Fein sein, bei'nander bleiben

8. März 2009, 18:32
  • Artikelbild
    foto: apa/dpa

    Blick nach Deutschland: Deutsch-türkische Fußballbegegnungen werden hier regelmäßig bereits im Vorfeld zu multikulturellen Freundschaftsfesten hochstilisiert - ein zumindest gut gemeinter Ansatz.

Über Integration wird viel gesprochen, weniger über die Segregation, die eigentlich passiert

Anlassfälle gibt es genügend, um über Integration oder Segregation zu diskutieren, seien es Wahlen oder neue Gesetze. Wirklich differenziert und fundiert läuft das selten ab: die immer gleichen Argumente prallen aufeinander, ob online oder offline.
Patrick Wohlkönig hat in seiner Bakkalaureatsarbeit "Der/Die segregierte Fremde" im Fach Soziologie losgelöst vom Tagesgeschehen das Thema Segregation unter die Lupe genommen und wissenschaftliche Literatur gesichtet. Dabei setzt er das Fremde mit den "AusländerInnen" gleich, denn im Konzept des modernen Nationalstaates sind die Nicht-Staatsbürger die Fremden schlechthin.

Assimilation vs. Multikulti

Überraschend mag vielleicht sein, dass Segregation in der Literatur nicht nur negativ gesehen wurde. Die Chikagoer Schule der "Sozioökologie" bezeichnete ethnisch segregierte Viertel als "natürlich", sogar "nützlich", denn die Migranten-Communities seien Zwischenstationen zur Assimilation und würden diesen Prozess erleichtern. Das Gegenkonzept der Multikulturalität hingegen lehnt eine vollständige Assimilation ab, zumal ja die Mehrheitsgesellschaft auch nicht heterogen ist. An wen genau also solle man sich anpassen? Aber abgesehen von den zweifelhaften Kulturbegriffen, mit denen hier hantiert wurde, kritisiert Wohlkönig die Instrumentalisierung von Multikulturalität als Marketingstrategie von Stadtverwaltungen. Das Fazit: langfristig ist Segregation schädlich, vor allem für die Eingewanderten.

Ausschluss, Zuschreibungen, Etikettierungen

Was bei diesem Thema nicht ausbleiben kann, sind Vorurteile und Stereotype, die der Autor als Konstruktionen, die an der Realität nicht überprüft wurden, bezeichnet. Neben wirtschaftlichen und sozialen Umständen, sind sie es, die Segregation fördern und Problemlösungen erschweren. Vorurteile dienen dabei der Abgrenzung von Fremdgruppen und der Stärkung der eigenen Identität. "Den Extremfall dieses Prozesses stellt die Delegitimation von Gruppen dar, welche sich durch die Entmenschlichung von Anderen, dessen Ausschluss, Zuschreibungen, Etikettierungen und durch ihre Kategorisierung als gesamtgesellschaftlich unakzeptierte Gruppe ausdrückt", heißt es dazu in der Arbeit, und dass das keine rein akademische Debatte ist, zeigen die Entgleisungen des steirischen RFJ-Obmanns Michael Winter. Dieser hatte Muslimen pauschal die Tendenz zu Vergewaltigungen und Sodomie attestiert. Wenige Einzelfälle, könnte man einwenden. Beunruhigender ist aber, dass solche Aussagen nie so fallen würden, wenn sich deren Urheber nicht des Rückhalts der Eigengruppe gewiss wären.

Trügerische Statistik

Auf einen Aspekt der Stigmatisierung von "AusländerInnen" geht Wohlkönig näher ein, nämlich den der Kriminalisierung. Kritik übt er dabei an den Kriminalitätsstatistiken, die das Merkmal Herkunft hervorheben, weil andere Faktoren wie sozialer Status, Bildung und Familie in diesen Statistiken gar nicht vorkommen. Eine mögliche Folge davon: "Solch eine extreme Form der Stigmatisierung führe jedoch nach dem Ansatz der Kriminalisierungsthese eventuell tatsächlich zu devianten Karrieren und die Kriminalisierung von Menschen ethnischer Minderheiten würde zu einer 'self-fulfilling prophecy'."

Was tun?

Die Arbeit bietet eine nachvollziehbare Zusammenschau der sozialen und psychologischen Faktoren, die zu Segregation führen. Hinzu kommt, dass diese sich gegenseitig verstärkend letztlich zu Teufelskreisen schließen. Das macht die Komplexität des Themas aus und daher kann es auch kein Patentrezept geben. Da aber irgendwo angefangen werden muss, ist dem Autor zuzustimmen, wenn er den Abbau des Misstrauens zwischen den Menschen fordert. Das wäre selbst bei gutem Willen schwierig. Pessimistischerweise muss aber gesagt werden, dass in Österreich in weiten Teilen der politischen Landschaft nicht einmal diese Voraussetzung gegeben ist.

Patrick Wohlkönigs Bakkalaureatsarbeit "Der/Die segregierte Fremde. Ein interdisziplinärer Versuch der Thematisierung von 'Fremden' in der Stadt" ist unter textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.

Der Autor

Patrick Wohlkönig (Jg. 1985) studiert seit 2006 Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Seine Studienschwerpunkte sind Stadtsoziologie und -ethnologie sowie Mikrosoziologie. Derzeit ist er an einem Marktforschungsprojekt des Landesmuseums Joanneum beteiligt.

Der Rezensent

Thomas Müller (Jg. 1979, Mag.phil) studierte Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und ist u. a. Mitarbeiter des Vereins textfeld.






Logo: textfeld


Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 59
1 2
Keltisch Klang
01

jedeR hat das recht zu glauben, zu tun, zu essen, zu tanzen, zu schlafen, zu wohnen, zu leben wie er/sie will und basta, sollte dass vielen nicht passen ist das ihr pech. Nur wenn man in die persönliche freiheit eines menschen angreift, wirds problematisch.
Ich denke viele verlangen von MigrantInnen dass sie ihr aussehen ändern, ihre art ändern, aber das sind sachen die nie passieren werden, es sind nunmal nicht alle blond und blauäugig. Und Idioten gibts überall udn ist kulturunabhängig, wobei manche kulturen vielleicht ein verhalten begünstigen was mir nicht zusagt, aber nieman dsagt dass ich mich mit zu jemandne anfreunden muss.

6 is leiwaund
02
"jedeR hat das recht zu glauben, zu tun, zu essen, zu tanzen, zu schlafen, zu wohnen, zu leben wie er/sie will"

Richtig! Und kein vernünftiger Mensch wird da etwas dagegen haben. Allerdings bezieht sich das ausschließlich auf das private Umfeld.

Ich möchte als Unternehmer nicht verpflichtet sein, Menschen, die ihre religiöse Torheit in Form von auffälliger Kleidung wie eine Monstranz vor sich hertragen, anstellen zu MÜSSEN.

Um solche und ähnliche Dinge geht es. Was jeder privat tut oder lässt, ist einzig und allein seine Angelegenheit.

holzdieb
01
10.3.2009, 19:48

...wenn er den Abbau des Misstrauens zwischen den Menschen fordert..

na,dann.

mountaineer
04
Gute Connections!

Der muss aber gute Connections haben, wenn schon die Bacc.-Arbeit von ihm in den Medien thematisiert wird wie bei einem anderen nicht einmal die Habil!!!

mountaineer
74

Ich finde, dass das Fremde oder das Vertraute in Österreich nicht unbedingt mit der Staatsbürgerschaft korreliert, denn die meisten Türken und Jugoslawen, derer so viele in unserem Land weilen, sind bereits seit langem eingebürgert, werden häufig aber als fremd wahrgenommen und nicht als integriert. Schuld daran sind wohl nicht zuletzt Stereotype und Vorurteile.

hans reinsch
34
11.3.2009, 18:15

Nein, schuld daran sind diese Herrschaften und ihr Verhalten. Es sind eben keine Vorurteile, sondern gemachte Erfahrungen.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
24
10.3.2009, 15:00

Gerade Menschen aus dem ehemaligen Yugoslawien sind zum grössten Teil integriert und werden überhaupt nicht mehr als fremd wahrgenommen. Bei jenen (jungen) Kroaten, die sich sehr nationalistisch gibt (Mädchen mit tatoo von kroatischem Wappen am Popo usw.), wäre zu fragen, wann sie bzw. ihre Eltern nach Österreich gekommen sind. Ich nehme an, erst nach dem Zerfall Yugoslawiens.

se örth is a too smoll plänet for mi1
424
Bakkalaureatsarbeit

Was wird hier als nächstes rezensiert?
Ein Gym-Referat?

Gibt es zu diesem Thema keine fundierten, wissenschaftlichen Arbeiten?

_cato
74

bakkalaureatsarbeiten sind wissenschaftlich
sonst wärens ja keine bakkalaureatsarbeiten.

donaldsneffe
00
Ja, genau...

Zu "bakkalaureatsarbeiten sind wissenschaftlich " - genau, und dann sind sie aufgewacht?
Bakkelaureatsarbeiten sind das, was jeder Student schon früher in Projektpraktikums-Endberichten mehrmals für sein Studium "produzieren" musste (jetzt halt in genau vorgeschriebener Form). (Meistens) Von mehreren Studenten gemeinsam geschrieben, als Bac. Arbeit dann eben "einzeln", also nur mit einem Verfasser (oder einer Verfasserin) abgegeben.
Bac. Arbeiten sind maximal das, was man als "Üben für wissenschaftliche Arbeiten" bezeichnen kann.

Mucosaprolaps
212

Ein Bacc ist kein akademischer Titel, sondern eine Studienabbruchsbestätigung.

donaldsneffe
00
Naja

"Ein Bacc ist kein akademischer Titel, sondern eine Studienabbruchsbestätigung." - kann ja auch nur eine Zwischenstufe zum Master oder Doktor sein, wird ja wohl nicht jeder nach dem Bac. aufhören (auch wenn leider nicht mehr jeder weitermachen kann).

Zwerg515
00
Gar net überheblich

Bevor ich weiterrede mit ihnen - haben sie überhaupt maturiert? Geht es noch überheblicher und arroganter?

RebelAngel
 
00
11.3.2009, 16:02
nunja

so ist er halt, der typische Österreicher. Wenn er neben dem Krone-Abo auch noch einen Titel hat, muß er alle mit Gewalt darauf hinweisen, und weeeehe es vergisst einmal jemand, diesen Titel zu nennen!
So hat der eine seinen Porsche, der andere seinen Titel und der nächste keine Komplexe *schulterzuck*

Reconquista Europa
00
11.3.2009, 09:56
You made my day!

_cato
33

genau die arroganz die wir an akademikern lieben

Meslier
01
10.3.2009, 13:39
Pluralis Majestatis?

politisch verfolgt
00
10.3.2009, 11:10
auch an

nicht-akademikern.

Tarik
01
Geanau,

und Mickey Mouse ist ein Wissenschaftsmagazin.

_cato
00

ich glaub sie müssen ihre definitionen und ihr ego überdenken.

Marty McCloud
 
111

Lol, das grade ein Geistes-"wissenschafter" Kritik an der Statistik übt. Wenn Soziologen eine Studie verfassen, kommt im Endeffekt sowieso nie was anderes als die persönliche Meinung dabei heraus.

Rote Stricherl, ahoi.

thomislav
00

wer übt denn ihrer meinung nach sonst kritik an der (verwendung der) statistik? auch wenn Sie es kaum glauben können, es sind doch tatsächlich diese gesellschaftswissenschaften.

Marty McCloud
 
01

Sehr schön für die Gesellschaftswissenschaften, wenn sie sich das eigene Fundament wegfressen.

Trotzdem ist es nicht die Statistik als solche die zu hinterfragen ist, sondern deren missbräuchliche Verwendung durch möchtegern Wissenschafter, die im Kommentar-Teil einer Zeitung wohl besser aufgehoben wären.

Ich habe heute wieder mit einem Soziologen gesprochen, und auch er hat sich darüber geärgert, dass so viele seiner Kollegen auf Kriegsfuß mit der materiellen Wahrheit stehen.

Nick Tameer
00

Rein empirisch betrachtet haben Sie ja vermutlich recht. Aber ziemlich borniert sind Sie trotzdem.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
01

Soziologie gehört zu den GruWi.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 59
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.