"Das Trainerleben ist ein Zigeunerleben"

6. März 2009, 08:41
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Ex-ÖFB-Trainer-Assistent Jan Kocian wäscht keine Schmutzwäsche, er bilanziert über Sprachbarrieren, fehlende Qualität und appelliert für mehr Realismus

derStandard.at: Kam das Aus beim ÖFB für Sie überraschend?

Kocian: Zuerst muss ich sagen, dass ich von der Leistung und den Ergebnissen, die wir als Mannschaft abgeliefert haben, enttäuscht bin. Für mich war die Vertragsauflösung überhaupt keine Überraschung, die Unzufriedenheit im ganzen Land war auch für uns spürbar. Die Mechanismen im Trainergeschäft laufen einfach so, das ist hierzulande nicht anders.

derStandard.at: Brückner selbst soll bereits nach dem Schweden-Spiel seinen Trainer-Job zur Verfügung gestellt haben?

Kocian: Nach dem Spiel gegen Schweden hat Karel Brückner alles in Frage gestellt. Die Stimmung in der Mannschaft, im Umfeld des ÖFB und auch der Druck durch die Medien, haben uns daran zweifeln lassen, ob es noch Sinn macht, weiterzuarbeiten. Ein deutlicher Schlussstrich war das aber noch nicht.

derStandard.at: Hatte der Präsidentenwechsel im ÖFB für Karel Brückner und Sie Konsequenzen?

Kocian: Weder Ludwig noch Windtner haben bei uns auf den Tisch gehauen. Natürlich war es Stickler, der uns nach Österreich geholt hatte, aber es herrschte auch nach seinem Abgang ein gutes und faires Arbeitsklima.

derStandard.at: Wären Sie gerne als Trainer beim ÖFB geblieben?

Kocian: Ein neuer Trainer setzt immer auf ihm vertraute Personen, trotzdem wäre ich gerne beim Team geblieben. Ich fiebere nach wie vor mit der Mannschaft mit und wollte helfen, dass wir Rumänien schlagen.

derStandard.at: Hat man es als ausländischer Trainer in Österreich schwerer, geschätzt zu werden, denn als österreichischer?

Kocian: Ja, als Ausländer hat man es als Trainer wie auch als Spieler immer schwerer sich durchzusetzen, das können auch Andreas Ivanschitz oder Martin Stranzl bestätigen. Es muss fast die doppelte Leistung eines einheimischen Trainers erbracht werden. Bei uns kam hinzu, dass Karel Brückner nicht gerade der beste Freund der Journalisten war. Ich denke, der ÖFB wird sich nicht so bald wieder einen ausländischen Teamchef bestellen.

derStandard.at: War die Sprachbarriere Brückners ein Problem bei der Arbeit mit der Mannschaft?

Kocian: Es wird jetzt alles in Frage gestellt, das ist normal wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Der Vorwurf, dass die Spieler ihn nicht verstanden haben, kann aber nicht gelten, da Andreas Herzog und ich als Vermittler agiert haben. Auch der Vorwurf mangelnder Stadionpräsenz ist für mich aufgrund der geringen Anzahl an Teamspielern nicht zulässig. Es gibt vielleicht 15 bis 20 Nationalspieler in Österreich, wenn man die fünf Mal gesehen hat, kennt man sie. Wenn die Ergebnisse passen, kann man sich so etwas erlauben, anderenfalls wird man aus jeder Ecke angeschossen.

derStandard.at: Warum hatte Andi Herzog den Assistenten-Job so satt, dass er es vorzieht die U-21 zu trainieren - konnte er unter Brückner nicht genug mitreden?

Kocian: Ja, vielleicht war Herzog mehr Einfluss und Freiheit gewohnt. Ich kann aber gut verstehen, dass er es satt hat, sich als Assistent immer unterordnen zu müssen.

derStandard.at:
Wie würden Sie ihre ÖFB-Trainerbilanz (1 Sieg - 2 Unentschieden - 4 Niederlagen) lesen?

Kocian: Nach den überraschend guten Ergebnissen gegen Italien und Frankreich sagte Brückner zu mir, "jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um hier aufzuhören. Diese Ergebnisse werden uns noch ein Bein brechen'. Brückner hat zu diesem Zeitpunkt schon geahnt, dass die Euphorie die Realität verdecken könnte. Letztendlich haben wir uns aber auf den Färöer-Inseln selbst kaputt gemacht. Das Hauptproblem lag darin, dass das ganze Land einen schnellen Erfolg verlangte, Brückners Weg aber baute auf Kontinuität.

derStandard.at: Haben Sie sich bei ihrem Amtsantritt mehr Qualität in der Mannschaft erwartet?

Kocian: Nach der Europameisterschaft haben viele Spieler ihre Form verloren und konnten ihre Leistung nicht mehr zu hundert Prozent abrufen. Auf diesem Niveau reichen schon fünf, zehn Prozent weniger Leistungsfähigkeit und du hast keine Chance, zu gewinnen. Das österreichische Spielermaterial ist nicht sehr umfangreich. In der Bundesliga sind es hauptsächlich Legionäre, die das Spiel gestalten und im Ausland haben es viele Österreicher schwer sich durchzusetzen. Die größten Mankos liegen im offensiven und defensiven Mittelfeld, da gibt es kaum Alternativen.

derStandard.at: Wie gut ist Österreich - Kann diese Mannschaft bei einer WM/EM bestehen?

Kocian: In Österreich sollten realistische Ziele gesetzt und nicht geträumt werden. Die Nationalmannschaft kann kein Team der besten zehn, zwanzig Nationen schlagen, da darf man sich nicht erwarten bei einer WM oder EM dabei zu sein. Die Chance bei der Endrunde in Südafrika zu spielen, ist vertan, jetzt muss man Richtung EM 2012 arbeiten.

derStandard.at: Warum gelingt es vielen Spielern nicht, ihre Leistungen bei den Vereinen auch im Team abzurufen?

Kocian: Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. An der Einstellung der Spieler liegt es mit Sicherheit nicht, jeder reist zum Team, um alles zu geben. Man kennt die Laufwege der Mitspieler nicht so genau und es gibt Abstimmungsprobleme. Als slowakischer Teamchef hab ich mir dieselbe Frage gestellt.

derStandard.at: Was bleibt für Sie nach sieben Monaten als ÖFB-Trainer?

Kocian: Mir hat die Arbeit viel Spaß gemacht, das Umfeld war sehr professionell und auch in der Mannschaft hat es keinen einzigen Stinkstiefel gegeben.

derStandard.at: Klingt nach einer sehr positiven Bilanz über eine sportlich weniger positive Zeit?

Kocian: Ja, man könnte fast sagen, es hat alles gepasst nur die Ergebnisse nicht. (lacht)

derStandard.at: Was macht Jan Kocian als Nächstes?

Kocian: Ich bin ein Kosmopolit, lebe ständig im Ausland und bin für alle Angebote offen. Mittlerweile kenne ich auch die österreichische Liga ganz gut und könnte mir vorstellen hier zu arbeiten. Das Trainerleben ist ein Zigeunerleben, ab Sommer will ich wieder eine Mannschaft betreuen, das Wo spielt keine Rolle. (Simon Hirt, derStandard.at, 7.3.2009)

ZUR PERSON: Der gebürtige Slowake Jan Kocian spielte als aktiver Fußballer unter anderen für Dukla Banská Bystrica (Slo) und den FC St. Pauli. Seit 1993 ist Kocian als Trainer tätig, 2006-2008 war er slowakischer Teamchef, bevor er sieben Monate Karel Brückner als ÖFB-Teamchef assistierte.

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    "Das Hauptproblem lag darin, dass das ganze Land einen schnellen Erfolg verlangte, Brückners Weg aber baute auf Kontinuität."

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