Das Problem ist die Sau

6. März 2009, 20:06
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Reflexionen zur Praxis der Subsistenzwirtschaft

Selber säen, selber ernten: In Zeiten wie diesen liegt die Idee der Subsistenzwirtschaft auf der Hand. Schon berichtet die FAZ (28. 2.) über eine krisenbedingt gestiegene Nachfrage nach Kartoffeläckern in Deutschland, was zeigt, dass die Reichen von König Midas und den Cree-Indianern gelernt haben: Kaum ist der letzte Fisch gerodet, muss man wahrhaben, dass man Geld nicht essen kann. Das Gleiche gilt für Investmentfonds, Derivate und Gold: So hart kann die Krise gar nicht sein, als dass man sich einen Barren in der Pfanne abbraten wollte. Daher der Trend zurück zur Kartoffel und zur nährenden Mutter Natur.

Omega-3-Fettsäuren

Als Städter räume ich neidvoll ein, dass uns die Bauern subsistenzwirtschaftlich einiges voraushaben. Ich habe unsere Wohnung auf ihre Tauglichkeit für die Nahrungsmittelproduktion überprüft. Die Resultate waren durchwachsen. Wir haben ein paar Töpfe mit Thymian und Petersilie auf der Terrasse; in Richtung Raps und Kohl ließe sich weiterdenken. Auch ein Mini-Rübenacker unterm Bett ginge sich aus. Die Aquakultur kommt ins Wohnzimmer und wird uns gelegentlich mit einem Zwergbuntbarschfilet (günstige Omega-3-Fettsäuren!) oder ein paar Stäbchen vom Goldfisch versorgen.

Fähigkeit des Fleischhackers

So viel zum Unproblematischen. Problematisch innerhalb der eigenen vier Wände kommt mir die Schweinehaltung vor. Doch gerade auf sie würde ich ungern verzichten. Denn wenn schon die Banken krachen, sollen dies auch die Schwarten und Grammeln tun, und wenig tröstet über manch Krisenwehwehchen besser hinweg als ein knuspriges Bratl mit Knofl. Aber: Das Schwein ist pflegeintensiv. Säue grunzen. Säue schmutzen. Säue vertragen sich nicht mit Katzen. Selbst wenn wir ein oder zwei Schweine in der Badewanne unterbrächten (was den Zusatzvorteil hätte, dass man sie schnell duschen oder shampoonieren könnte), bliebe die Frage der Schlachtung offen. Ich weiß nicht, ob ich es über mich brächte, eine Sau, die mich treuherzig aus ihren Schweinsäuglein anblinzelt, abzukrageln. Die pragmatische Fähigkeit des Fleischhackers, seinen Opfern mit der Axt zu Leibe zu rücken, geht mir ab.

All dies gälte es zu bedenken, doch die Mediendebatte über Probleme der Schweinehaltung in Stadtwohnungen lässt zu wünschen übrig. Das hat wohl damit zu tun, dass die Öffentlichkeit, vielleicht auch aufgrund des putzigen "Ja Natürlich"-Ferkels aus dem Billa-Konzern, jahrelang mit einem Schweinebild versorgt wurde, das die Wirklichkeit übertrieben rosig darstellt. Aber das war ja, vor der Krise, auch bei Immobilienpreisen und Investmentfonds nicht viel anders. (Christoph Windner/DER STANDARD Printausgabe, 7./8. März 2009)

 

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