"Nicht die Krise vergeuden"

6. März 2009, 17:28
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Die US-Außenministerin spricht Europäern Mut zu - Mit Iran und Syrien wollten die USA eine Art Neustart versuchen, mit Russland verstärkte Kooperation

Brüssel/Genf/Wien - Eine schlechte Angewohnheit hat Hillary Clinton von ihrem Ehemann Bill übernommen: Sie kommt regelmäßig zu spät. Eine geschlagene dreiviertel Stunde ließ die US-Außenministerin am Freitag 800 "young leaders" im Brüsseler Europaparlament warten, bis sie sich einer Frage-Antwort-Session stellte und den begierig lauschenden Europäern versicherte, dass sie - und niemand anderer - die wichtigsten Partner des neuen Amerika seien.

Aus einem seinerzeit „völlig unrealistischen Konzept eines vereinigten Europa" sei Wirklichkeit, das „Wunder Europa" geworden. Gemeinsam mit den Vereinigten Staaten werde die EU die großen Herausforderungen der Gegenwart meistern: „Never waste a good crisis", lasst uns niemals eine zünftige Krise vergeuden, war der optimistische Tenor in Clintons Rede in Brüssel: „Dies ist einer der Momente in der Geschichte, in denen wir gar keine Wahl haben: Wir müssen zusammenkommen und unsere besten Köpfe einsetzen. Europa und die USA sind geeint in einer gemeinsamen Vorstellung für die Zukunft."
Allein: „Hoffnung ist nicht genug. Es braucht auch realistische Konzepte, klare Lagebeurteilungen und politischen Willen, um Probleme zu lösen", beschrieb Madam Secretary den neuen Ansatz der US-Außenpolitik. Und wie zum Beweis dafür erklärte sie, dass die Vereinigten Staaten in dieser Woche ausloten würden, wie weit denn ihre diplomatischen Ouvertüren gegenüber Damaskus und Teheran tragen würden.

Bereits Donnerstagabend hatte Clinton am Rande ihres Zusammentreffens mit Nato-Außenministern erklärt, dass Washington den Iran zu einer Konferenz über Afghanistan einladen wird. Dazu reisen zwei US-Abgesandte an diesem Wochenende nach Syrien, um mit dem dortigen Regime über eine mögliche Annäherung zu sprechen.

Auch im Verhältnis zu Russland - die US-Außenamtschefin sollte noch am Freitagabend in Genf ihren Moskauer Amtskollegen Sergej Lawrow treffen - versucht die Obama-Administration einen Neubeginn. Der unlängst bekanntgewordenen Brief des Präsidenten über mögliche politische Kooperationen zwischen den beiden Staaten markierte einen Anfang - auch wenn die Russen vorerst zurückhaltend bleiben und auch die Amerikaner weiterhin Divergenzen mit Moskau wegen der von ihnen betriebenen Nato-Beitritte Georgiens und der Ukraine haben.

Clinton bot Russland explizit eine Zusammenarbeit bei dem umstrittenen Vorhaben einer US-Raketenabwehr in Europa an. Das beziehe sich auf Forschung und Entwicklung sowie möglicherweise auch auf die Aufstellung, des Systems sagte Clinton: „Russland und die USA haben die Möglichkeit, bei der Raketenabwehr zusammenzuarbeiten." Vor dem Einsatz der Energieversorgung als Waffe warnte Clinton die Russen indes.
In Moskau erwartete man sich von dem Treffen in Genf eine „Tagesordnung für künftige Verhandlungen", teilte das Außenministerium mit. Russland sehe dem Treffen mit „zurückhaltendem Optimismus" entgegen.
Am Wochenende wird Clinton noch die Türkei besuchen. Mit einem Auftritt in einer beliebten Frauen-Talkshow im türkischen Fernsehen will die Außenministerin das Image ihres Landes in der Türkei aufpolieren. Sie werde am Samstagabend bei einer Sondersendung der Show „Komm, sei mit uns" (NTV) erwartet. In der von vier Frauen moderierten Show werde Clinton auch Fragen von Zuschauern beantworten. (pra/ DER STANDARD Printausgabe, 7.3.2009)

 

 

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    Hillary Clinton versuchte in der europäischen Hauptstadt gute Stimmung zu verbreiten, Amerikaner und Europäer müssten die Herausforderungen gemeinsam meistern. Alternative dazu gebe es keine.

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    Reisemarathon der Außenministerin: Am Vormittag in Brüssel (Bild), am Nachmittag in Genf.

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