Ein Schwärmer, kein Denker

7. März 2009, 16:48
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Wilhelm Genazino über Peter Altenberg, den wohl zwiespältigsten Wiener Kaffeehausliteraten zur Jahrhundertwende

In seiner kurzen Erzählung Ein schweres Herz betritt ein "schöner großer Herr" mit einem "kleinen wunderbaren Mädchen" ein Café. Von dem Mädchen heißt es: "Es war eigentlich ein Engel ohne Flügel, in einer gelbgrünen Samt- Jacke." Kurz darauf äußert das Mädchen einige Proben seiner kindlichen Einfalt, für die es vom Vater (er ist der "schöne große Herr") gerügt wird: "'Lange Haare - kurzer Verstand', sagte der Vater lächelnd ..."

An dieser Stelle schaltet sich der Erzähler ein: "Ich habe ein so trauriges Gesichterl nie gesehen! Es erbebte gleichsam wie ein Strauch unter Schnee-Last." Auch drei Seiten später kann der Erzähler sein Mitleid mit dem Mädchen nicht bändigen. Jetzt räsoniert er: "Ich hätte dem Vater gerne gesagt: 'Herr, schauen Sie dieses Marien-Antlitz an! Sie hat ein brechendes kleines Herz! -.' Er hätte mir geantwortet: 'Mein Herr, c'est la vie! So ist das Leben! Es können nicht alle Menschen im Kaffeehaus sitzen und vor sich hinträumen -.'"

Dieser Verlaufsform folgen viele Geschichten von Peter Altenberg. Es sind Geschichten von blitzartigen Verwandlungen. Ein Mädchen betritt einen Raum und wird vom Erzähler sogleich zu einem Engel ohne Flügel, zu einer Erscheinung mit Marien-Antlitz stilisiert. Wenig später wird das Mädchen von einem gefühllosen Rohling, in diesem Fall vom eigenen Vater, herabgesetzt beziehungsweise diskriminiert. Jetzt mischt sich der Erzähler ein und verwandelt das geschmähte Mädchen zurück in eine anbetungswürdige Gestalt.

Dschungeldramaturgie

Die Art, wie die Verwandlungen ablaufen, ist im gleichen Maß unglaubwürdig wie bezaubernd. Dem erzählerischen Oppositionsprinzip - (äußerliche) Herabsetzung und (innere) Bezauberung -, folgt oft auch der Textaufbau. Der Leser kann nur selten abschätzen, ob Altenbergs Stücke durchkomponiert

oder eher zufällig zusammenfantasiert sind. Sie folgen damit der Dschungeldramaturgie des erotischen Lebens. Unklar ist oft schon, ob im Zentrum einer Anziehung zwischen zwei Menschen die Freude der Einbildung, das Tiefengehabe der Seele oder das Geflacker des physischen Verlangens den Ton angibt. Der Charme, der in diesem Durcheinander entsteht, ähnelt der Schlampigkeit des Wirklichen und macht Altenbergs Texterotik in hohem Maße authentisch.

Altenbergs "Helden" bleiben stets Amateurproblematiker; sie sind dem Weltwissen der Leser in keiner Weise überlegen. Das Erstaunlichste ist vielleicht, dass Altenbergs Liebhaber weder abgefeimt noch zynisch noch verächtlich sind, obwohl sie in der Langeweile der wiederholenden Liebe gut bewandert sind. Obgleich Altenbergs Liebhaber (und ihr Autor) altmodisch anmuten, so sind sie doch in einem eminenten Sinne modern; sie wissen schon um die vorige Jahrhundertwende, dass der (vermutlich) einzig übriggebliebene Ort der modernen Literatur das Subjekt ist, das sich seiner beschränkten Mittel bewusst wird.

Amateurproblematiker

Insofern ist das wirklich Neue die Diskretion: Das Ich des Menschen lernt still und klaglos seine Eigenart begreifen. Genau dieser (verinnerlichte) Ort der beschränkten Mittel ist auch der Ort der Moderne im Wien der Jahrhundertwende. Im Schein einer äußerlich verblendeten Belle Époque entsteht ein fantastischer Fatalismus, der lange brauchen wird, bis er sich zu sich selbst bekennt. Der Grund für die lange Inkubation ist die Frage, ob die Menschen mehr durch sich selbst oder mehr von der Welt "draußen" erschreckt werden. Durch die oft wiederkehrenden Handlungsorte in Altenbergs Skizzen (auf der Esplanade, in einer Allee, entlang einer Promenade, an Seeufern, auf einer Veranda) entsteht der Eindruck, man befinde sich als Leser in einem überlangen Stück von Cechov. Wie bei diesem fällt bei Altenberg die Eleganz der Übergänge auf, und ähnlich wie Cechov thematisiert Altenberg die dauernde Verwandlung des Realen durch eben eintretende Veränderungen, die durch ihren Minimalismus kaum auffallen.

Sein poetisches Verfahren hat Altenberg so ausgedrückt: "Ich möchte einen Menschen in einem Satze schildern, ein Erlebnis der Seele auf einer Seite, eine Landschaft in einem Worte!" Eben noch sind wir Zeuge einer kindlich undeutlichen Annäherung zwischen den Geschlechtern, aber dann rutschen wir unversehens in das "stumme schwere Leben", in die "Landmelancholie" oder gar in einen "Stadtkerker". Obwohl er heute als eine Art Repräsentant der Belle Époque gilt, so war Altenberg keineswegs ihr Sprachrohr und noch weniger ihr Propagandist.

"Belastetea Dasein"

Im Gegenteil: Man darf sagen, dass er inmitten des Glamours seiner Zeit eine präzise Wahrnehmung von deren Untiefen behielt. Er hatte außer seiner Zartheit für das Unverstandene gleichzeitig ein Auge für die Deklassierten, für die Nervösen, die Überforderten und die schon fast Halbverwirrten, für deren psychische Zustände sich damals das Wort von der "Überspanntheit" einbürgerte. Altenberg hatte große Aufmerksamkeit für das "belastete Dasein" derer, die am "Ichismus" ihrer Nebenmenschen scheiterten oder gar bei der "Lebensprüfung" durchfielen. Oder, wie es in der Skizze Parfüm heißt: "Später überfiel uns das Schicksal wie eine unvorhergesehene Hunnenhorde und bereitete uns allenthalben schwere Niederlagen."

Es ist erlaubt, diesen Satz auch auf Altenbergs Leben zu beziehen. Er ist, zumindest im deutschsprachigen Literaturraum, eines der ersten Opfer der Moderne. Unklar ist, ob er sein Scheitern als freier Schriftsteller als Auswirkung der gesellschaftlichen Umbrüche erlebte oder als Spätfolge biografisch-familiärer Verstrickung.

Destruktion des Wirklichen

Rätselhaft bleibt, woher er die Kraft nahm, als zunehmend zerstörter Mensch das unzerstörte Dasein der anderen zu beschreiben. Immer wieder betrachtet er den unbeschädigten Alltag entzückender Kindfrauen und preist ihn um seiner Ahnungslosigkeit willen. Denn Ahnungslosigkeit war für Altenberg ein Indiz für Unschuld. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten die Menschen (besonders die Frauen) vor der Destruktion des Wirklichen beschützt werden müssen. Er meinte nicht die notorisch fortschreitende Desillusionierung, die jedem Lebenden ins Haus steht. Sondern er meinte den "Traum von etwas, was nicht da ist und was nicht kommt".

Wir sehen an diesem Satz (er ist der Kurzerzählung Die Geschwister entnommen), dass der durch und durch mit dem Schwarzbrot des Realismus vertraute Altenberg dort ein Metaphysiker war, wo ihm die Agonie des Realen keinen anderen Ausweg mehr ließ.

Schwarzbrot des Realismus

Es kommt ihm darauf an, dass wir die irdischen Güter nicht für das Ein-und-Alles des Lebens halten müssen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von seiner Berührungsfähigkeit mit dem "anderen Zustand", mit der Utopie des Nochnicht. Genau damit hapert es bei den meisten Menschen, leider auch bei den Frauen, meint Altenberg, die viel zu sehr ihr Versorgungsinteresse im Auge haben. Die Hauptverantwortlichen für das Unglück der Menschen sind in den Augen Altenbergs jedoch die Männer. Er nennt sich ohne Ironie einen "Feind des Mannes". Denn der gewöhnliche Mann ist ein "perfider Sich-Abfinder mit dem Leben", ein "findiger unerbittlicher Geschäftsmann", ein "Hausierer des Glücks". Die Männer sind "heim-tückische, feige Marodeure", die "ihre innere rohe Leere mit einem liebevollen dummen Frauenherzen auszufüllen" suchen.

Denn der "schamlosen Sexualität des Mannes" ist nichts "heilig und künstlerisch", sie ist nur "eine Fress-Gelegenheit". Es ist naheliegend, dass Altenberg - bei der Wucht dieser Angriffe -, zuweilen die Feder ausrutscht. Er behauptet von sich: "Ich habe nie irgend etwas anderes im Leben für wertvoll gehalten als die Frauenschönheit, die Damen-Grazie, dieses Süße, Kindliche!" Und: "Mein Leben war der unerhörten Begeisterung für Gottes Kunstwerk 'Frauenleib' gewidmet!"

Routinier

Jetzt sind wir Altenbergs Idealisierungskitsch schon ziemlich nahe, der sich dann auch prompt einstellt: "Jeder edle Frauenleib ist die körperlich gewordene, concentrirter Organismus gewordene Sehnsucht, durch seelisch-geistige Potenzen erlöst, zum Leben gebracht zu werden. Er bleibt todt durch sexuelle Potenzen, er erwacht zu seinem eigenen wesentlichen Leben erst durch seelisch-geistige Entjungferung". Was Altenberg damit wohl gemeint hat?

Zuweilen wünscht man sich schon, er hätte ein zweites und drittes Mal über seine schnell hingeschriebenen Thesen nachgedacht. Aber Altenberg war ein Schwärmer, kein Denker. Er war ein Spezialist der sicheren Empfindung und ein Routinier des schnell wirkenden Textes, und als solcher gefiel er seinem Publikum. Es ist reizvoll und eigenartig, wie sich in Altenbergs Prosa Reste des 19. Jahrhunderts und Momente einer neuen Zeit mischen. Man kann sagen: Es herrscht die Konfusion kurz vor dem Ausbruch der Moderne.

Einerseits wünscht sich Altenberg - ausgerechnet er, ein Feind des Mannes! - noch immer eine konfliktbewältigende Frau, "die meine Höhen mit 'Enthusiasmus' und meine Abgründe 'ohne Schaudern' miterlebte". Andererseits warnt er die "Mädchen aus dem Volke", dass der "Zins vor der Türe ist, und dass man in jedem Augenblicke schwanger werden und verlassen werden könnte". Stets wehrt er sich dagegen, dass sich die Menschen untereinander wie als schon vorerkannte, berechenbare Einheiten behandeln, als quasi immer schon durchschaute Automaten, von denen keine Überraschungen mehr zu erwarten sind.

Gegen diese finsteren Sozialzwänge preist er als Allheilmittel das emphatische Liebesgefühl, fragt dann aber nicht weiter, wie die Liebe im Nahkampf der Alltagsinteressen überleben soll. Diese Erkundigung hätte aus Altenberg einen sozialkritischen Autor gemacht, der er nicht sein wollte und auch nicht konnte. Insofern hat Altenberg bis ins Alter von den Kraftquellen einer gedehnten Post-Pubertät gelebt. Anders gesagt: Hinter seiner charmanten Weltzuwendung steckte eine jugendliche Weltverweigerung; dabei fehlte es ihm entschieden an Häme, er wollte auf keinen Fall ein Satiriker oder Spötter werden. Die ihm eingeborene Duldsamkeit für alles Werdende ließ ihn auch die "Unmöglichkeit" des eigenen Lebens hinnehmen.

Gedehnte Postpubertät

Schon in jungen Jahren gewöhnte er sich daran, die Nähe des Untergangs zu ertragen. Seine Art zu leben - als Lohnschreiber in Hotelzimmern - zwang ihn, ein Gezeichneter zu werden, der sein Gezeichnetsein fortlaufend verwischte, mal vor den anderen, mal vor sich selbst. Der wachsenden Anerkennung von außen folgte kein ökonomischer Aufstieg in äußerlich "bessere" Verhältnisse. Wie viele bedeutende Dichter (denken wir an Adalbert Stifter, Franz Kafka, Italo Svevo) hat Altenberg seine Heimatstadt nur kurzfristig und ungern verlassen. Der bürgerliche Begriff der "Karriere" war ihm fremd; er verzichtete darauf, in seine Biografie im Sinne eines "Aufstiegs" einzugreifen.

Ein einziges Mal fuhr er in die Fremde - nach Stuttgart. Natürlich nicht, um etwas aus seinem Leben zu machen. Lassen wir ihn selbst sprechen: "Mit 23 Jahren liebte ich ein wunderbares dreizehnjähriges Mädchen abgöttisch, durchweinte meine Nächte, verlobte mich mit ihr, wurde Buchhändler in Stuttgart, um rasch Geld zu verdienen und für sie sorgen zu können später. Aber es wurde nichts aus alledem."

Es war wohl so, dass Altenberg, sobald er sein "Schicksal" gestalten wollte, auf die Fragilität seiner Voraussetzungen stieß - und lieber untätig blieb. Seinen Anstrengungen, ein bürgerlich praktischer Mensch zu werden, mangelte es entschieden an Ernsthaftigkeit; seine Versuche in dieser Richtung

sollten vor allem seine beunruhigten Eltern beschwichtigen. Das Abitur hatte er gerade noch geschafft, aber dann (ab 1878) begann er mit einem Jura-Studium, dem er nicht lange treu blieb. Man kann sich leicht vorstellen, wie es den Luftgeist Altenberg vor der Systemsprache der Juristen gruselte. Schon nach ein paar Monaten floh er vor dem Jura-Studium in die Medizin, mit der er auch nicht zurechtkam. Nach dem Abbruch des Stuttgarter Experiments kehrte er in die Heimat zurück, und zwar nach Graz, um es mit dem Jura-Studium ein zweites Mal zu probieren - und scheiterte erneut. Nach übereinstimmender Auskunft seiner Biografen erlosch nach diesem Anlauf Altenbergs (wie auch immer schwacher) Wunsch, in der bürgerlichen Welt Fuß zu fassen.

Ödipale Katastrophe

Anlässlich einer ärztlichen Untersuchung im Jahre 1882, vom Vater veranlasst, wird bei Altenberg "angeborene Überempfindlichkeit

des Nervensystems" festgestellt. Das Passwort "Überempfindlichkeit" war die Übersetzung für Neurasthenie, eine damals grassierende Befindlichkeit für alle, die mit den wetterleuchtenden Anforderungen der Moderne nicht fertig wurden. Die Folgen des Befunds sind dramatisch. Altenberg gilt künftig als berufsunfähig. Der Vater betätigt sich eine Weile als Sponsor, die Mutter jedoch hatte sich einen zupackenden, die Welt zu seinen Gunsten ausnützenden Nachfahr gewünscht - und bestand darauf, dass sich ihre Wünsche bewahrheiteten. Es kommt zu einem Zerwürfnis zwischen Mutter und Sohn, das sich nicht mehr kitten lässt. Vermutlich hat Altenberg unter dieser ödipalen Katastrohe mehr und länger gelitten, als ihm selbst je bewusst wurde. Er löst sich aus dem familiären Zusammenhang und landet in einer melancholischen Bohème, die nur notdürftig als freie Künstler-Existenz etikettiert wird.

Dennoch ist Altenberg einer der wenigen Schriftsteller, die ihr "Glück" gekannt und an ihm festgehalten haben. Er hat gewisse Anteile dieses Glücks immer mal wieder in Wirklichkeit "umsetzen" können. Dieses Glück war die Welt der Erotik evozierenden Kindfrauen, ein Glück, das man sich als Mensch und Leser nicht unbedingt zu Eigen machen muss, aber anerkennen kann. Die Utopie des "gefundenen Glücks" ist einer der Gründe für Altenbergs anhaltende Beliebtheit. Er ist einerseits an der Moderne gescheitert und andererseits auf den Trümmern seines Scheiterns als beglückter Phönix wieder auferstanden. Das ist ein Kunststück, mit dem er allein dasteht. Altenbergs "Anhänger" akzeptieren, dass er wegen seiner nicht immer durchsichtigen Kontakte zu - sagen wir die Dinge, wie sie sind -, minderjährigen Mädchen zuweilen Probleme hatte beziehungsweise sich schräg anschauen lassen musste. Altenberg nahm die Zwielichtigkeit hin wie die Zwielichtigkeit gewisser Teile seines Werks.

Welcher Autor außer Peter Altenberg hätte zum Beispiel diesen Satz schreiben können: "Es sind manche hübsche Sächelchen in meinen Büchern, nur muss man sie aus dem Miste herauszuklauben verstehen." Man weiß nicht recht, ob derartige Bekenntnisse ausreichen, aus Altenberg einen souveränen Geist zu konstruieren. Zu seiner Unabhängigkeit gehört, dass er sich für eine solide Analyse seines Unglücks nicht interessierte. Sein Instinkt sagte ihm, dass es unmöglich ist, aus der Vielfalt der biografischen Versagungen eine Rangfolge der verursachenden Kräfte zu rekonstruieren. Schon in seinem ersten Buch Wie ich es sehe notierte er die Sätze: "Wir trauern um unser eigenes Ich, das im Drang des Lebens verkrüppelt. Diese Trauer heißt 'Schamgefühl'." Die beiden Sätze haben offenbarende Kraft, sie sind präzise und gleichzeitig verschleiernd. Bewundernswert ist das Eingeständnis, im Drang des Lebens verkrüppelt worden zu sein.

Danach kommt die Scham; sie bedeutet: Ein Mensch empfindet wehrlos ein Niederlagengefühl, das sich endlos gegen die eigene Innenwelt richtet - und ist eben deswegen nicht weiter analysierbar. Man kann auch sagen: Im Zentrum der Scham steckt eine bestrafende Einschüchterung, ein Vorgriff des Todes auf das Leben. Altenberg war schon in seiner Kindheit um sein Überleben besorgt; diese vorzeitige Anstrengung könnte der Kern seiner Melancholie gewesen sein. Er muss frühzeitig geahnt haben, wie beschämend sein Altern ausfallen würde. Sein Lebensabend war, rein äußerlich (um vom Innerlichen zu schweigen), eine in die Länge gezogene Schmach. Seit 1905, als die väterliche Firma Bankrott anmeldete, lebte er von mäzenatischer Unterstützung, das heißt von milden Gaben, die er mit scharfen Bettelbriefen einforderte.

In die Länge gezogene Schmach

Ist es ein Wunder, dass seine durch Medikamentenmissbrauch und Alkohol geschwächten Nerven diesen Kampf nicht aushielten? Altenberg wurde in eine sogenannte "Wasserheilanstalt" eingeliefert, wo er von der "schmerzhaften Überreizung seiner Nerven Erholung suchte" (so seine Freundin Helga Malmberg). Von der Wasserheilanstalt wechselte er in die Heilanstalt Inzersdorf bei Wien, von dort weiter in die Nervenheilanstalt Steinhof in Wien. Erstaunlich bleibt, dass in Altenbergs Spätwerk jegliche Katastrophenrhetorik ausbleibt. Es gibt keine Ressentiments gegen die nachgewachsene Jugend, gegen die Frauen, gegen die Reichen, gegen die Politik, gegen die Technik oder gegen den Fortgang der Zeit. Einmal schrieb er: "Nie wurde etwas aus meinen Träumen." Um dieser Träume willen wird er bis heute geschätzt. (Von Wilhelm Genazino, Album, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8. März 2009) 

Dieser Essay von Wilhelm Genazino erscheint demnächst in: Peter Altenberg "Das Buch der Bücher von Peter Altenberg" (Zusammengestellt von Karl Kraus, hg. von Rainer Gerlach. Wallstein Verlag, 2009.

Auf der Buchmesse in Leipzig, die vom 12. bis 15. März stattfindet, präsentieren mehr als 2000 Aussteller Neuerscheinungen. Das ALBUM bringt eine Auswahl wichtiger Vorabdrucke und Rezensionen.

  • Wilhelm Genazino  (Jg. 1943), arbeitete als Journalist für verschiedene Printmedien (u. a. Pardon).
Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. Im Februar erschien sein Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“.
    foto: standard/privat

    Wilhelm Genazino  (Jg. 1943), arbeitete als Journalist für verschiedene Printmedien (u. a. Pardon).

    Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. Im Februar erschien sein Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“.

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    Peter Altenberg - an der Moderne gescheitert und auf den Trümmern seines Scheiterns als beglückter Phönix wieder auferstanden.

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