Moderne Medizin macht Senioren zu Patienten

6. März 2009, 10:59
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Viele rüstige alte Menschen werden unnötigerweise zu Patienten abgestempelt

London/Wien  - Ein britischer Experte kritisiert die Praxis vieler Ärzte, Menschen im Alter über 75 Jahren bei erhöhtem Blutdruck oder hohen Cholesterinwerten grundsätzlich Medikamente zu verschreiben, die die Patienten dann ihr Leben lang nehmen müssen. Dieses Vorgehen schade vielen Senioren.

Lebenslage Medikamenteneinnahme

Der Kardiologe Michael Oliver von der Universität Edinburgh nennt im "British Medical Journal" Beispiele. So müssten etwa bei leichtem Bluthochdruck 75 Patienten medikamentös behandelt werden, um einen Schlaganfall zu verhindern. Die übrigen 74 Patienten würden lebenslang Blutdrucksenker nehmen. Sinnvoller sei es, im Einzelfall zu prüfen, welche Ursachen der erhöhte Blutdruckwert habe und ob die Gabe von Arzneimitteln tatsächlich angemessen sei.

In vielen Fällen ortet Katharina Pils, Vorstandsmitglied der österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, fehlende ärztliche Kontrolle. "Alte Menschen nehmen ein Medikament oft 15 Jahre lang ein, ohne dass jemand prüft, ob es wieder abgesetzt werden kann." Das sei besonders bedenklich bei starken Mitteln wie etwa bei Cortison, das auf lange Zeit Haut und Knochen brüchig macht. "Die Medizin muss hier wachsamer sein und die Sinnhaftigkeit von Verordnungen besser evaluieren."

Für die bedenkliche Entwicklung macht Kardiologe Oliver viele Faktoren verantwortlich, unter anderem die unkritische Übernahme medizinischer Leitlinien durch die Ärzte sowie einen starken Druck der Pharmaindustrie. (APA/AP/pte)

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    Alte Menschen nehmen oft unnötig Medikamente ein

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