Billiges Geld nicht erwünscht

5. März 2009, 18:22
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Bei den Zinssenkungen wird nach Lehrbuch vorgegangen. Hoffentlich geht das gut - Von Johanna Ruzicka

Wie nach Lehrbuch rollt vor unseren Augen derzeit im Euroraum und in den USA etwas ab, das als "Asymmetrie in der Geld- und Bankpolitik" bezeichnet wird. Mit niedrigen Zinsen, fast schon mit einer Null-Zins-Politik, wird versucht, die Investitionsbereitschaft der Wirtschaft wieder anzukurbeln und dem Konsum der privaten Haushalte auf die Sprünge zu helfen.

Die Regungslosigkeit am Markt; die Art, wie auf die Zinssenkungen nicht reagiert wird, ist schon furchterregend. Weniger als null Prozent kann es nicht geben. Und was soll etwa die Europäische Zentralbank dann machen? Der Ankauf von europäischen Staats- oder gar Unternehmensanleihen ist zwar angedacht, bis es aber dazu kommt, ist noch ein weiter, steiniger Weg. Zu viel Macht, zu viele Geldmarkt-Instrumente wollte man bis dato der Zentralbank nicht zugestehen - ein leidiges, häufig auftretendes Problem in der Europäischen Union.

Nach dem Lehrbuch sind wir derzeit in der Phase, wo die Zentralbankpolitiken mit einem Strick verglichen werden können. Zwar kann man anziehen, sprich: die Kreditvolumen verkleinern, indem hohe Zinsen und eine niedrige Geldmenge vorgegeben werden. Aber in die andere Richtung funktioniert das nicht. Ein Strick lässt sich halt nicht schieben. Man kann noch so viele Incentives, sprich: niedrige Zinsen, anbieten. Wenn der Markt nicht bereit dafür ist, tut sich überhaupt nichts.

Die Vorsicht, die die Banken derzeit bei einer Kreditvergabe walten lassen, ist ihnen nicht einmal zu verdenken. Zumindest in den USA wurden viel zu viele Darlehen an bonitätsschwache Haushalte und windige Unternehmen vergeben. Die Unsicherheiten, die sich aus dem Zerteilen und dem wilden Vermanschen dieser Kredite zu undurchschaubaren, handelbaren Papieren ergeben, diese Unsicherheiten sind noch immer nicht vom Tisch. Weiterhin ist nicht klar, wo überall noch Finanzleichen begraben liegen - dem globalisierten, vernetzten Finanzsystem sei Dank.

Und bei den Osteuropa-Risiken, die zwei Jahrzehnte lang komplett ausgeblendet wurden, ist überhaupt noch nicht absehbar, wie das Stimmungsruder herumgerissen werden kann. Auch konzertiert geführte, große Hilfspakete unter der Führung von Währungsfonds und Weltbank haben in der Vergangenheit häufig nicht die gewünschten Effekte erzielt. Beispiele dafür gibt es aus dem Bereich der südlichen Entwicklungs- und Schwellenländern zuhauf. Von den privaten Haushalten wiederum geht derzeit ebenfalls nicht die gewünschte Ausgabefreudigkeit aus. Auch das ist niemandem zu verdenken, wenn es täglich Horrormeldungen zur Höhe der Arbeitslosenrate, Kurzarbeit und Produktionskürzungen gibt.

Die möglichen Darlehensnehmer aus Wirtschaft und Privatbereich haben andere Probleme, als mit Bankkrediten Produktion oder Konsum auszuweiten. Seltsam ist, dass die Notenbanken nicht wahrhaben wollen, dass die Marktteilnehmer mangels Vertrauen die derzeitige Situation halt irgendwie durchtauchen wollen. Eine Politik des billigen Geldes muss da verpuffen.

Eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Krise sind immer noch nicht alle Risiken offengelegt. Derzeit durchgehen wir diese notwendige Phase der Bereinigung, die, davon kann ausgegangen werden, frühestens mit dem Abschluss der Berichtssaison über das fatale Jahr 2008 zu Ende ist. Erst dann sind alle Risiken entsprechend hervorgekehrt. Die desaströsen Quartalszahlen von Versicherungskonzernen wie AIG zeigen, dass der Reinigungsprozess in vollem Gang ist. Nach dem Motto "Nie war es so gut wie jetzt" werden Leichen aus dem Keller hervorgeholt, wird Tabula rasa gemacht, dass den Aktionären hören und sehen vergeht. Hoffen wir, dass dies der Anfang vom Ende der Finanzkrise ist. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2009)

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