Rundschau: Hobbit reloaded

21. März 2009, 13:36
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coverfoto: atlantis

David Grashoff (Hrsg.): "Disturbania"

Broschiert, 224 Seiten, € 13,30, Atlantis 2008.

Alle bislang hier besprochenen Anthologien waren entweder englischsprachige oder sind bei Kleinverlagen erschienen - in diesem Fall hat sich das Haus Atlantis des Formats angenommen, das die großen Verlage nur noch als Kassengift zu betrachten scheinen. 17 Kurzgeschichten von Science Fiction über Urban Fantasy bis zum Horror, fast ausschließlich von deutschsprachigen AutorInnen, sind enthalten. Großstadmoloche lautet das Generalthema - wobei viele Erzählungen aber relativ frei mit der Vorgabe eines städtischen Settings umgehen. Unter den bekannteren Namen finden sich "Trolle"-Autor Christoph Hardebusch mit der recht durchschnittlichen und an "Twilight Zone" erinnernden Episode "Zeitenwechsel" und Christoph Marzi, der hier in zweifach untypischer Form vertreten ist: Zum einen mit dem Gedicht "Die träumende Stadt", zum anderen als Übersetzer für die Geschichte "Tranquil Gardens" der Autorin Aino Laos über eine von Androiden in Schuss gehaltene Neubausiedlung für glückliche Jungfamilien.

Vom Aufbau am interessantesten sind zwei Erzählungen, die sich jeweils zu einem Moebius-Band winden: Fabian Mauruschats "Sendedurchlauf" über einen Serienkiller auf selbsternannter kultureller Mission und Oliver Plaschkas "Solets Stimme", das außerdem stilistisch um einiges geglückter ist: Auf einer zukünftigen Erde, die es sich als schwächerer Partner einer interplanetaren Freihandelszone gefallen lassen muss ausgeplündert zu werden, wird der Protagonist von einer Stimme aus dem Nirgendwo verfolgt. Nicht nur die Stimme, sondern auch ein Hauch von James Tiptree, Jr. liegt da in der Luft - vielleicht folgt irgendwann mal eine längere Fassung, Ideen wären da.

Begegnungen der faustischen Art haben die Hauptfiguren in den Richtung Horror gehenden Erzählungen: Sei es mit einem höchst belesenen Muskelprotz, der im Fitnesscenter "unkonventionelle" Lösungen für zwischenmenschliche Probleme anbietet ("Sportsfreund" von Torsten Sträter), dem freundlichen kleinen Herrn Ephraim Rabe, der einen frisch Ermordeten mit seinem Gerede über böse Wesen in der Nacht einlullt ("Seelenlos" von Herausgeber David Grashoff) - oder mit Feuerwehrmann George, der in einem brennenden Haus auf jemanden trifft, der sich dort buchstäblich wie in seinem Element fühlt ("Feuerteufel" von Christian Endres). Erwähnenswert auch "Hand drauf!" von André Wiesler über Juraj, Versorger einer dreiköpfigen Familie - eine handlose Familie zwar, aber glücklich - und sein blutiges Tage- bzw. Nächtewerk. Stilistische oder inhaltliche Revolutionen bietet allerdings keine der Geschichten.

Tobias Bachmann hat die Vorgabe vom Großstadtmoloch in Form der zwischen Moderne und 30er-Jahre-Düsterexpressionismus angesiedelten Stadt Sagunth am ernstesten genommen. Allerdings verstört er mit seinem Gothic-Plot über einen misanthropischen Killer kaum mehr als mit einer Amok laufenden Beistrichsetzung - das geht auch über das Maß hinaus, das man Kleinverlagen in Sachen Lektorat eher zugesteht als den großen, vollausgestatteten Konkurrenzhäusern. Gelungener ist da schon Michael Schmidts "Oststadt-Silbermond", das vor einem ähnlich zeitlosen Setting die Balance hält, verschiedenste Motive anzureißen und nicht allzuviel zu erklären. Ein Positivum noch zum Schluss: "Menschenmüll" von Marcus Richter entfaltet sich als seltsames Märchen von einem magischen Wesen, das aus Abfällen entsteht und mit den Illusionen, die es aus seiner Substanz erschafft, Menschen wie eine fleischfressende Pflanze in sein Inneres lockt. Seltsam deshalb, weil am Ende offen bleibt, ob nun etwas Böses zerstört oder etwas Wunderbares verloren wurde.

Viele der Erzählungen sind nur um die zehn Seiten lang - und weil man ohnehin nie mehr als eine oder zwei Kurzgeschichten auf einmal lesen sollte, legt man sich das Ganze am besten aufs Nachtkästchen, um zwei Wochen lang den Tag mit einer Bösenachtgeschichte zu beschließen.

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