Krisenstimmung in Autoindustrie

6. März 2009, 11:28
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Im Jänner 2009 brach die Autoproduktion im Reich der Ladas im Jahresvergleich um 80 Prozent ein

Moskau - Bei Ausstattung, Komfort und Sicherheit hinken Russlands Autobauer der internationalen Konkurrenz traditionell um mindestens ein Jahrzehnt hinterher. Die Autokrise jedoch traf auch die Russen in Echtzeit. Nach dem wiederholten Stopp der Montagebänder geht im "russischen Detroit", der Stadt Togliatti an der Wolga, die Angst um. Im Jänner 2009 brach die Autoproduktion im Reich der Ladas im Jahresvergleich um 80 Prozent ein.

Russlands Autoindustrie legt Wert auf Tradition. Selbst in der Hauptstadt Moskau bieten Händler bis heute fabrikneue Ladas als modernisierte Nachbauten des Fiat 124 an. Der kleine Italiener war immerhin Europas Auto des Jahres - allerdings schon vor mehr als 40 Jahren.

Von der Wärme Italiens ist in der 1.000 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Lada-Stadt Togliatti - benannt nach dem italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti - nichts zu spüren. In bitterer Winter-Kälte haben sich einige Dutzend Arbeiter mit Plakaten vor die Tore des Automobilwerks gestellt. "Wir Arbeiter kämpfen für unsere Rechte", steht auf einem Schild. Die meisten der Demonstranten sind Frauen. "Mein Lohn reichte bisher gerade so zum Leben. Nun weiß ich wirklich nicht, wo das alles enden wird", sagt die 26-jährige Anna Semjonowa, eine alleinerziehende Mutter.

Die Angst geht um

Allein beim Lada-Hersteller AvtoVaz sind 104.000 Menschen beschäftigt - immerhin jeder siebente Einwohner von Togliatti. Überall in der Stadt ist die Angst zu spüren, dass die Fabrikstore in nicht allzu ferner Zukunft für immer geschlossen bleiben. "Die Arbeiter haben schnell gemerkt, dass ihnen der Februar nichts Gutes beschert", sagt Sergej Djatschkow, der seit 25 Jahren bei AvtoVaz arbeitet. Zu allem Ungemach sind auch die Wohnnebenkosten in den Plattenbausiedlungen um 25 Prozent gestiegen.

Nach einem Jahrzehnt des Booms trifft der Absturz die Branche umso härter. Unmittelbar vor Ausbruch der Krise hatte Russland als größter Absatzmarkt in Europa erstmals Deutschland überrundet. Auch der Branchenprimus AvtoVaz legte in den vergangenen Jahren ein stabiles Plus hin. Allerdings sank sein Anteil an der Gesamtzahl der verkauften Autos im Land stetig - auf zuletzt unter 30 Prozent.

Der französische Autobauer Renault hat an seiner AvtoVaz-Beteiligung von 25 Prozent bisher wenig Freude. Gleich im ersten Geschäftsjahr mussten die Franzosen Berichten zufolge einen Verlust von 117 Mio. Euro ausgleichen. Weitere Anteilseigner sind eine Staatsholding und eine Moskauer Investmentbank. Auch die Konkurrenz stöhnt: Der GAZ-Konzern des Oligarchen Oleg Deripaska, der bis vor kurzem die Wolga-Limousinen herstellte, steht vor dem Aus.

Niedrige Produktivität

Experten schätzen, dass die Produktivität eines Arbeiters bei AvtoVaz im Vergleich zur internationalen Konkurrenz um 80 bis 90 Prozent niedriger ist. In alter Sowjet-Tradition setzt die Konzernleitung aber nicht auf ein schmerzhaftes Effizienzprogramm, sondern auf milde Gaben vom Staat. So bewilligte die Duma bereits Staatsgarantien für die heimische Autoindustrie in Höhe von 35 Mrd. Rubel (778 Mio. Euro). Zudem kündigte die Regierung an, verstärkt Staatsbedienstete mit Dienstwagen aus eigener Produktion auszustatten. Dafür wurden 12,5 Mrd. Rubel bereitgestellt.

Eine andere Maßnahme zur Stärkung der eigenen Industrie sorgte vor allem im fernen Osten Russlands für Proteste. Drastische Erhöhungen der Importzölle auf ausländische Wagen trieben in Wladiwostok und anderen Städten Tausende Menschen auf die Straße. Aus Moskau wurden eigens Sondereinheiten der Polizei eingeflogen, die mit Schlagstöcken die Menschen auseinandertrieben. An der Pazifikküste sind fast ausschließlich günstige Gebrauchtwagen aus dem nahen Japan unterwegs.

Regierungschef Wladimir Putin fordert seine Landsleute auf, auch im Straßenverkehr Patriotismus zu beweisen und heimische Marken zu fahren. Der oberen Nomenklatura einschließlich Putin ist solcher Protektionismus aber fremd: Die hohen Beamten sind meist in deutschen Edelkarossen unterwegs. (APA)

 

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