Rundschau: Hobbit reloaded

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coverfoto: klett-cotta

J.R.R. Tolkien: "Der Hobbit", illustrierte Ausgabe

Gebundene Ausgabe, 397 Seiten, € 23,60, Klett-Cotta 2009.

Mehr Gerüchte als gesichertes Wissen gibt es nach wie vor um die - zweiteilige oder vielleicht doch nur einteilige - "Hobbit"-Verfilmung durch Guillermo del Toro; geplanter Kinostart 2011/12. Und sollten alle diejenigen OriginalschauspielerInnen aus der "HdR"-Verfilmung, die auch am "Hobbit" Interesse bekundet haben, Platz finden, müsste del Toro tatsächlich die Zweiteiler-Variante mit eingefügten Episoden aus den Handlungsjahrzehnten zwischen "Hobbit" und "Herr der Ringe" ins Auge fassen: vom Hobbit-Quartett über "Aragorn" bis zu "Saruman" wären fast alle gerne wieder mit von der Partie, die es der Vorlage nach gar nicht sein könnten. - Aber das ist ohnehin nicht der Anlass der aktuellen Neuausgabe von "Der Hobbit": Klett-Cotta feiert das  40-jährige Jubiläum seiner Fantasy-Schiene "Hobbit-Presse" mit dem wohl für alle Zeiten zugkräftigsten Pferd im Stall. John Ronald Reuel Tolkien ist der bedeutendste Fantasyautor überhaupt, heißt es dementsprechend ohne jedes gschamige Understatement im Klappentext.

Ebensowenig wie der Autor bedarf die Geschichte vom Hobbit Bilbo, der aus einem Land, in dem Schilde nur noch zum Wiegen von Kindern und als Topfdeckel benutzt werden, auszog, um den Helden in sich zu entdecken, einer näheren Beschreibung. Kommen wir gleich zum Mehrwert der Neu-Ausgabe: Die liegt in den mittlerweile kanonisch gewordenen Illustrationen Alan Lees. 26 ganzseitige Farbtafeln vom Drachen Smaug bis zur Schlacht der Fünf Heere, dazu noch 41 Schwarzweißzeichnungen im Text. Optisch ist das so-weit-wie-nur-geht entfernt von den Zeichnungen Klaus Ensikats aus der ersten deuschen "Hobbit"-Ausgabe. Und ein weiterer Schritt in die Richtung, den "Hobbit" (das kleine ist ja schon vor langem entfallen) etwas erwachsener zu präsentieren.

Das ist in der Tat begrüßenswert, ändert freilich nichts daran, dass der "Hobbit" eben kein erster Teil einer "Herr der Ringe"-Tetralogie ist, sondern einen ganz anderen Grundton anschlägt. War der "HdR" eine veritable Saga, dann steht der "Hobbit" dem Märchen mindestens ebenso nahe. Nicht nur, weil sich die - durchaus blutige - Handlung ein wenig harmloser gibt und hauptsächlich fröhliche Spottlieder statt elbischer Elegien gesungen werden. Sondern auch aufgrund der Erzählweise: Immer wieder wird das Lesepublikum direkt angesprochen (Stellt euch sein Entsetzen vor!), dazu kommen formelhafte Erzählstrukturen - die gleichzeitig zu den Highlights des Romans zählen: Etwa Bilbos Rätselspiel mit Gollum oder sein späterer Dialog mit dem Drachen - oder Gandalfs gewitzter Abenteuerbericht im Hause Beorns, mit dem er nach und nach die gesamte uneingeladene Zwergenschar in dessen Haus einführt.

Die Übersetzung ist nach wie vor diejenige Wolfgang Kreges aus dem Jahr 1997 mit allen vieldiskutierten Stärken und Schwächen. Lieder und Gedichte sind mit sehr viel mehr Sorgfalt wiedergegeben als in der älteren Übersetzung, zudem ist die Terminologie mit dem "Herrn der Ringe" besser in Einklang gebracht (die 1957er Übersetzung von Walter Scherf setzte unter anderem Elben mit Gnomen gleich ...). Dafür sind einige Modernismen wie kicken oder Chef enthalten - doch darf man nicht vergessen, dass der "Hobbit" einer LeserInnenschaft des mindestens Vierten Zeitalters erzählt wird, das mit Begriffen wie Lokomotive oder Fußball etwas anfangen kann. Gewöhnungsbedürftig ist allenfalls die Anredeform "Sie", die durchgehend statt des altertümelnden "Ihr" verwendet wird, wie sich's viele von einem High Fantasy-Roman vielleicht erwarten würden. Und ob die Trolle, denen Bilbo unterwegs begegnet, nun Bill, Bert & Tom (Scherf) oder Hucki, Toni & Berti (Krege) heißen, spielt auch keine größere Rolle: erinnert in beiden Fällen mehr an ein Schlager-Trio als an die Olog-hai, die später durch den Ringkrieg stampfen werden. Man kann's nicht oft genug sagen: "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" sind zwei verschiedene Paar Stiefel - doch beide auf ihre Art zu Recht in den Kanon der Weltliteratur eingegangen.

... wird interessant sein zu sehen, wie sehr die Verfilmung den Grundunterschieden zwischen "Hobbit" und "HdR" Rechnung tragen wird. In jedem Fall dürfte es sich hier um die in Neueditionen gemessen letzte Chance handeln, sich die Geschichte von Bilbo Beutlin selbst zu visualisieren, ehe Guillermo del Toro es uns besorgt.

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