Dinge denken nur an sich

5. März 2009, 20:22
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Über das Leben mit Sachen, die ihm dienen oder nicht, schreibt Ernst Molden

In einem von mir geliebten Michel-aus-Lönneberga-Film aus den Sechzigern gibt es eine Szene von großer Eindringlichkeit. Michels Vater steht im Morgengrauen auf, als Erster im schlafenden Haus. Noch im Nachtgewand begibt er sich in die Küche des Bauernhofes und trinkt einen Kaffee, dabei liest er die Zeitung. Mit dieser, mit der Tasse und der Untertasse, auf der er kunstvoll ein Stück Würfelzucker auflöst, betreibt er ein tänzerisches Spiel, bei dem er eine geradezu himmlische Entspanntheit ausstrahlt. Er ist bei sich, keiner stört ihn, die Dinge dienen ihm. Das ländliche Morgenidyll endet damit, dass der Zeh des Bauern in eine von Sohn Michel aufgestellte Rattenfalle tritt.

Hier sind sie ganz nah beieinander: die freundlichen und die feindlichen Dinge.

Sie sind in unser aller Leben, in Ihrem wie meinem. Sachen, die uns dienen oder nicht. Sachen, die wir am Morgen grüßen und zur Nacht verfluchen. Sachen, die uns helfen und hindern.

Schreiben Sie, sagt der Redakteur, über die Dinge Ihres Alltags. Meine Gitarren, sage ich, klar, meine Verstärker, Effekte, Mischpulte, alles, was meine Liebste "deine Kastln" nennt. Nein, sagt der Redakteur, das nicht. Das ist das Berufsleben. Er meine, sagt er, den Alltag.

Mir fällt unter einer Aufwallung schlechten Gewissens auf, dass ich den Gitarren und den Kastln, diesen also angeblich nicht alltäglichen Dingen die größte Sorgfalt von allen widme. - Hauptsache, du pflegst dein Verzerrerpedal, sagt meine Liebste deshalb manchmal, wenn es andrerseits im Wohnzimmer ausschaut.

Leicht enttäuscht gehe ich meine Wohnung und meinen Tag durch. Der Redakteur meint also die Espressokanne. Die Zahnbürste. Das Geschirrtuch. Die Gläser. Wahrscheinlich meint er unsere greise Kuchlkredenz. Vermutlich sogar Dinge wie, na ja, den Klodeckel. Der Redakteur gehört einem dem Design verpflichteten Periodikum an. Theoretisch könnte er alles meinen. Das Garderobengehänge und den Kleiderständer im Vorzimmer. Die Lampen. Die Kastln und die Kästen. Die Besen. Die Regale. Das, was wir hier Kleinschaß nennen, also etwa einen Schlüsselanhänger. Da wird mir erstmals schwindlig.

Überall sind Dinge. Sie kommen aus den Werkstätten und den Fabriken, manchmal scheint es, als kämen sie aus dem Nichts, dem Horror Vacui folgend. Nackt im Weltmeer müsste man sein, um ihnen zu entgehen. Die Dinge sind jene Plage, die Moses zu nennen vergaß, aber Gott nicht zu schicken: Und dann kamen tausendfach die Dinge über das Volk des Pharao, es kamen die Beistelltischerln, Schuhlöffel, WC-Glocken und Schöpflöffel, und die Ägypter gingen unter ihnen zu Boden.

Nackt im Weltmeer. Man wäre ganz leicht, aber man ginge doch zugrund.

Als partnerschaftlich Aufziehender dreier eher kleiner Kinder kommt man nicht immer zur Dingpflege. Man kommt ja zu vielen Sachen nicht. Man erhält (oder ersetzt) gerade die Dinge, die die Familie zusammenhalten, Geschirr, Gewand, Licht- und Wärmespender.

Früher, als ich Junggeselle im ersten Bezirk war, bereitete ich meinen Tee so lange in einer Teekanne, bis diese zerbrach. Anschließend bereitete ich meinen Tee in einem Topf. Mit derselben Nonchalance, mit der ich bis heute Putzerei-Kleiderhaken aufbiege, um in verstopften Waschbecken zu stierln. Halt egal.

Aber der Kinder und der Vollständigkeit des höchstpersönlichen Lönneberga-Bildes halber ersetzt der Familienmensch die Teekanne, die Wasserkaraffe, den Gasanzünder, dessen Funkenrohr abgeknickt ist und nur noch zufällig funktioniert. Was alle jeden Tag so brauchen. Die uralte Kutscherkommode, in die man selbst seit zehn Jahren das eigene Gewand pfercht, ersetzt man nicht. Man adelt manche Dinge, andere vernachlässigt man.

Es gibt Dinge, die sich wie von selbst ein wenig vordrängen, die ihre Chance im Leben des Besitzers erkennen und plötzlich nah bei uns sind. Dinge sind undemokratisch. Sie denken nicht, und wenn, dann nur an sich. Einer meiner liebsten Cartoons von Gary Larson zeigt eine Frau in einer vollkommen leeren Wohnung. Da öffnet sich die Tür, und Sofa, Bilder, Lampen und Regale, allesamt mit lustigen Gesichtern, drängen herein. Ein Sessel ruft aus: "Da wären wir wieder!"

Wo kommen die Dinge her? Vor zwanzig Jahren räumte meine geliebte Großmutter Hausratskastln in ihrer Wohnung im Rathausviertel leer. Was drin war, kriegte ich für meine leere Garçonnière. Es waren zwei verschiedene Geschirr-Restbestände, ein asiatisch inspirierter mit Chinesenfrauen vor Pagoden aus den Fünfzigern und ein älterer mit blass gewordenen Blumerln. Über die Jahre benützte ich diese Dinge, die mir nah waren, wie die Omi selbst. Ging ein Mitglied dieser aussterbenden Porzellanstämme entzwei, fühlte ich mich besonders schlecht. Viel wertvollere Dinge waren mir völlig wurscht.

Heute besitzen wir noch ein Milchkanderl im Chinesen- und eine monströs große Saucière im Blumenkleid. Der Rest ist weg, Geschichte, meine Geschichte, eine des Verlusts.

Solche Geschenke erhält der Mensch nämlich, wenn überhaupt, nur einmal. Auch eine Hochzeitsliste, wie die Liebste und ich sie kluger- und damals ein wenig belächelterweise auflegten, gibt es nur einmal. Später im Leben muss man sich die Dinge kaufen. Immer wieder.

So gehe ich bisweilen ins Haushaltswarengeschäft. Das ist die Kontaktmeile, wo die Dinge in ihrer ganzen panikerzeugenden Vielgestalt auf mich warten. Wo alle, die ich stehenlasse, sich kränken und eins, das ich mitnehme, sich freut. Ich möchte, im Gegensatz etwa zu meinem Erstgeborenen, nie so genau wissen, wie Dinge entstehen. Die kleinen Industriefilme in der Sendung mit der Maus beunruhigten mich stets. Meine Dinge sind fertig, stehen im Haushaltsgeschäft, gehen mit mir nach Hause und zerbrechen irgendwann an mir. So verläuft der vorgezeichnete Weg.

Das Haushaltsgeschäft liegt in der Wollzeile. Die milde Chefin und die Verkäuferinnen kennen mich, meine Kinder, meine Vorlieben.

"Lieber Email statt Stahl, göll?", fragt die Chefin. "Sie san do altmodisch." Ich nicke. "Aber haben S' amal Heidelbeeren einkocht im Email? Des is dann für immer blau." Ich bemerke, dass ich niemals Heidelbeeren einkoche, und das Email geht mit mir.

Ich muss meist schnell sein mit der Entscheidung. Als ich einmal zu lange über einen Krug nachdachte, räumten meine Kinder eine ganze Wand mit Millionen Weihnachtsbäckerei-Ausstechern ab. Mir bleibt keine Zeit, und fast immer hat man die Wahl.

Manchmal ist das Leben gnädig. Heute komme ich allein und brauche einen Gasanzünder. Die Verkäuferin sagt zu mir: "Wir ham nur aa Sortn." Umarmen könnt ich sie. Ein Freund von früher, der unendlich viel Zeit mit der Pflege von Dingen verbrachte, sagte mir: Die besten Sachen sind die, die die Schlacht des Lebens überstehen. Also die, die du vererben kannst. Unsere Freundschaft hat die Schlacht des Lebens zwar nicht überstanden, aber er hat vollkommen recht. Nur das Ding, das den Besitzer überlebt, hat gewonnen. Die meisten verlieren, und was nicht als Scherben in den Restmüll geht, kommt auf den Mistplatz. Dieser Totenacker der Dinge, ihn besuche ich fast noch lieber als mein herrliches Haushaltswarengeschäft. Dort nämlich hat man keine Wahl. Der Container steht von vornherein fest.

Jetzt im Winter, da es früh dunkelt, geh ich gern kurz vor der Sperrstund auf unseren Mistplatz, nahe beim Friedhof Sankt Marx. Ein stattlicher 48er mit seiner Stablampe leuchtet meine Mitbringsel an, einen alten Ghettoblaster, eine analoge Antenne, eine Lampe. Nach der Lampe greift er und trägt sie gedankenverloren in sein Häuschen. Der Kenner der Mistmänner Wiens weiß, dass die Orangen einen Flohmarkt in Hirschstetten betreiben. Dort kriegen manche Weggeschmissenen ihre zweite Chance.

Mit dem tröstlichen Gedanken, dass es ein Leben nach dem Tod, sogar eins nach mir gibt, kehre ich nach Haus zurück.

Dort sagt meine Frau. "Oh, neuer Gasanzünder. Jetzt hab ich mich endlich an den hinigen gewöhnt."

Und dann stelle ich fest, dass an meiner roten Telecaster der vordere Tonabnehmer kaputt ist. Das ist jetzt ein Problem. Aber ich darf hier nicht darüber sprechen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.3.2009)

  • Ernst Molden, geboren 1967, lebt als Liedermacher und Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschienen seine Alben "Wien" und "Foan" (monkey music). Am 13. März tritt er zusammen mit Walther Soyka im Rahmen des Akkordeonfestivals Wien im Porgy & Bess auf.
 
 
    foto: martin fuchs

    Ernst Molden, geboren 1967, lebt als Liedermacher und Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschienen seine Alben "Wien" und "Foan" (monkey music). Am 13. März tritt er zusammen mit Walther Soyka im Rahmen des Akkordeonfestivals Wien im Porgy & Bess auf.

     

     

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