Wie gewonnen, so zerronnen - Dow auf 12-Jahres-Tief

6. März 2009, 16:05
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Ein Kommentar aus dem Equity Weekly der Erste Group von Ronald-Peter Stöferle

Erschütternde Makrodaten, weitere Hiobsbotschaften aus dem Finanzsektor und der wahrscheinlich unausweichliche Antrag auf Gläubigerschutz von General Motors schickten die US-Indizes auf Talfahrt. Die Hoffnung auf eine Ausweitung des chinesischen Konjunkturpaketes (aktuell USD 585 Mrd.) um weitere hunderte Milliarden Dollar sorgte am Mittwoch für deutliche Aufschläge, am Donnerstag wurden die Hoffnungen jedoch seitens der chinesischen Regierung enttäuscht. Der S&P verliert 9,34%, der Dow Jones fällt 8% und handelt nun erstmals seit 1997 unter der Marke von 7.000 Zählern. Gold klettert auf USD 941/Unze, der Ölpreis (WTI) steigt aufgrund deutlich rückläufiger Lagerbestände auf USD 43/Barrel.

Der Chicago-Einkaufsmanagerindex aber auch das Konsumklima der Uni Michigan überraschten zunächst (leicht) positiv, auch die Konsumausgaben stiegen zum 1. Mal seit 6 Monaten wieder geringfügig an. Die anschließend veröffentlichten Makrodaten zeichneten jedoch ein düsteres Bild der US-Konjunktur. Die Beschäftigung im Privatsektor fiel lt. ADP um 697.000 Jobs im vergangenen Monat und damit so stark wie nie zuvor. Auch die Vormonatsdaten wurden von 522.000 auf 614.000 revidiert. Die Produktivität außerhalb der Landwirtschaft fiel um 0,4%, während der Konsens von einem Plus in Höhe von 1% ausging. Die Lohnstückkosten stiegen um 5,7% (Konsens: 3,8%). Die Bauausgaben fielen stärker als erwartet, ebenso die Häuserverkäufe. Ben Bernanke forderte in einer Ansprache weitere energische Maßnahmen der US -Regierung, auch wenn die Staatsverschuldung dadurch noch weiter steigen sollte. Oberste Priorität sei eine baldige konjunkturelle Erholung.

Citigroup stürzte weitere 58% ab, nachdem der Staat aufgrund neuerlicher Milliardenverluste einen Anteil auf 36% ausweiten musste. Man werde Vorzugsaktien im Wert von USD 25 Mrd. in  Stammaktien umwandeln. Die ehemals weltgrößte Bank der Welt weist aktuell nur noch eine Marktkapitalisierung von USD 5 Mrd. auf. Auch Bank of America knicken weitere 20% ein. Moody's könnte das Rating bald absenken. Der Ausblick für JP Morgan wurde bereits auf "negative" gesenkt, die CDS' auf beide Unternehmen erreichten Höchststände. AIG bekommt nun eine neue Kreditlinie in Höhe von USD 30 Mrd. vom Finanzministerium, nachdem sich der Gesamtjahresverlust 2008 auf unglaubliche USD 100 Mrd. belief. Ein Großteil davon (62 Mrd.) fiel im 4. Quartal an. Prudential und Manulife Financial dürften sich indes für das Asiengeschäft von AIG interessieren.

GM mit Selbstzweifeln

General Motors zweifelt nun selbst an der eigenen Überlebensfähigkeit und spricht erstmals über einen Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11. Man habe grundsätzliche Zweifel, ob das Unternehmen fortgeführt werden kann, sollten die Verluste nicht nachhaltig verringert werden, hieß es in einem bei der SEC übermittelten Jahresbericht. Für die Tochter Opel fordert man eine Staatshilfe in Höhe von EUR 3,3 Mrd., ansonsten sei das Überleben nur noch für wenige Wochen gesichert. Opel selbst sieht seine Zukunft in Form einer rechtlich selbstständigen Geschäftseinheit. Branchenkennern zufolge könnte eine solche Abgrenzung innerhalb von 4 Wochen auf die Beine gestellt werden.

General Electric meldete einen drastische Dividendenkürzung. Statt USD 0,31 werde man nun nur noch 10 Cents an die Aktionäre ausschütten. Die Aktie fällt auf USD 6,6 und damit den tiefsten Stand seit 1992. Auch ein Auftrag des Pentagons in Höhe von USD 440 Mio. konnte die negative Markteinschätzung nicht verbessern. Eine Kapitalerhöhung steht nun zur Diskussion, obwohl CFO Keith Sherin vorerst beschwichtigte. Credit Default Swaps preisen derzeit einen Ausfallswahrscheinlichkeit von knapp 19% ein, trotzdem verfügt das Unternehmen noch über ein AAA-Rating. Eine Abstufung erscheint jedoch wahrscheinlich. International Paper kündigte ebenfalls eine Dividendenkürzung von knapp 90% an. Nahezu 60% aller im S&P 500 vertretenen Unternehmen haben ihre Ausschüttungen an die Aktionäre bereits verringert.

Wal Mart konnte positiv überraschen, nachdem die Dividende um 15% erhöht wird und die Februar-Umsätze um 5,1% gesteigert werden konnten. Costco Wholesale musste aufgrund massiver Preissenkungen einen Gewinneinbruch von 27% auf USD 0,55 je Aktie hinnehmen. Der Konsens ging von 60 Cents aus. Die vergleichbaren Umsätze fielen 3%. Auch Macy's und Gap meldeten einen deutlichen Rückgang der vergleichbaren Umsätze. Goldman Sachs hat den Rüstungssektor von Buy auf Neutral gesenkt, nachdem die Staatsausgaben für das Militär 2010 ihren Höhepunkt erreichen werden und anschließend dramatisch zurückgefahren werden sollen. Rüstungsausgaben stünden bei Präsident Barack Obama ganz unten auf der Prioritätenliste. Lockheed Martin oder auch United Technologies litten unter der Meldung. Alcoa tendiert geringfügig fester. Man wolle zwei Werke in Ungarn schließen. Zudem profitierte man von den zuletzt deutlich gestiegenen Aluminiumpreisen. Joy Global, ein weltweit führender Hersteller von Minenequipment, meldete eindrucksvolles Zahlenwerk. Der Quartalsgewinn übertraf die Konsens-Schätzungen deutlich, zudem wurde der Ausblick für das Gesamtjahr bestätigt.

Technologiewerte nach wie vor mit relativer Stärke

Dell meldete einen Gewinneinbruch von knapp 50%, die Zahlen überraschten dennoch positiv. Gegen Wochenmitte profitierte die Aktie von positiven Analystenkommentaren. Die Barmittelreserven von knapp USD 10 Mrd. und die ehrgeizigen Kosteneinsparungen lassen die Aktie attraktiv erscheinen. Adobe Systems bestätigte das Gewinnziel für Q1, die Umsatzprognose wurde hingegen deutlich nach unten revidiert. Aktien von Genzyme brechen indes deutlich ein. Die Gesundheitsbehörde FDA hatte mitgeteilt dass es bei der Zulassung des Stoffwechselerkrankungs-Medikamentes Lumizyme erhebliche Verzögerungen geben werde.

Sollte der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau verharren, so würden die Ausgaben für Ölprodukte
2009 2% des weltweiten BIP betragen. 2008 lag der Wert noch bei 4,8%. Die Ersparnisse die
daraus resultieren, ergeben einen Betrag der in etwa 3x so groß ist, wie sämtliche weltweiten
Stimulus-Pakete zusammen.

In der nächsten Handelswoche werden kaum relevante Unternehmens- oder Makrozahlen gemeldet. Die Verfassung der US-Börsen verbleibt fragil. In das sprichwörtlich fallende Messer zu greifen, ist keinesfalls empfehlenswert. Der Volatilitätsindex VIX müsste für eine nachhaltige Bodenbildung noch deutlich höhere Levels erreichen.

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