"Erzieht keine Prinzen und keine Putzfrauen"

6. März 2009, 17:13
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Die ÖBB wollen ihren Frauenanteil deutlich steigern- eine Diskussion zum 101. Weltfrauentag: Wie Mobilitätsunternehmen weiblicher werden können

Die "Förderung" von Frauen wird im ÖBB-Sprachgebrauch vermieden: Es gibt "Maßnahmenpakete" und "Programmschienen". "Der Begriff Förderung ist defizitär besetzt", so ÖBB-Personalentwicklerin Astrid Riedl, "wir wollen stärken und auf die positiven Seiten schauen." Die sind seit vier Jahren Schwerpunktthema. 2007 hat Personalchef Franz Nigl das Commitment in der "Gender Charta" der europäischen Mobilitätsunternehmen schriftlich gemacht: 100 Frauen sollen 2010 in Führungspositionen sein. Derzeit sind es 60 - immerhin doppelt so viele wie 2005. Im Gesamtkonzern soll der Frauenanteil 2010 zehn Prozent betragen - derzeit sind es nur 6,9 Prozent.

Grenzen benennen und beseitigen

"Women Unlimited" titelte der Konzern eine Diskussion am Donnerstag im Millennium Tower in Wien, die Grenzen für Frauenkarrieren in Mobilitätsunternehmen benennen und Maßnahmen zur Beseitigung festmachen sollte. Die Diskussionsfelder waren klar: männerdominierte Kulturen, zu wenig naturwissenschaftlich-technisches Interesse von Mädchen, Barrieren in der Vereinbarkeit (wobei Familie und Älteren-Pflege ja noch immer überwiegend Frauensache sind). Wo ansetzen? „Ich wünsche mir von Männern: Behandelt Eure Kolleginnen so, wie ihr wollt, dass eure Töchter behandelt werden", sagt Elisabeth Vondrasek, Gleichbehandlungsbeauftragte der ÖBB. Nach 30 Jahren im Unternehmen sieht sie deutliche Verbesserungen hin zur Öffnung für Frauen, "aber nicht so schnell, wie ich mir das wünschen würde".

Gabriele Payr, Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke, kann immerhin auf einen 18-prozentigen Frauenanteil bei den Wiener Linien verweisen, hat nun aber eine größere Kurbel für mehr Frauen in ihrem Unternehmen angesetzt und nimmt auch das rund 100-köpfige Frauenauditorium als Mütter, denen (noch) die Hauptaufgabe in der Erziehung zufällt, in die Pflicht: "Erzieht keine Prinzen und keine Putzfrauen."

Macht- und Ressourcenkämpfe

Edeltraud Hanappi-Egger, absolvierte Technikerin und Professorin für Gender & Diversity in Organizations an der Wiener Wirtschaftsuni, wurde deutlich: Es gehe um Macht- und Ressourcenkämpfe. Es sei viel erforscht, viele Programme seien im Umlauf, es werde seit vielen Jahren annähernd Gleiches diskutiert. All das unterliege meist aber einem grundlegenden Irrtum: "Wir geben den Männern die Säge in die Hand und sagen: Sägt doch einmal an euren Sesselbeinen. Warum sollten sie das tun?" Nur mit Kooperation werde das Frauenthema nicht voranzutreiben sein.

Drei wichtige Zutaten

Gastgeberin Gabriele Lutter, Vorstandssprecherin der ÖBB Personenverkehr AG, forderte drei Dinge von Frauen ein: Mut, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Sie kann in der Personenverkehr AG auf einen überdurchschnittlich hohen Frauenanteil verweisen. Ganz zentral sei, so Lutter, Mädchen in Berufsrichtungen zu orientieren, in denen Karriere besser zu machen sei als in traditionellen dienstleistenden Frauenberufen. Birgit Woitech, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Joanneum Research, verwies auf das Gender-Booklet, das seit 2004 Frauen- und Männerkarrieren in naturwissenschaftlich-technischer Forschung (außeruniversitär) untersucht: keine Änderung der bekannt geringen Frauenanteile. Die Einkommenschere: weit offen. Alternative Karrieremodelle für Männer hält sie für eine zentrale Aufgabe in der Personalentwicklung.

Apropos Quote

Zum Gender Pay Gap (derzeit 25,5 Prozent in Österreich) provozierte Hanappi-Egger: "Jeder Ökonom würde sagen: Her mit den Frauen, die für weniger Geld gleiche Leistung bringen." Da dem nicht so sei und Frauen viel härter um eine ihrem Können entsprechende Stelle kämpfen müssen, handelten Arbeitgeber „irrational". Ihr „betriebswirtschaftlicher Zynismus": Wenn man mehr Frauen ab 45 einstelle, die die Familienplanung in der Regel abgeschlossen haben, löse man "das Aging- und das Quotenproblem zugleich". Apropos Quote: Den Wunsch, Unternehmen gesetzlich dazu zu verpflichten, einen bestimmten Anteil von Führungsposten mit Frauen zu besetzen, teilen alle Diskutantinnen. Zwar errege die "Quotenfrau" bei Männern oft den Verdacht, sie habe den Job "nur wegen ihres Geschlechts bekommen", gibt Gabriele Lutter zu bedenken - und sie selbst sei "allergisch dagegen", als solche bezeichnet zu werden. "Die Quote wäre aber nötig." Es gehe um Zieldefinition, so Payr. (mad, kbau, DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.3.2009)

  • Birgit Reinhardt (Diversity-Beauftragte Deutsche Bahn), Astrid Riedl (Personalentwicklerin ÖBB), Personalchef Franz Nigl, ÖBB-Gleichbehandlungsbeauftragte Elisabeth Vondrasek, ÖBB-Personenverkehr-Chefin Gabriele Lutter, WU-Professorin Edeltraud Hanappi-Egger, Wissenschafterin Birgit Woitech, Stadtwerke-Generalin Gabriele Payr (von links).
    foto: standard/christian fischer

    Birgit Reinhardt (Diversity-Beauftragte Deutsche Bahn), Astrid Riedl (Personalentwicklerin ÖBB), Personalchef Franz Nigl, ÖBB-Gleichbehandlungsbeauftragte Elisabeth Vondrasek, ÖBB-Personenverkehr-Chefin Gabriele Lutter, WU-Professorin Edeltraud Hanappi-Egger, Wissenschafterin Birgit Woitech, Stadtwerke-Generalin Gabriele Payr (von links).

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