine Räterepublik und dann ebendiese beiden Staaten, eigentlich drei, wenn man, wie es jeder Kärntner fordert, auch Österreich zu den deutschen Staaten zählt. Aber es hatte in dieser ganzen Geschichte nie eine Vereinigung von BRD und DDR gegeben, weder politisch noch territorial - wieso sprach Konrad-Otto, und bald die ganze Welt, von "Wiedervereinigung"? Da fiel es mir plötzlich ein. Wie hatte ich das vergessen können? Deutlich kamen die Erinnerungen. Alles stand mir wieder klar vor Augen.

Auch und vor allem mein eigener, zwar kleiner, aber doch exemplarischer Beitrag zur Vereinigung dieser beiden deutschen Staaten. Ich habe neben meinem Tagebuch, in das ich nach Möglichkeit täglich etwas hineinschreibe, ein zweites - ich nenne es "Das wahre Tagebuch": Hier notiere ich die Wahrheit, und weil sie oftmals einige Zeit braucht, bis sie zutage tritt oder mir klar wird, kann ich diese Eintragungen naturgemäß immer nur rückdatiert machen. Im August 2009, nach dem Treffen mit Konrad-Otto, bei dem er mich nach meinen Erinnerungen an die Nacht, in der die Mauer fiel, befragt hatte, schrieb ich also in mein "Wahres Tagebuch": "10. November 1989. Als ich im Fernsehen die Bilder der Maueröffnung sah, sprang ich auf und suchte mein Briefmarkenalbum."

Eben dies sprach ich Konrad-Otto auf Band: Meine erste Reaktion, als ich die Bilder von der Maueröffnung im Fernsehen sah, und mir klar wurde, dass dies unvermeidlich zur Wiedervereinigung führen musste, war, dass ich mich aufgeregt daran machte, mein Briefmarkenalbum zu suchen. Ich merkte, wie Konrad-Otto kurz mit dem Gedanken spielte, das Tonbandgerät wieder abzuschalten, aber dann fragte er doch: "Warum? Was hat dein Briefmarkenalbum mit dem Fall der Mauer zu tun?"

"Deutschland"-Abteilung

Ich war zehn Jahre alt, erzählte ich, es muss 1964 gewesen sein, als ich, so wie damals viele Kinder in diesem Alter, begann, Briefmarken zu sammeln. Ich ordnete sie in meinem Album nach Nationen: Österreich, Deutschland, England, Frankreich und so weiter. Es brauchte einige Zeit, bis ich beim Einordnen neuer Eroberungen, die ich eingetauscht hatte, erkannte, dass die "Deutschland"-Marken Unterschiede aufwiesen, so, dass sie zwei Gruppen bildeten: die bunteren, ästhetisch irgendwie lieblicheren, auf denen "Deutsche Bundespost" stand, und die etwas farbloseren, ästhetisch strengen, zugleich surrealen (im Zentrum ein dreibeiniger Hammer!), auf denen "Deutsche Demokratische Republik" stand. Die "Deutschland"-Abteilung in meinem Album zerfiel in zwei Lager, und auch wenn es mir nicht gleich aufgefallen war, nun konnte ich es nicht mehr übersehen.

"Nein", sagte mein Vater. "Das ist kein dreibeiniger Hammer, sondern ein Hammer und ein Zirkel!" Und er erklärte mir, dass es zwei Deutschlands gab, zwei verschiedene deutsche Staaten. Ich glaubte damals meinem Vater alles, mehr noch: Was er sagte, war für mich gleichbedeutend mit einem Naturgesetz - aber zwei Deutschlands? Das stürzte mich in Verwirrung, das erschien mir völlig unverständlich. Es war, als hätte er gesagt, dass ich zwei leibliche Mütter hätte, oder dass Horst Nemec nicht nur für die Wiener Austria, sondern auch für Rapid spiele. Das ergab keinen Sinn, das konnte nicht sein.

Tagelang überlegte ich, meine Deutschland-Marken zu trennen und in meinem Album zwei Deutschlands anzulegen. Ich hielt ja auch England und Schottland auseinander, obwohl sie zusammen das Vereinigte Königreich bildeten - aber Deutschland und Deutschland? Ich zupfte mit meiner Pinzette im Album herum, steckte Marken da- und dorthin, sortierte sie auseinander, aber dann beschloss ich, die beiden Deutschlands doch wieder zu vereinigen, die Marken in Frieden und Eintracht beisammen zu lassen. Die Entscheidung wurde mir dadurch erleichtert, dass ich just in dieser Zeit zum ersten Mal fernsehen durfte. Mein Onkel, ein wohlhabender Import-Export-Kaufmann, war der erste in der Familie, der einen Fernsehapparat hatte. Und ich durfte zu ihm gehen, um mir Übertragungen von den Olympischen Spielen anzusehen. Deshalb weiß ich auch, dass es das Jahr 1964 war: Da fanden die Olympischen Spiele in Tokyo statt.

Hätte ich nicht gerade das Problem mit meinem Briefmarkenalbum gehabt, es wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen. Aber so bekam es für mich eine enorme Bedeutung und blieb unvergessen: Sportler aus beiden Deutschlands traten als gemeinsame Mannschaft an: »Vereinigtes Deutschland«. Die Mauer wurde 1961 gebaut, sagte ich zu Konrad-Otto, und drei Jahre später gab es bei den Olympischen Spielen ein vereinigtes Deutschland. "Du spinnst", sagte Konrad-Otto, "das kann nicht sein."

Beethovens Neunte

Doch. Ich kann mich erinnern. Das olympische Länderkürzel der beiden deutschen Staaten lautete EUA - "Équipe unifiée d'Allemagne". Und die gemeinsame Hymne war übrigens Beethovens Neunte, die Ode an die Freude - die beiden deutschen Staaten traten also als EU an, mit der heutigen Europahymne! Ist das nicht irre? "Ich glaube dir kein Wort", sagte er. Du kannst ja googeln, sagte ich. Jedenfalls: Ich dachte damals, dass mir diese Vereinigung das Recht gibt, auch in meinem Briefmarkenalbum die beiden Deutschlands zu vereinigen. Deshalb kann man nach 1989 füglich von "Wiedervereinigung" reden. Und das ist auch der Grund, warum ich in der Nacht, als die Mauer fiel, mein altes Briefmarkenalbum suchte. Du hast mich nach meinen Gefühlen gefragt. Nun, ich fühlte mich, als ich mein Album wiederfand, von der Geschichte bestätigt.

Konrad-Otto schaltete das Tonbandgerät ab, sagte: "Die Geschichte vom vereinigten Deutschland bei der Olympiade stimmt?" Ja, sagte ich, es war alles schon angelegt. Schau dich an! "Mich anschauen? Was meinst du?" Wer war deutscher Kanzler, als du zur Welt kamst? "Konrad Adenauer." Und wer war DDR-Ministerpräsident? "Weiß ich nicht." Otto Grotewohl. "Das ist mir nie aufgefallen", sagte Konrad-Otto.

Es war ihm eine leichte Rührung anzumerken. Tja, sagte ich, das ist charakteristisch für die deutsch-österreichische Freundschaft: Wir kennen eure Geschichte, und ihr glaubt uns unsere. Wir tranken unser Bier schweigend, schließlich sagte Konrad-Otto: "Du hast es wirklich noch, dein Briefmarkenalbum?" Nein, sagte ich. Ich habe es meiner Tochter geschenkt, als sie zehn war und zu sammeln begann. Das war im Jahr 2000. Sie hat alle meine Marken in ihre Sammlung eingeordnet und - weißt du, was sie in ihrer pedantischen Art zu mir gesagt hat? Papi, du hast ja zwei Länder, BRD und DDR, vermischt und zu einem gemeinsamen Kapitel gemacht. Ist dir das nie aufgefallen? Typisch! "Und?" Sie hat die Marken dann säuberlich getrennt. "Was will uns das sagen?" Zwei Bier! (Von Robert Menasse, Album, DER STANDARD Printausgabe, 7./8. März 2009)

 

Renatus Deckert (Hg.), "Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989". Suhrkamp, 2009

Auf der Buchmesse in Leipzig, die vom 12. bis 15. März stattfindet, präsentieren mehr als 2000 Aussteller Neuerscheinungen. Das ALBUM bringt eine Auswahl wichtiger Vorabdrucke und Rezensionen.

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    Foto: EPA

    Robert Menasse: "Meine erste Reaktion, als ich die Bilder von der Maueröffnung sah, ... war, dass ich mich aufgeregt daran machte, mein Briefmarkenalbum zu suchen."

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