Ministerielle Irreführung

5. März 2009, 18:18
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Die Ausweitung der Unterrichtszeit entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als bloße Notmaßnahme zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs - Von Ursula Madl

Das österreichische Schulsystem steht angeblich knapp vor einem wichtigen Reformschritt: Österreichs Schülerinnen und Schüler wird wieder mehr Unterricht zuteil! Wer sollte dieses gewichtige Vorhaben nicht unterstützen? Lehrerinnen und Lehrer werden künftig zehn Prozent mehr Unterrichtsstunden gestalten und die angeblich großen Nutznießer dieser Neuerung sind die uns zur Bildung und Ausbildung anvertrauten Kinder und Jugendlichen. - Alles bestens also?

Irrtum: Was sich als pädagogische Maßnahme für steigende Unterrichtsqualität tarnt, entpuppt sich nämlich bei genauerem Hinsehen als bloße Notmaßnahme zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs. Die ernüchternde Realität hinter den Jubelmeldungen über mehr gemeinsame Lernzeit zwischen Schülern und Unterrichtenden: Wenn die Unterrichtszeit für Professoren und Professorinnen steigt, erhöht sich damit die Anzahl der jeweils von ihnen zu unterrichtenden Klassen und Schüler erheblich, da die Zahl der Unterrichtsstunden für die Schüler und Schülerinnen gleich und für diese somit alles beim Alten bleibt:

Im Unterrichtsjahr vor ihrem 16. Geburtstag werden etwa die jungen Staatsbürger nach wie vor mit einer Wochenstunde Geschichte und politischer Bildung auf ihren ersten Wahlgang vorbereitet (ein Beweis dafür, wie wichtig der Regierung die demokratische Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit ihrer Jugend ist?); die oft geforderte tägliche Turnstunde ist nach wie vor in weiter Ferne; und die 2003 unter Ministerin Gehrer in Aussicht gestellte Fremdspracheninitiative wurde mit der Verminderung der entsprechenden Unterrichtsstunden gestartet und auf diesem Niveau "eingefroren". Derlei konkrete Beispiele für fehlende Unterrichtszeit gäbe es noch viele.

Unbeirrt von der Evidenz bedauerlicher Bildungslücken belässt Ministerin Schmied aber bei den reduzierten Unterrichtsstunden und überlegt laut Zeitungsmeldungen sogar die Verkürzung der Unterrichtseinheiten auf 45 Minuten.

Worin also besteht nun der Vorteil der als "mutig" gepriesenen ministeriellen Entscheidung für die uns zur Bildung anvertrauten Jugendlichen? Oder geht es nicht doch in erster Linie um etwas ganz anderes - nämlich darum, den in vielen Unterrichtsfächern drohenden Lehrermangel zuzudecken? Tatsächlich fehlen gegenwärtig Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel in Mathematik, den Naturwissenschaften, Englisch, Bewegung und Sport, bildnerischer Erziehung und Deutsch. An manchen Schulstandorten lässt sich schon jetzt kaum noch der Dienstbetrieb aufrechterhalten.

So gesehen ist die Forderung von Ministerin Schmied ja in gewisser Weise durchaus verständlich - bleibt nur die Frage, weshalb sie die Öffentlichkeit nicht gleich über den eigentlichen Sachverhalt entsprechend informiert hat.

Unbestritten ist auch, dass Reformschritte in vielerlei Hinsicht überfällig sind: Berufstätige Eltern brauchen zum Beispiel ganztägig geführte Schulen, um den Anforderungen ihrer Elternrolle gerecht werden zu können und ihren Kindern einen verlässlichen Lebensraum zu bieten. Entsprechend gestaltete Schulgebäude mit geeigneten Arbeitsplätzen für alle - auch die Unterrichtenden - sind daher ein Muss, aber von all diesen Notwendigkeiten ist in Schmieds Ankündigungs- und Verteidigungsreden nicht die Rede.

Die verkündete Frohbotschaft, durch die Erhöhung der Unterrichtszeit der Lehrerinnen und Lehrer würde sich auch die Betreuungszeit für unsere Schülerinnen und Schüler erhöhen, ist daher leider eine schmerzliche Irreführung - nicht der, sondern seitens der Behörde. (Ursula Madl/DER STANDARD Printausgabe, 6. März 2009)

Ursula Madl ist Direktorin des Billrothgymnasiums in Wien.

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