Die Opernlyrik als Leistungssport

5. März 2009, 18:22
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Der mexikanische Tenor Ramón Vargas verkörpert bei der Premiere von Tschaikowskys "Eugen Onegin" den Lenski

Ein Gespräch über Umgang mit Krisen, über Kollegen und wildes Singen.

Wien - Wenn man ihn fragt, was ein Opernsänger tunlichst vermeiden soll, wenn er mehr im Sinn hat als einen Karrierequickie, sprudelt es aus Ramón Vargas nur so heraus: "Man sollte nicht nur auf Emotion setzen, nicht wie ein Wilder singen, wie ein Gladiator, der nur überleben will. Natürlich sind wir Hochleistungssportler. Jede Aufführung ist ein 100-Meter-Lauf, bei dem man unter zehn Sekunden bleiben muss. Andernfalls ist das Publikum nicht zufrieden. Bei guter Technik ist das Singen aber kein mörderischer Kampf."

Vargas muss nicht kämpfen. Sein samtenes Timbre (gepaart mit eleganter Stimmführung) macht ihn zum kostbaren, sehr lyrischen Tenor. Mögen Kollegen stärker in den Genuss von Vermarktung kommen (Rolando Villazón) oder bisweilen durch vorzeitiges Verlassen einer Aufführung (Roberto Alagna) publicityträchtig Skandale inszenieren - Vargas lässt diese Spielchen, reüssiert einfach als Belcantist, der Phrasen nobel serviert.

Kaum zu glauben, dass der Mexikaner mit 22 schon aufgehört hatte zu singen: "Ich verlor meine hohen Töne, hatte keinen Spaß am Singen. Der eine Lehrer wollte keine Verantwortung mehr für mich übernehmen, der andere versuchte aus mir einen Heldentenor zu machen. Ich hörte dann meine Aufnahmen, die ich als 12-Jähriger gemacht hatte, und vernahm entsetzt, was aus mir geworden war. In meiner Jugend hatte ich ja die Sonne in der Stimme!"

Das lange Schweigen

Eine Chance jedoch wollte Vargas sich noch geben. "Platten von Giuseppe Di Stefano und Luciano Pavarotti waren wie Medizin für mich. Auch absolvierte ich lange Zeit nur Atemübungen und kam so nach und nach zurück. Es war letztlich gut, dass ich so früh Probleme bekam. Eine unglückliche Liaison vergisst man auch leichter, wenn man jung ist." Wettbewerbssiege und das Einspringen für Pavarotti an der Met (1993) werden das Vergessen zusätzlich erleichtert haben - wie sie auch für nötige Aufmerksamkeit sorgten.

Mittlerweile lebt Vargas, trotz globaler Aktivitäten, wieder in Wien, wo er einst einen Teil seiner Ausbildung absolviert hat. Klar, dass die Staatsoper seine Dienste gerne in Anspruch nimmt, auch beim Opernball: Da stand er also im Parkett und servierte Kostproben aus Tschaikowskys Oper Eugen Onegin, die am Samstag Premiere hat: "Ich genoss das. Aber im Grunde mögen wir Sänger keine so großen, leer wirkenden Räume. Da fehlt die Geborgenheit." Die Leere sei auch akustisch ein Problem:

"Man muss immer stur nach vorn singen, damit der Sound nicht verlorengeht. Das wiederum killt das Schauspielerische. Wir wollen ja keine Konzert in Kostümen liefern, sondern glaubwürdig wirken. Natürlich wird heute manchmal übertrieben, wird wie beim Film gecastet, und die Leute scheinen mit den Augen zu hören."

Beim Opernball blieb er übrigens "bis fünf in der Früh. Das war nicht gefährlich für die Stimme: Ich trinke nicht übermäßig und rauche seit elf Jahren nicht mehr." Man hat es also mit einem Sänger zu tun, der auf Disziplin Wert legt und das auch bei Kollegen schätzt. "Anna Netrebko ist wirklich großartig. Sie kommt als Erste zu den Proben und geht als Letzte."

Disziplin heißt für Vargas indes auch, das Publikum zu ertragen. "Ich finde es nicht gut, dass Roberto Alagna mitten in der Aida-Vorstellung an der Scala einfach die Bühne verließ. Wir sollten uns nicht auf das Niveau jener Leute begeben, die buhen. Wir wissen: Als Sänger ist man gewissermaßen nackt, ist kritisierbar. Für Alagna war der Skandal natürlich letztlich eine gute Werbung." Ramón Vargas' Stil wäre das nicht. (Ljubiša Tošić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.3.2009)

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    Der mexikanische Tenor Ramón Vargas: "Man soll nicht wie ein Gladiator singen, der nur überleben will."

     

     

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