Spieltheorie, Eigennutz und der Vorteil hoher moralischer Standards

8. März 2009, 18:36
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Darwins Ansichten kommen der heutigen Sicht der Evolutionären Spieltheorie erstaunlich nahe

Wien - Bis heute beschäftigt Wissenschafter verschiedener Fachrichtungen die Frage, wieso Menschen bisweilen uneigennützig handeln und dadurch sogar Nachteile für das eigene Leben hinnehmen. Wie ein hoher moralischer Standard im Zuge der Evolution entstanden sein könnte, ahnte dagegen schon Charles Darwin in seinem 1871 erschienenen Werk "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex", erklärte der Mathematiker und Spieltheoretiker Karl Sigmund (Universität Wien), einer der Vortragender beim "Evolutions"-Symposium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Auf den ersten Blick scheint uneigennütziges Handeln im Zuge der Evolution zum Untergang verurteilt zu sein. Das gilt vor allem, wenn ein uneigennützig Handelnder durch seine gute Tat eigene Nachteile hat. Der Egoist, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, hat jedenfalls kurzfristig die Nase vorne. Er teilt keine Ressourcen mit anderen, profitiert selbst davon.

Vorteil des Uneigennutzes

Warum wir dennoch nicht alle hoffnungslose Egoisten sind, versuchen Spieltheoretiker unter anderem in Computersimulationen zu klären. Der Vorteil solcher Modelle: Sie können immer und immer wieder mit verschiedenen Ausgangssituationen und praktisch über beliebig viele Generationen gerechnet werden. Dabei zeigt sich, dass ein Wohltäter sehr wohl Vorteile hat, weil etwa sein Ansehen innerhalb einer Gruppe durch den Uneigennutz steigt. Er kann einen höheren sozialen Rang erklimmen und so profitieren. Wichtig ist dabei, dass sich die gute Tat herumspricht. Anders ausgedrückt: "Ohne Tratsch wäre die Welt schlechter."

Vorteil für die Gruppe

Die Spieltheoretiker beobachten in ihren immer wieder mit leichten Modifikationen durchgerechneten Modellen, dass aber auch völlig anonymer Uneigennutz - im Extremfall als Heldentum - von Vorteil ist; Wenn schon nicht für den Wohltäter selbst, so doch für seine Gruppe. Anders ausgedrückt wird in einer Gruppe von völlig eigennützigen, egoistischen Menschen jede Kooperation zusammenbrechen und eine solche Gruppe wird mittel- und langfristig von konkurrierenden Gruppen, in denen Absprache und damit effiziente Zusammenarbeit herrscht, verdrängt.

Die Weitergabe der eigenen Gene - als Triebfeder der Evolution - tritt dabei in den Hintergrund und wird abgelöst durch das Prinzip des Überlebens möglichst ähnlicher Gene. Schon im Tierreich gibt es zahlreiche Beispiele, dass nicht immer das höchste Ziel die eigenen Fortpflanzung sein muss. So verzichten etwa Arbeiterinnen im Bienenstock zum Vorteil ihrer Königin auf Sex und Nachkommen. Bei Ameisen gibt es ähnliche Entwicklungen.

Darwins Ansichten

Darwin kannte weder Begriffe wie "Gene" noch die von Gregor Mendel begründeten mathematischen Grundlagen der Fortpflanzung. Dennoch vertrat er Ansichten, die der heutigen Sicht der Evolutionären Spieltheorie erstaunlich nahe kommen. 1871 schrieb er in seinem Werk "Die Abstammung des Menschen ...": "Obwohl eine hoher Standard an Moral jedem Individuum nur einen geringen oder keinen Vorteil gegenüber den Menschen im gleichen Stamm bringt, wird ein Anstieg des moralischen Standards dem einen Stamm einen großen Vorteil gegenüber einem anderen bringen." Und weiter: "Es gibt keinen Zweifel, dass ein Stamm, der viele Mitglieder hat, die stets bereit sind, einander Hilfe zu gewähren und sich für das Wohl der Gemeinschaft zu opfern, über andere Stämme siegreich wäre; und das wäre natürliche Selektion."

Eine deutlich andere Sichtweise über Intellekt und Moral des Menschen äußert dagegen Alfred Russel Wallace in seinen Werken. Wallace hatte die Ideen für die Abstammung der Arten ursprünglich unabhängig von Darwin entwickelt. Darwin und Wallace präsentierten ihre Theorien 1858 gemeinsam erstmals vor Fachpublikum. Später schrieb Wallace: "Die intellektuellen und moralischen Fähigkeiten ... müssen einen anderen Ursprung haben ... im unsichtbaren Universum des Geistes." (APA)

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