Die Haare bleiben dran

5. März 2009, 20:10
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Johannes Krisch, der Hauptdarsteller von Götz Spielmanns "Revanche", im (Mode-)Porträt

Gerade noch in Hollywood, heute in der Fürstensuite. Johannes Krisch legte für das STANDARD-RONDO seidene Pyjamas an.


Die beste Geschichte hat sich Johannes Krisch für den Schluss aufgehoben. Sie handelt von ihm und Karl Lagerfeld. Nur einmal habe er den Modemacher getroffen, damals in Salzburg, als er in Hofmannsthals "Schwierigem" spielte und die Diva aus Paris die Kostüme entwarf. Alle Schauspieler wurden angehalten, sich die Haare schneiden zu lassen.

Doch Johannes Krisch trug sie lang. Sie abzuscheiden kam nicht infrage. Also band er sie zu einem Lagerfeld-Zopf. Der Adlatus des Modemachers schnauzte ihn an, doch der Meister höchstpersönlich sprang für ihn in die Bresche: "So etwas Tolles schneidet man nicht ab." Krisch hatte Herrn Lagerfeld ausgetrickst, und noch heute ist er mächtig stolz darauf. Der kleine Schauspieler und der große Designer von Chanel. Das ist eine Geschichte, die dem ehemaligen Tischlergesellen, der über Umwege zum Theater kam und bis zum heutigen Tag mehrheitlich Nebenrollen spielt, gefällt. Der Underdog. Der Outlaw. Der Bösewicht.

Die Charaktere, die Krisch in den vergangenen zwanzig Jahren spielte, kann man in einige wenige Schubladen stecken. Blickt man in sein zerfurchtes, von einer halblangen Mähne umrahmtes Gesicht mit der markanten Zahnlücke, dann weiß man, warum. Krisch ist eine richtige Type. Wie geschaffen, einfach in die Kamera zu blicken - und dabei eine Welt zu erschaffen. Erkannt hat das im heimischen Filmbetrieb niemand. Seit zwanzig Jahren gilt der Arbeitersohn aus dem 19. Wiener Bezirk (geboren 1966) als Nachwuchshoffnung des Burgtheaters und spielte dann doch meistens den dritten Haudegen von links. Gut, der Romeo war auch dabei, ebenso der Sigismund in Hofmannsthals "Turm".

Was man gemeinhin als "Durchbruch" bezeichnet, gab es für Krisch im Theater nie. Bis nach dem "schlechtesten Casting seines Lebens" der Anruf von Götz Spielmann kam. Der Rest ist dank der Nominierung von "Revanche" für den Auslandsoscar bekannt. Ohne sie wäre der Film wohl im großen dunklen Loch der heimischen Aufmerksamkeit verschwunden - wie so viele hochgelobte Streifen vor ihm. Johannes Krisch hätte den nächsten Herzog in einem Burgtheater-Klassiker oder den nächsten Sandler in einer Filmkomödie von Reinhard Schwabenitzky gegeben und in seiner Freizeit weiterhin an seiner Gitarre gebaut.

Im Smoking in Hollywood

Jetzt ist alles anders. Krisch lief in einem Smoking des heimischen Labels Kayiko über den roten Teppich vor dem Kodak Theatre in Hollywood, und niemand wird in ihm mehr den Nebenrollendarsteller vom Burgtheater sehen. Krisch ist der Hauptdarsteller in "Revanche". Ohne ihn kann man sich diesen wunderbar leisen und sich ständig an der Schmerzgrenze entlanghantelnden Film gar nicht vorstellen.

Krisch ist Alex. Ein kleiner Ganove, der gelernt hat, sich unter all den großen Ganoven zu ducken. Eine Landpomeranze. In seinem Inneren spukt ein Vulkan. Auf der Bühne hätte Krisch diese Rolle wohl mit ganzem Körpereinsatz gespielt, er wäre vorn an der Rampe gestanden und hätte sein Leid bis hinauf zum letzten Rang geschrien. Im Film geht so etwas nicht. In der Großaufnahme ist Krischs Gesicht ganz ruhig. "Ich fühle mich so leer", stand lange auf den österreichischen Postkästen. Daran muss man denken.

So hat man den Schauspieler noch nie erlebt. Krisch ist einer, der normalerweise die Überholspur nimmt. Beim RONDO-Shooting legt er sich mit nackter Brust zu den beiden Models ins Bett. Ein Macho. Ein Prolo. Ein Rocker. Letzteres ist er auch im wirklichen Leben. Zu Hause am Computer schreibt er eigene Songs, zusammen mit einigen Musikerfreunden spielt er sie ein. Die Inbrunst, mit der er bei der Sache ist, konnte man 2001 bei "Nothing / Special" im Kasino des Burgtheaters erleben, einem Abend zu Ehren von Andy Warhol und Lou Reed. Ein Walk on the wild side. Krisch mit dem Mikro in der Hand und den Songs von Velvet Underground auf den Lippen. Er brüllte und hauchte und raufte sich die langen Haare.

Der Rocker ist auch Familienvater

Die CD, die er damals einspielte ("Mirror"), sollte seine einzige bleiben. Für eine zweite war keine Zeit. Zum ersten Kind kam ein zweites, vor drei Jahren ein drittes. Der Rocker ist auch Familienvater. Oder besser gesagt: Der Familienvater ist - manchmal - auch ein Rocker. Die Zeiten, als Krisch durch die Künstlerkneipen zog, sind schon lange vorbei. Aus dem Tischler, der seine Künstlerfreunde beneidete und anfing, Bühnenbilder zu bauen, und schließlich selbst Schauspielunterricht nahm, ist selbst ein Künstler geworden - ein kettenrauchender noch dazu. Die Geschichte, wie es ihn ins Burgtheater verschlug, erzählt er heute noch gern.

Jahrelang tingelte er durch die Kellertheater von Wien. Bis Claus Peymann eines Tages in einer Zeitung sagte, er suche einen jungen Schauspieler. Unangemeldet schaute Krisch in der Burg vorbei - und bekam prompt einen Vorsprechtermin. Seine Frechheit hatte sich bezahlt gemacht. Heuer werden es zwanzig Jahre, dass Krisch am Burgtheater engagiert ist. Zu wechseln kam ihm nie wirklich in den Sinn. Warum auch?

Krisch ist eine Wiener Figur. Er passt zu dieser Stadt wie Hanno Pöschl ins Kleine Café. Nur eine Woche hat man ihm am Wiener Burgtheater Urlaub gegeben, um in Hollywood über den roten Teppich zu schlendern. Die Haare nach hinten geklatscht, die Hände in den Hosentaschen, absolviert er die Übung mit stoischer Gelassenheit. Ein Dandy, ein Bohemien, ein Star. (Stephan Hilpold / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.3.2009)

 

  • Krisch im Kayiko-Smoking am roten Teppich vor dem Kodak Theatre
    foto: mischa nawrata

    Krisch im Kayiko-Smoking am roten Teppich vor dem Kodak Theatre

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