Dämonen und Starbucks

6. März 2009, 20:38
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Fusion von westlicher und chinesischer Kultur - Qiu Xiaolongs "Blut und rote Seide"

Ein Serienmörder in Schanghai ist politisch undenkbar", das verlauten die Parteipolitiker. Dessen ungeachtet werden in kurzen Abständen junge Frauen tot aufgefunden, angezogen mit einem traditionellen, altmodischen Kleid und sonst nichts. Oberinspektor Chen begibt sich auf Abwege, entwickelt für die Kollegen völlig abstruse Theorien und zieht sich zu allem Überfluss aus dem Fall zurück, weil er an der Uni ein literaturwissenschaftliches Seminar absolvieren will. Während Chen über feinsinnigen Metaphern und klassischen chinesischen Erzählungen brütet, denkt er gleichzeitig über das Motiv des Täters nach.

Fusion von westlicher und chinesischer Kultur

Der Autor bietet wieder eine reizvolle Fusion von westlicher und chinesischer Kultur und intime Einblicke in die Veränderungen des chinesischen Alltags unter dem Zeichen der Marktwirtschaft. Nostalgische Erinnerungen vermischen sich mit den verdrängten Gräueln während der Kulturrevolution, rezente Korruption geht einher mit politischem Kalkül. Chen grübelt im neuen Starbucks über Profiling und Psychologie und lässt sich in ein Wellnesshotel einladen. Hier erhält er befremdliche Einblicke in die traditionelle chinesische Küche, wie sie garantiert keinem Touristen unterkommt. Kurzum, Oberinspektor Chens fünfter Fall ist diesmal recht kontemplativ. Gegen Ende wird die Geschichte etwas langatmig in dem Bestreben, die Motive des Mörders zu erklären; Wittgenstein und Hamlet lassen auch noch grüßen. (Ingeborg Sperl/Album, DER STANDARD Printausgabe, 7./8. März 2009)

 

Qiu Xiaolong, "Blut und rote Seide." Deutsch: Susanne Hornfeck. € 19,90 / 377 Seiten. Zsolnay, Wien 2009

 

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