"Vielfalt kann nur nutzbringend sein"

6. März 2009, 17:52
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Um ein Normalbild im Gleichgewicht der Geschlechter vorzuleben, sind geförderte Initiativen gute und anerkannte Mittel - Vier Projekte im Rahmen von FEMtech

Allein die Demografie gebe dringend anstehende Aufgaben vor. Keine Branche könne es sich à la longue leisten, auf hochqualifizierte Frauen zu verzichten. Im Besonderen gelte das für Branchen mit traditionell geringem Frauenanteil wie Forschung und Technik. Die Gründe dafür seien naturgegeben unterschiedlich: etwa Hemmschwellen aufgrund tradierter Vorurteile oder fehlende Bilder von Karrierelaufbahnen für Forscherinnen und Technikerinnen. Aber auch mangelnde Information hinsichtlich der Kompetenzen hochqualifizierter Frauen für interessierte Unternehmen.
Die Förderung hochqualifizierter Frauen in Forschung und Technik sei, so Gertraud Oberzaucher vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit), unter anderem Programminitiatorin und Programmverantwortliche für FEMtech - Frauen in Forschung und Technologie, nach wie vor "Top-Thema". Zwar sei die Akzeptanz für Fördermaßnahmen für hochqualifizierte Frauen gestiegen, auch seitens der geförderten Frauen, verbesserungswürdig seien ihre Karrierechancen in Technik und Forschung aber nach wie vor.

Mit Oberzaucher diskutierten Alexandra Wieshaider, bei den Österreichischen Bundesforsten im Forstcontrolling tätig und für die dortige Koordination von Forschungsprojekten zuständig, Roland Dunzendorfer, Projektleiter im Forschungsservice der Universität für Bodenkultur Wien, Juliane-Verena Zach, Head of Support bei Underground 8 Secure Computing, und Tina Gruber-Muecke, stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Unternehmensgründung und Unternehmensentwicklung der Johannes-Kepler-Universität, Ulla Birnbacher, Professorin für Communications Engineering an der Fachhochschule Kärnten, Roland C. Fischer, Universitätsassistent am Institut für Anorganische Chemie der Technischen Universität Graz, und Nadja Noormofidi, wissenschaftliche Assistentin am Institut für Chemische Technologie von Materialien an der Technischen Universität Graz.

Win-Win

Mit den FEMtech Karrierewegen wurde nun eine Möglichkeit gefunden, an Karrierechancen in Technik und industrieller Forschung interessierte Studentinnen sowie entsprechende Unternehmen einander näherzubringen respektive die Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen der industriellen Forschung zu stärken. Insgesamt sei das Ziel, Karrierechancen von Frauen in Unternehmen der industriellen und außeruniversitären Forschung zu verbessern. Die Projekte laufen über zwei Jahre und werden mit maximal 400.000 Euro gefördert.

Im aktuellen Karrierenforum waren vier dieser FEMtech-Karrierewege vertreten:

  • FINCA - Female Intrapreneurship Career Academy. Ziel des Projektes ist es, 20 Studentinnen bei rund zehn Unternehmen zu beschäftigen, diese in die dortigen Aktivitäten in Forschung und Entwicklung einzubinden und die teilnehmenden Studentinnen hinsichtlich ihrer Intrapreneurship-Skills zu qualifizieren.

    Teilnehmende Universitäten: Johannes-Kepler-Universität Linz, TU Graz und TU Wien.

    Teilnehmende Unternehmen: Underground_8 Secure Computing, Solar Surface Dynatrace, Inte:Liggand Software-Entwicklung und Consultig, Aerospy, Ferrobotics Client4U IT Consulting, Joanneum Research, Rosenbauer International und Messergroup Austria.

 

  • BOKUfirst - females in research, science and technology. Durch gezielte Zusatzqualifikationen sollen Studentinnen der Universität für Bodenkultur auf eine Karriere in technologieintensiven Unternehmen sowie jenen in Forschung und Entwicklung vorbereitet werden. Durch dieses Zusatzangebot sollen technische und naturwissenschaftliche Fachrichtungen für Frauen attraktiver werden.

    Teilnehmende Universität: Universität für Bodenkultur.

    Teilnehmende Unternehmen: Österreichische Bundesforste, Baxter AG und Baxter Innovations, Umweltbundesamt.
  • WOMAN - Wir Organisieren ein Mentoring-, Ausbildungs-, Networking- und Praxisprogramm für Technik-Studentinnen. Ziel ist die Erleichterung des Berufseinstiegs. Persönlichkeitsbildende Maßnahmen und entsprechende Zusatzqualifikationen stehen neben einer fundierten fachlichen Qualifizierung und einer intensiven Betreuung im Vordergrund.

    Teilnehmende Universitäten: Fachhochschule Kärnten, TU Graz und Alpen-Adria Universität Klagenfurt.

    Teilnehmende Unternehmen: Infineon Technologies Austria, AMSC Windtec, CISC Semiconductor, Technikon & WITEC.
  • ErFIndERIn - Erfolgreiche Frauen in der Industrie - Entwicklung, Research, Innovation. Studentinnen werden in Forschungs- und Entwicklungsarbeiten von Unternehmen bzw. in bestehende Firmennetzwerke eingebunden. Hier stehen sowohl forschungsorientierte, wissenschaftlich-technische als auch karriereorientierte und persönlichkeitsbildende Ziele im Vordergrund.

    Teilnehmende Universitäten: TU Graz, Karl-Franzens-Universität Graz.

    Teilnehmende Unternehmen: Sappi Austria, KE KELIT Kunststoffwerk, Siemens Transformers Austria (Weiz), Elin EBG Motoren, Infineon Technologies Austria, Lumitech Produktion und Entwicklung.

Alle Projekte laufen seit vergangenem Jahr, und trotz nicht unerheblicher Förderungssumme wären diese, so der Tenor aller Diskutanten, ohne die persönliche Überzeugung nicht zustandegekommen. Schließlich gehe es, so Roland Dunzendorfer, um eine nachhaltige Entwicklung. Zur aktuellen Situation an der Boku könne er nur Mutmaßungen treffen. "Veränderung kann langfristig nur 'von unten' erfolgen. Vielleicht hat man zu krampfhaft versucht, an der Spitze etwas zu verändern", sagt er. Eine Quotenanwendung müsse durchdacht sein und Vielfalt gepflegt werden, sodass es allen zum Vorteil gereiche, so Dunzendorfer sinngemäß.
Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern könne nur nutzbringend sein, schließt sich Alexandra Wieshaider an. Geförderte Projekte seien deshalb ein gutes Mittel, wenn nicht das zurzeit Beste, um ein Normalbild im Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern vorzuleben und zu schaffen, sagt sie.

Diskrepanzen beim Jobeinstieg

Die Diskrepanz zwischen abgeschlossenen technischen Fachrichtungen und ausbildungsadäquaten Berufseinstiegen sei bei Frauen noch zu groß. Hier seien die Unternehmen aufgefordert, Studentinnen die Vielfältigkeit von technischen bzw. forschungsorientierten Berufen näherzubringen, so die Diskutanten. Natürlich seien Projekte dieser Art eine gute Möglichkeit, hochqualifizierte Frauen möglichst bald an ein Unternehmen zu binden, sagt Juliane Zach an. Aber auch die Universitäten seien aufgefordert, so Tina Gruber-Muecke, neben der fundierten Grundausbildung den Fokus auch auf Interdisziplinarität zu legen sowie die Einbindung außeruniversitärer Einrichtungen zu verstärken. Nur so könne auch ein unverfälschtes Bild der unternehmerischen Forschung entstehen, so Roland Fischer. Zudem sei es wichtig zu vermitteln, dass es die eigene Karriere bewusster voranzutreiben gelte, so Ulla Birnbacher, Rolemodels aufzubauen und nachhaltig am Abbau von Hürden zu arbeiten. Es sei schon vieles passiert, sagt Nadja Noormofidi, es gelte weiterhin, optimistisch und aktiv zu bleiben. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.3.2009)

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