"Ich kann meine Geilheit auf den Job ausleben"

5. März 2009, 19:14
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Dietmar Constantini darf seine Lieblingsrolle, die des süchtigen Feuerwehrmanns, spielen. Für die Kicker endet die Zeit der Einzelzimmer

Wien - Es war am Donnerstag um 11.26 Uhr, da hat eine dem österreichischen Fußball durchaus verbundene Schar von Männern das Podium des Johann-Strauß-Ballrooms im Wiener Hotel Intercontinental betreten. Sie schauten glücklich drein, sagten "Servus" oder "Grüß Gott" zu den zahlreich erschienenen Gästen, man kennt sich ja. Das Blitzen der Fotoapparate und das Leuchten der Scheinwerfer hob die Laune zusätzlich. Was schlecht für die Augen sein mag, ist immer noch gut fürs Gemüt. Das TV ist bei der Präsentation des Teamchefs selbstverständlich live dabei gewesen, der mit der Bildung beauftragte ORF hatte sich trotz Sparkurses die Rechte geschnappt. BBC und CNN haben wieder einmal geschlafen.

Didi Constantini ist also Teamchef. Und, wertfrei betrachtet, die Antithese zu Karel Brückner. Der Mann ist greifbar, der 53-jährige Tiroler wird präsent sein. Am Freitag wollte er sich  Kapfenberg gegen Altach (abgesagt) anschauen, am Samstag Austria gegen den LASK und am Sonntag Mattersburg gegen Rapid. Am Montag ist leider keine Bundesligapartie angesetzt. Auch Brückner hätte dieses Programm bewältigt - wenn man seinen Vertrag bis 2015 verlängert hätte. Warum aber Kapfenberg gegen Altach, die Zahl der möglichen Team-Aspiranten liegt da praktisch unter null? "Weil es mich interessiert."

Leo Windtner war ein hochzufriedener ÖFB-Präsident. "Constantini genießt zu Recht den Ruf, der erste Feuerwehrmann des Landes zu sein. Ich spüre die positive Energie, er kann sich auf schwierige Situationen einstellen. Provisorien halten oft länger als ursprünglich gedacht." Constantini sollte später sagen: "Es ist eine Ehre und Verantwortung. Ich bin ein Trainer, der seine Geilheit auf den Job aus leben kann. Das ist eine Sucht." Die Geilheit soll und muss bis zum Ende der WM-Qualifikation anhalten. Das sind sechs Partien. Constantini: "Es geht nicht um mich, ich wollte keinen längeren Vertrag, ich bin Leasingtrainer." Windtner stellte fest, dass der Verband seine Betreuer selbst entwickeln möchte. Für Andreas Herzog, dem das U21-Team verantwortet wurde, könnten sich neue Türen öffnen. Ein Schritt zurück als Basis für zwei Schritte nach vor. Sofern er keinen Mist baut.

Constantini ist dem Populismus nicht abgeneigt. Er sagt, was er denkt, zufällig oder auch nicht kommt das in der Öffentlichkeit gut an. Eine Auswahl: "Ich werde nie die Mannschaft wegen des tollen Einsatzes loben. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Sie sollen Demut empfinden. Weil Fußballprofi der schönste Beruf ist." Oder: "Ich muss ihnen die Angst vor der Niederlage abgewöhnen. Die Körpersprache stimmt bei vielen nicht. Man muss nicht gewinnen, aber man muss an seine Grenzen gehen." Oder: "Wir werden nicht die Vergangenheit aufarbeiten, denn damit verbaut man sich die Zukunft." Oder: "Jeder hat die Verpflichtung, fit zu sein." Oder: "Wir haben eine Play-Station-Generation. Jeder sitzt vorm Laptop. Die Kommunikation funktioniert nicht. Künftig werden die Spieler wieder Doppelzimmer beziehen." Oder: "Ein Realist würde sagen, dass es unmöglich ist, sich für die WM zu qualifizieren. Ich bin Realist und ein Träumer."

Als größte Baustelle sieht Constantini den kreativen Bereich. Ob Andreas Ivanschitz Kapitän bleibt, ließ er offen. Ebenso den Verbleib von Konditionstrainer Roger Spry im Betreuerstab. Am 18. März wird Constantini den Kader für das Spiel am 1. April in Klagenfurt gegen Rumänien nominieren. Die Vorbereitung dauert zehn Tage. "Gut so, da kann man einiges bewegen. Eigentlich ist der Moment des Engagements ideal. Wobei natürlich nicht ideal ist, dass der Fußball in der Kiste steckt."

Der Rest der Schar, Assistent Manfred Zsak, Herzog, Generaldirektor Alfred Ludwig und Sportdirektor Willi Ruttensteiner, war übrigens auch glücklich. Fast geil. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 6. März 2009)

Cremers Photoblog: Die Geilheit des Trainers

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    Dietmar Constantini (links neben Manfred Zsak) genießt den größten Löscheinsatz seiner Karriere. "Die Spieler sind mir wichtiger als das System. Intelligenz, Fitness, Schnelligkeit und Technik entscheiden im Fußball."

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