Mörder, Hoffnung der Lauen

6. März 2009, 19:11
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Mit Tiedemanns Regie-Nachstellung von Bergmans Depressionsfilm "Aus dem Leben der Marionetten" verfehlt die Josefstadt den Kern eines bürgerlichen Unbehagens

Wien - Beim Wiedersehen hinterlässt einen Ingmar Bergmans "deutscher" Film Aus dem Leben der Marionetten (1979/80) zunächst verstört und ratlos: Der Industriekapitän Peter Egerman, ein gutsituierter, "freizügig" lebender Lebe- und Ehemann, ermordet ohne ersichtlichen Grund eine Prostituierte. Bergman, der seinen damals im ZDF abgespielten, todtraurigen Film wie kaum ein anderes seiner Werke liebte, rekonstruiert in zahllosen Rückblicken das Täterprofil eines spirituell heimatlosen Wohlstandsmenschen.

Im Wiener Josefstadt-Theater, wo Regisseur Philip Tiedemann unter Zuhilfenahme der Drehbühne in ein begehbares Bilderbuch einlädt (Bühne: Etienne Pluss), werden die Kapitel einer Leidensgeschichte betont sachlich abgearbeitet: kühler noch, als es die Vorlage ohnedies vermuten lässt.

Mit Betonung auf die zahlreichen Drinks, die sich Egerman (Bernhard Schir) und seine Gemahlin Katarina (Maria Köstlinger) genehmigen, könnte man sagen: Eine Seele stirbt extra dry. Ein Herz friert im Winter. Die wunderschön marmorierten Räume werden kaum bespielt, sondern von den kommentierenden Aufklärungsspezialisten (Psychiater, Kommissar) einiger weniger, wegwerfender Blicke gewürdigt.

"Bürgerlicher" Brecht

Schir gibt - da der Text auf Rückblenden setzt - die bürgerliche Ausgabe einer Brecht-Figur: Er spielt eine Unruhe, die tief in ihm drinnensitzt. Diese darf, da alles bloß "nachgespielt" wird, niemals ganz von ihm Besitz ergreifen. Bergman gibt vor, bürgerliche "Charaktermasken" zu entlarven. Und da der Täter den Schattenriss der Haare kämmenden Prostituierten (Silvia Meisterle) mit Händen zu greifen sucht, durchstößt er die Papierwand und verschafft sich Zutritt zu einer Intimität, die bloß "gekauft" ist. Ein Angsthase will Täter sein.

Der TV-geeichte Darsteller Schir wäre in einer emphatischeren Darstellungsweise vielleicht eine gute Wahl gewesen: Vom Wohlleben rundlich geworden, sendet er erste Notsignale an seinen Freund, den Psychiater (Alexander Strobele). Er reibt an den Hosenbeinen; sitzt am Fauteuilrand, als ob er gleich hochspränge und jemandem an die Gurgel führe. Er gibt vor, seine Ehefrau ermorden zu wollen. Da der Psychiater aber als Liebhaber in ihre Paarbeziehung involviert ist, rutscht Egerman als Psychopath in spe aus auf dem seifigen Grund der Unaufrichtigkeit.

Zuwendung gibt es nicht mehr. Menschen wie dieser Egerman haben es verlernt, das Gebot der "Aufrichtigkeit" anders zu verwirklichen als in geschützten Verhältnissen. Tiedemann arbeitet sich unverdrossen ab an der Übersetzung der großen Kälte, die 1980 - mindestens in Bergmans Gemüt! - geherrscht haben muss.

Ratlosigkeit

Köstlinger gibt als Ehefrau und Modeschöpferin die drahtige, alkoholverhuschte Power-Woman mit sportiven Stirnfransen. Leider hat der Regisseur weniger auf die Synchronisation der Stimmlagen Wert gelegt als auf die Illustration einer Wehmut, die alle ohne Unterschied erfasst. Der wahre Soundtrack zu dieser in ihrer emotionalen Ratlosigkeit erstickenden Zivilgesellschaft von anno Schnee käme von Joy Division, von Post-Punkbands. He's lost control again: Schir muss am Ende den Mord wiederholen, aufgrund dessen er in der Nervenheilanstalt gelandet ist.

Mit gerade angetupften Figurenskizzen zeigt die Josefstadt, dass ihr Personal - trotz Vinterberg in der vergangenen Spielzeit - auf dem Parkett der Gesellschaftsanalyse spürbar auf verlorenem Posten kämpft. Figuren wie der schwule Modeschöpferkollege Tim (Sylvester Groth), im Film von dem großen Walter Schmidinger zum Niederknien gemimt, werden zu Stichwortgebern reduziert. So dominiert ein großstädtischer Einheitsschick, der sich damit begnügt, diejenigen Symptome aufzuzeigen, an deren Behebung sich Gottsucher wie Ingmar Bergman abgearbeitet haben. Aus dem Josefstadt-Theater wird so schnell keine philosophische Probierstube. (Ronald Pohl/DER STANDARD Printausgabe, 7./8. März 2009)

 

 

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    Gleich wird es Zeit, die Gurgel zuzudrücken: Silvia Meisterle und Bernhard Schir im Josefstädter Theatereinsatz.

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