Fein sein, bei'nander bleiben

    8. März 2009, 18:32
    59 Postings

    Über Integration wird viel gesprochen, weniger über die Segregation, die eigentlich passiert

    Anlassfälle gibt es genügend, um über Integration oder Segregation zu diskutieren, seien es Wahlen oder neue Gesetze. Wirklich differenziert und fundiert läuft das selten ab: die immer gleichen Argumente prallen aufeinander, ob online oder offline.
    Patrick Wohlkönig hat in seiner Bakkalaureatsarbeit "Der/Die segregierte Fremde" im Fach Soziologie losgelöst vom Tagesgeschehen das Thema Segregation unter die Lupe genommen und wissenschaftliche Literatur gesichtet. Dabei setzt er das Fremde mit den "AusländerInnen" gleich, denn im Konzept des modernen Nationalstaates sind die Nicht-Staatsbürger die Fremden schlechthin.

    Assimilation vs. Multikulti

    Überraschend mag vielleicht sein, dass Segregation in der Literatur nicht nur negativ gesehen wurde. Die Chikagoer Schule der "Sozioökologie" bezeichnete ethnisch segregierte Viertel als "natürlich", sogar "nützlich", denn die Migranten-Communities seien Zwischenstationen zur Assimilation und würden diesen Prozess erleichtern. Das Gegenkonzept der Multikulturalität hingegen lehnt eine vollständige Assimilation ab, zumal ja die Mehrheitsgesellschaft auch nicht heterogen ist. An wen genau also solle man sich anpassen? Aber abgesehen von den zweifelhaften Kulturbegriffen, mit denen hier hantiert wurde, kritisiert Wohlkönig die Instrumentalisierung von Multikulturalität als Marketingstrategie von Stadtverwaltungen. Das Fazit: langfristig ist Segregation schädlich, vor allem für die Eingewanderten.

    Ausschluss, Zuschreibungen, Etikettierungen

    Was bei diesem Thema nicht ausbleiben kann, sind Vorurteile und Stereotype, die der Autor als Konstruktionen, die an der Realität nicht überprüft wurden, bezeichnet. Neben wirtschaftlichen und sozialen Umständen, sind sie es, die Segregation fördern und Problemlösungen erschweren. Vorurteile dienen dabei der Abgrenzung von Fremdgruppen und der Stärkung der eigenen Identität. "Den Extremfall dieses Prozesses stellt die Delegitimation von Gruppen dar, welche sich durch die Entmenschlichung von Anderen, dessen Ausschluss, Zuschreibungen, Etikettierungen und durch ihre Kategorisierung als gesamtgesellschaftlich unakzeptierte Gruppe ausdrückt", heißt es dazu in der Arbeit, und dass das keine rein akademische Debatte ist, zeigen die Entgleisungen des steirischen RFJ-Obmanns Michael Winter. Dieser hatte Muslimen pauschal die Tendenz zu Vergewaltigungen und Sodomie attestiert. Wenige Einzelfälle, könnte man einwenden. Beunruhigender ist aber, dass solche Aussagen nie so fallen würden, wenn sich deren Urheber nicht des Rückhalts der Eigengruppe gewiss wären.

    Trügerische Statistik

    Auf einen Aspekt der Stigmatisierung von "AusländerInnen" geht Wohlkönig näher ein, nämlich den der Kriminalisierung. Kritik übt er dabei an den Kriminalitätsstatistiken, die das Merkmal Herkunft hervorheben, weil andere Faktoren wie sozialer Status, Bildung und Familie in diesen Statistiken gar nicht vorkommen. Eine mögliche Folge davon: "Solch eine extreme Form der Stigmatisierung führe jedoch nach dem Ansatz der Kriminalisierungsthese eventuell tatsächlich zu devianten Karrieren und die Kriminalisierung von Menschen ethnischer Minderheiten würde zu einer 'self-fulfilling prophecy'."

    Was tun?

    Die Arbeit bietet eine nachvollziehbare Zusammenschau der sozialen und psychologischen Faktoren, die zu Segregation führen. Hinzu kommt, dass diese sich gegenseitig verstärkend letztlich zu Teufelskreisen schließen. Das macht die Komplexität des Themas aus und daher kann es auch kein Patentrezept geben. Da aber irgendwo angefangen werden muss, ist dem Autor zuzustimmen, wenn er den Abbau des Misstrauens zwischen den Menschen fordert. Das wäre selbst bei gutem Willen schwierig. Pessimistischerweise muss aber gesagt werden, dass in Österreich in weiten Teilen der politischen Landschaft nicht einmal diese Voraussetzung gegeben ist.

    Patrick Wohlkönigs Bakkalaureatsarbeit "Der/Die segregierte Fremde. Ein interdisziplinärer Versuch der Thematisierung von 'Fremden' in der Stadt" ist unter textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.

    Der Autor

    Patrick Wohlkönig (Jg. 1985) studiert seit 2006 Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Seine Studienschwerpunkte sind Stadtsoziologie und -ethnologie sowie Mikrosoziologie. Derzeit ist er an einem Marktforschungsprojekt des Landesmuseums Joanneum beteiligt.

    Der Rezensent

    Thomas Müller (Jg. 1979, Mag.phil) studierte Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und ist u. a. Mitarbeiter des Vereins textfeld.






    Logo: textfeld


    • Bild nicht mehr verfügbar

      Blick nach Deutschland: Deutsch-türkische Fußballbegegnungen werden hier regelmäßig bereits im Vorfeld zu multikulturellen Freundschaftsfesten hochstilisiert - ein zumindest gut gemeinter Ansatz.

    Share if you care.