Die Zukunft ist weiblich

6. März 2009, 18:31
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Frauenförderung ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine ertragreiche Investition – Ein Gastkommentar von Hillary Clinton

Auf einer Reise nach China vor elf Jahren traf ich Aktivistinnen, die mir von ihren Bemühungen berichteten, die Bedingungen für Frauen in ihrem Land zu verbessern. Sie gaben mir eine lebendige Schilderung der Herausforderungen, denen Frauen gegenüberstehen: Diskriminierung am Arbeitsplatz, unzureichende Gesundheitsfürsorge, häusliche Gewalt und veraltete Gesetze, die Frauen daran hinderten, Fortschritte zu machen.

Während meiner ersten Reise nach Asien als US-Außenministerin vor ein paar Wochen traf ich einige dieser Frauen erneut. Diesmal hörte ich von den Fortschritten, die in den vergangenen zehn Jahren gemacht wurden. Trotz einiger wichtiger Verbesserungen ließen diese chinesischen Frauen aber keinen Zweifel daran, dass noch immer Hindernisse und Ungerechtigkeiten bestehen, wie in vielen anderen Teilen der Welt auch.

Bilanz ziehen

Geschichten wie die ihren habe ich auf allen Kontinenten gehört, wo Frauen nach Chancen für eine umfassende Beteiligung am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben in ihren Ländern streben. Am 8. März begehen wir den Internationalen Frauentag und haben die Möglichkeit, Bilanz der erreichten Fortschritte und der noch bestehenden Herausforderungen zu ziehen. Darüber hinaus können wir über die entscheidende Rolle nachdenken, die Frauen bei der Lösung der komplexen weltweiten Probleme des 21. Jahrhunderts spielen müssen.

Die Probleme, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, sind zu groß und komplex, um ohne die umfassende Beteiligung von Frauen gelöst zu werden. Die Stärkung der Rechte von Frauen ist nicht nur eine anhaltende moralische Verpflichtung, sie ist, angesichts der Weltwirtschaftskrise, der Ausbreitung von Terrorismus und der Verbreitung von Atomwaffen, regionaler Konflikte, die Familien und Gemeinden bedrohen, und des Klimawandels und seiner Gefahren für die weltweite Gesundheit und Sicherheit auch eine Notwendigkeit.

Diese Herausforderungen verlangen alles, was wir geben können. Wir werden sie nicht durch halbherzige Maßnahmen bewältigen. Und dennoch wird bei diesen Problemen und vielen anderen oft die Hälfte der Welt vergessen.

Mehrheit der Armen

Heute führen mehr Frauen als in früheren Generationen Regierungen, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen an. Diese guten Neuigkeiten haben aber auch eine Kehrseite. Frauen machen weltweit noch immer die Mehrheit der Armen, der Hungernden und der Menschen ohne Schulbildung aus. Sie werden noch immer Opfer von Vergewaltigung als taktischem Mittel der Kriegsführung und werden im Rahmen eines kriminellen Milliarden-Dollar-Geschäfts noch immer weltweit von Menschenhändlern verschleppt.

Ehrenmorde, Verstümmelungen, Beschneidungen und andere gewaltätige und entwürdigende Praktiken, deren Opfer Frauen sind, werden heute noch immer an zu vielen Orten toleriert. Vor nur wenigen Monaten befand sich ein junges Mädchen in Afghanistan auf dem Weg zur Schule, als eine Gruppe von Männern Säure in ihr Gesicht spritzte, und so ihre Augen dauerhaft schädigte, weil sie dagegen waren, dass sie eine Schulbildung erhielt. Ihr Versuch, das Mädchen und ihre Familie einzuschüchtern, schlug fehl. Sie sagte: "Meine Eltern sagten mir, ich solle weiterhin zur Schule gehen, auch wenn ich dann umgebracht werde."

Der Mut und die Entschlossenheit dieses jungen Mädchens sollten eine Inspiration für uns alle sein - Frauen und Männer gleichermaßen - uns weiterhin so intensiv wie möglich dafür einzusetzen, dass Mädchen und Frauen die Rechte und Chancen erhalten, die sie verdienen.

Ertragreiche Investition

Vor allem inmitten dieser Finanzkrise müssen wir uns in Erinnerung rufen, was ein wachsender Bestand an Forschungsarbeiten bestätigt: Frauen zu unterstützen ist eine ertragreiche Investition, die zu stärkeren Volkswirtschaften, lebendigeren Zivilgesellschaften und Gemeinden sowie zu mehr Frieden und Stabilität führt. Und in Frauen zu investieren bietet eine Möglichkeit, zukünftige Generationen zu unterstützen - denn Frauen geben einen viel größeren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel, Medikamente und Schulausbildung für Kinder aus.

Selbst in den Industrienationen ist die umfassende Beteiligung von Frauen an der Volkswirtschaft noch lange nicht erreicht. In vielen Ländern verdienen Frauen weiterhin viel weniger als Männer, die dieselbe Arbeit verrichten - eine Lücke, die Präsident Obama in den USA dieses Jahr ein Stück weiter geschlossen hat, als er das Lilly-Ledbetter-Gesetz über faire Entlohnung unterzeichnete, das die Fähigkeit von Frauen stärkt, gegen ungerechte Bezahlung vorzugehen.

Frauen müssen die Chance bekommen, gerechte Bezahlung für ihre Arbeit, Zugang zu Krediten sowie die Möglichkeit zu erhalten, Unternehmen zu gründen. Sie verdienen Fairness im politischen Leben, mit gleichen Rechten an der Wahlurne und mit der Freiheit, Ansuchen an ihre Regierung zu richten und sich um politische Ämter zu bewerben. Sie haben ein Recht auf Gesundheitsfürsorge für sich und ihre Familien und ein Recht, ihre Kinder zur Schule zu schicken - sowohl ihre Söhne, als auch ihre Töchter. Und sie müssen eine wichtige Rolle dabei spielen, weltweit Frieden und Stabilität zu schaffen. In vom Krieg zerrissenen Regionen sind es oftmals Frauen, die eine Möglichkeit finden, Differenzen zu überwinden und Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Wenn ich jetzt in meiner neuen Funktion die Welt bereise, denke ich an die Frauen, die ich bereits auf jedem Kontinent kennengelernt habe - Frauen, die gegen ungewöhnliche Widrigkeiten angekämpft haben, um Gesetze zu verändern, sodass sie Land besitzen dürfen, Rechte in der Ehe haben, eine Schule besuchen dürfen, ihre Familie ernähren können - und sogar in Friedensmissionen arbeiten können.

Und ich werde eine resolute Verfechterin ihrer Rechte sein - indem ich mit meinen AmtskollegInnen in anderen Ländern sowie mit Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Einzelpersonen zusammenarbeite - um bei diese Problemen immer weitere Fortschritte zu machen. Das volle Potential und Talent von Frauen und Mädchen auszuschöpfen ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Frage der Förderung des Friedens weltweit, des Fortschritts und Wohlstandes für kommende Generationen. (dieStandard.at, 7.3.2009)

English Version >>>


Original English Version:

On a trip to China eleven years ago, I met with women activists who told me about their efforts to advance conditions for women in their country. They offered a vivid portrait of the challenges women faced: employment discrimination, inadequate health care, domestic violence, antiquated laws that hindered women's progress.

I met some of those women again a few weeks ago, during my first trip to Asia as Secretary of State. This time, I heard about the progress that has been made in the past decade. But even with some important steps forward, these Chinese women left no doubt that obstacles and inequities still remain, much as they do in many parts of the world.

I've heard stories like theirs on every continent, as women seek opportunities to participate fully in the political, economic and cultural lives of their countries. And on March 8, as we celebrate International Women's Day, we have a chance to take stock of both the progress we've made and the challenges that remain-and to think about the vital role that women must play in helping to solve the complex global challenges of the 21st century.

The problems we face today are too big and too complex to be solved without the full participation of women. Strengthening women's rights is not only a continuing moral obligation-it is also a necessity as we face a global economic crisis, the spread of terrorism and nuclear weapons, regional conflicts that threaten families and communities, and climate change and the dangers it presents to the world's health and security.

These challenges demand everything we've got. We will not solve them through half measures. And yet too often, on these issues and many more, half the world is left behind.

Today, more women are leading governments, businesses, and non-governmental organizations than in previous generations. But that good news has a flip side. Women still comprise the majority of the world's poor, unfed and unschooled. They are still subjected to rape as a tactic of war and exploited by traffickers globally in a billion dollar criminal business.

Honor killings, maiming, female genital mutilation, and other violent and degrading practices that target women are still tolerated in too many places today. Just a few months ago, a young girl in Afghanistan was on her way to school when a group of men threw acid in her face, permanently damaging her eyes, because they objected to her seeking an education. Their attempt to terrorize the girl and her family failed. She said, "My parents told me to keep coming to school even if I am killed."

That young girl's courage and resolve should serve as an inspiration to all of us-women and men-to continue to work as hard as we can to ensure that girls and women are accorded the rights and opportunities they deserve.

Especially in the midst of this financial crisis, we must remember what a growing body of research tells us: Supporting women is a high-yield investment, resulting in stronger economies, more vibrant civil societies, healthier communities, and greater peace and stability. And investing in women is a way to support future generations; women spend much more of their incomes on food, medicine and schooling for children.

Even in developed nations, the full economic power of women is far from being realized. Women in many countries continue to earn much less than men for doing the same jobs-a gap that President Obama took a step toward closing in the United States this year, when he signed the Lilly Ledbetter Fair Pay Act, which strengthens women's ability to challenge unequal pay.

Women need to be given the chance to work for fair wages, access credit and launch businesses. They deserve equity in the political sphere, with equal access at the voting booth and the freedom to petition their government and run for office. They have a right to health care for themselves and their families, and a right to send their children to school-their sons and their daughters. And they have a vital role to play in establishing peace and stability worldwide. In regions torn apart by war, it is often the women who find a way to reach across differences and discover common ground.

As I travel around the world in my new role, I will keep in mind the women I've already met on every continent-women who have struggled against extraordinary odds to change laws so they can own property, have rights in marriage, go to school, support their families-even serve as peacekeepers.

And I will be a vocal advocate-working with my counterparts in other nations, as well as non-governmental organizations, businesses and individuals-to keep pressing forward on these issues. Realizing the full potential and promise of women and girls is not only a matter of justice. It is a matter of enhancing global peace, progress, and prosperity for generations to come. (dieStandard.at, 7.3.2009)

Zur Person:

Hillary Clinton ist seit 2009 Außenministerin der USA.

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    Hillary Clinton: "Die Probleme der Gegenwart sind zu groß und zu komplex, um ohne die umfassende Beteiligung von Frauen gelöst werden zu können."

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