Kolossaler Balkanschinken

6. März 2009, 19:44
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Aleksandar Hemons vielgelobter Roman "Lazarus" schwankt zwischen großartiger Recherche und ärgerlicher Balkan-Folklore

Am 2. März 1908 wird in Chicago ein junger Einwanderer aus Osteuropa vom Polizeichef der Stadt höchstpersönlich erschossen. So sehr glich der unterernährte, bleiche, schwarzhaarige Jüngling - "offenbar ein Sizilianer oder ein Jude" - dem Schreckbild vom anarchistischen Attentäter, dass ihm der "Chief" George Shippy sicherheitshalber gleich alle Kugeln in den Leib jagte, die er im Revolver hatte. Die Vereinigten Staaten gingen damals durch eine düstere Zeit nationaler Hochstimmung; seit dem anarchistischen Bombenanschlag auf dem Haymarket, 20 Jahre vorher, war Wachsamkeit die oberste Bürgerpflicht und die Denunziation verdächtiger Elemente aus der Nachbarschaft eine patriotische Tugend.

Der erschossene Zuwanderer, Lazarus Averbuch, war erst wenige Jahre vorher ins Land gekommen, ein Jude aus dem Zarenreich, der den Pogrom im moldawischen Kischinjow überlebt hatte und von einer literarischen Zukunft träumte. Sein Pech war, dass er, der sich verzweifelt dagegen auflehnte, im Heer des Lumpenproletariats unterzugehen, das falsche Gesicht hatte für den Ort und die Zeit seines Auftritts. Statt die amerikanische Freiheit zu finden, die zu suchen er Europa verlassen hat, findet er seinen amtlichen Mörder, der freilich nur aus überschießender Vaterlandsliebe so mörderisch tätig wurde an ihm. Der Tod des Unschuldigen, nichts als ein Kollateralschaden im großen Krieg gegen den inneren Feind.

Stoff

Fast hundert Jahre später hört ein osteuropäischer Flüchtling in Chicago von dieser Geschichte und er weiß sogleich, dass dies der Stoff ist, nach dem er gesucht hat, und es seine eigene Sache ist, die hier verhandelt wird. Vladimir Brik ist ein ziemlich erfolgloser Schriftsteller, der als Berufsnachweis halbseidene Kolumnen verfasst und sein Auskommen seiner patenten amerikanischen Frau, einer Neurochirurgin, verdankt. Er liebt sie zwar, aber mit ihrem hoffnungslos optimistischen Wesen, ihrem vermeintlich uramerikanischen Charakter nervt sie ihn auch. Denn immerhin, Vladimir, ein Bosnier aus Sarajewo, dem es gelang, kurz vor dem Krieg zu flüchten, ist ein Europäer, also selbstredend skeptisch, melancholisch, ein Blasphemiker, der es mehr mit dem Sarkasmus als dem Pathos hält.

"Ich bin", sagt er von sich, "ein halbwegs loyaler Bürger zweier Länder. In Amerika - diesem düsteren Land - verschwende ich meine Wählerstimme, zahle widerwillig Steuern, teile mein Leben mit einer einheimischen Frau und muss an mich halten, um dem idiotischen Präsidenten nicht einen qualvollen Tod zu wünschen. Aber ich habe auch einen bosnischen Reisepass, den ich nur selten benütze; ich fahre zu herzzerreißenden Urlaubsaufenthalten und Beerdigungen nach Bosnien und feiere mit anderen Chicagoer Bosniern stolz und pflichtschuldig unseren Unabhängigkeitstag mit einem angemessen feierlichen Dinner."

Jetzt ist Vladimir endlich auf das Thema seines Lebens gestoßen: auf den Untergang des armen Lazarus, der gleich ihm vor den Massakern in Europa geflohen und in Amerika nicht glücklich geworden ist. Eine amerikanische Stiftung teilt ihm ein großzügiges Stipendium zu, damit er nach Osteuropa reisen kann, um für einen Roman dort zu recherchieren, wo die Familie Averbuch herstammt. Die doppelte Geschichte einer gescheiterten Integration: die des verträumten Lazarus, eines dichterischen Charakters, der unter die Räder gerät, und die des abgebrühten Autors Vladimir, der den Ermordeten in seinem Roman wieder auferstehen lassen möchte.

Nicht das Hohelied des Exils

Zu den beiden kommt aber noch ein Dritter hinzu. Er heißt Aleksandar Hemon, ist 1964 in Sarajewo geboren, emigrierte 1992 in die USA und hat nun einen Roman über Lazarus Averbuch und Vladimir Brik geschrieben, aus dem, mit großem medialen Aufwand zum Meisterwerk moderner Erzählkunst hochgelobt, ein internationaler Bestseller werden soll. Es ist ein faszinierender, spannender, streckenweise erschütternder und dann wieder äußerst komischer Roman, den Hemon aus Fakten und Fiktionen, mit dokumentarischem Material und folkloristischer Fabuliergabe verfertigt hat. Ein Roman freilich, der seine geradezu kalkulierten Schwächen hat, schlimmer: der auf den großen Erfolg ausgerechnet mittels seiner Schwächen setzt.

Großartig ist, wie Aleksandar Hemon, in der Tradition des amerikanischen New Journalism, die Geschichte eines vergessenen Staatsmordes und seines vergessenen Opfers recherchiert. Aus alten Zeitungsberichten, Verhörprotokollen, Fotoarchiven rekonstruiert er den Fall eines Attentäters, der keiner war, eines Polizeichefs, der einen nie gesühnten Mord verübte, und einer Handvoll russischer Emigranten, die erkennen, dass sie nicht im gelobten Land, sondern in den Rattenlöchern einer immens großen, immens kalten Stadt gelandet sind. Isador, der messianische Ideologe unter ihnen, sagt: "Die Bäume hier werden mit unserem Blut gegossen ... die Straßen mit unseren Knochen gepflastert; sie verspeisen unsere Kinder zum Frühstück und werfen die Reste in den Abfall."

Nicht das Hohelied des Exils

Eine ganz andere Erzählhaltung nimmt Hemon ein, wenn er über das heutige Exil schreibt, über die Ressentiments, die sich die amerikanisierten Bosnier nicht nehmen lassen wollen, über die Sentimentalität, mit der sie der entschwundenen Jugend, dem verlorenen Paradies auf ihren Heimatabenden feierselig gedenken. Aus dem recherchierenden Dokumentaristen wird da ein unerbittlicher Satiriker. Es ist nicht das Hohelied des Exils, das Hemon anstimmt, denn weder verklärt er die neue Heimat, die einst auch ihn als Flüchtling aufgenommen hat, noch idealisiert er die alte zur Idylle. Und selbst was den Krieg betrifft, in dem Jugoslawien zerfallen ist, die Belagerung Sarajewos, den Kampf um diese Stadt, die sich monatelang so heroisch gegen ihre ethnische Purifizierung wehrte, räumt er mit mancher Legende auf.

Sein Freund Rora, Fotograf in Chicago, war damals bei den bosnischen Milizen. Dem Klischee, das sich über diese Verteidiger Sarajewos verfestigt hat, gelten sie entweder als selbstlose Kämpfer, die auf verlorenem Posten für ihre weltoffene Stadt einstanden, oder als antiserbische Fanatiker, die für den Islam in Europa fochten. Rora war das eine so wenig wie das andere, sondern ein kleiner Ganove aus dem Bazar, der die besten Geschäfte während der Belagerung machte und sich nicht ohne Genugtuung daran erinnert, wie sein Milizenchef, der sich Rambo nannte und das für einen Ehrentitel hielt, rücksichtslos "requirierte, was in den Geschäften noch vorhanden war".

Wie Hemon von der einen zur anderen Ebene seines Romans wechselt, von der dokumentarischen Recherche über Lazarus zur bitter-satirischen Sicht der Dinge, wie sie sich Vladimir zu eigen gemacht hat, das ist große Kunst. Dann aber muss Vladimir, begleitet von seinem Freund Rora, nach Europa fahren, schon des Stipendiums wegen. Und was Hemon sie auf ihrer Reise von Lemberg über Czernowitz und Belgrad nach Sarajewo alles erleben lässt, das ergibt einen so kolossalen Balkanschinken, dass sich die Balken der literarischen Räucherkammer biegen.

Helden durch den wilden Osten

Ich weiß nicht, ob ein Erzähler unbedingt die Orte gesehen haben muss, die er zu Schauplätzen seiner Romane macht. Aber wenn man gelesen hat, was selbst der gediegene Jonathan Franzen in den Korrekturen nebenbei über Litauen zusammengeschrieben hat, wo ihm hinter jeder Ecke ein Trupp grimmiger Entführer auflauerte, wundert man sich nicht, dass mittlerweile jeder zweite amerikanische Autor seine Helden auf Abenteuerreise durch den wilden Osten Europas schickt. Bedenkenlos bedient Hemon das Bedürfnis westlicher Leser, so richtig pralle Geschichten aus einem mythisierten Osteuropa zu lesen, dort, wo die Huren nuttiger, die Zuhälter behaarter, die Liebhaber leidenschaftlicher, die Traurigen trauriger und die Lügen erhebender sind.

So wird aus einem sehr guten am Ende ein ärgerlicher Roman. Und das Peinliche daran ist, dass Hemon nicht für die rühmenswerten Vorzüge seines Romans, sondern für den Tribut bejubelt wird, den er der globalisierten Balkan-Folklore entrichtet. (Von Karl-Markus Gauß/ALBUM, DER STANDARD Printausgabe, 7./8. März 2009)

 

 

Aleksandar Hemon, "Lazarus". € 20,60 / 352 Seiten. Knaus Verlag, 2009

Auf der Buchmesse in Leipzig, die vom 12. bis 15. März stattfindet, präsentieren mehr als 2000 Aussteller Neuerscheinungen. Das ALBUM bringt eine Auswahl wichtiger Vorabdrucke und Rezensionen.

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    Foto: AP

    Trauerveranstaltung in Sarajewo, im Gedenken an die Opfer des Krieges: Der Schriftsteller räumt mit mancher Legende über den Zerfall Jugoslawiens auf.

  • Karl-Markus Gauß  (Jg. 1954) lebt als Autor, Essayist und Herausgeber in Salzburg. Kürzlich erschien bei Zsolnay sein neues Buch „Die fröhlichen Untergeher von Roana. Unterwegs zu denAssyrern, Zimbern und Karaimen“.
    foto: standard/privat

    Karl-Markus Gauß  (Jg. 1954) lebt als Autor, Essayist und Herausgeber in Salzburg. Kürzlich erschien bei Zsolnay sein neues Buch „Die fröhlichen Untergeher von Roana. Unterwegs zu den
    Assyrern, Zimbern und Karaimen“.

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