Jean-Claude Trichet

5. März 2009, 18:09
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Ein sehr, sehr seriöser Euro-Banker

Wie ist es, wenn man weiß, dass jedes Wort, das man in die TV-Kameras sagt, einige Milliarden in Bewegung setzen kann? Jean-Claude Trichet, der Gouverneur der Europäischen Zentralbank (EZB), spricht wie immer leise, präzis und ohne Denkpausen. Seine Worte kann man auf die Goldwaage legen. Am Donnerstag meinte er etwa, die Zinsen seien im Euroraum schon auf einem "sehr, sehr niedrigen Niveau". Nicht "sehr", sondern "sehr, sehr". Das heißt so viel wie: Jean-Claude Trichet, der Manitu der Euro-Währung, will nicht unter die 1,5 Prozent, die er gestern bekanntgegeben hat; die Nullzinspolitik der Amerikaner hält er - zumindest jetzt noch - für verfehlt, aber er schließt eine weitere Senkung auch nicht aus.

Der 66-jährige Franzose ist eben ein sehr, sehr seriöser Notenbanker. Das ist jetzt, da die Wirtschaft purzelt, wirklich Gold wert: Der französische EZB-Chef schießt nicht nur Milliarden, sondern auch Vertrauen in die Finanzmärkte ein. Kein Iota wich Trichet jemals von seinem Stabilitätskurs ab, kein verbaler Ausrutscher brachte Europas Währung in seinem schon über fünfjährigen EZB-Vorsitz ins Rutschen.

Der 1942 in der behäbigen Rhône-Stadt Lyon geborene Sohn eines hohen Verwaltungsbeamten hat eiserne Nerven. "In Krisen", hatte Trichet schon vor Jahren gesagt, "geht es eigentlich nur darum, die Katastrophe zu vermeiden. Nachher geht es wieder bergauf."

Schon im Mai '68, als Paris außer Rand und Band war, büffelte Trichet Volkswirtschaft, um in die Verwaltungseliteschule "Ecole Nationale d'Administration" (ENA) aufgenommen zu werden. Politisch stand der junge Familienvater (zwei Söhne) links. Doch nach einer in Paris nicht minder üblichen Elitekarriere (Finanzinspektion, Ministerkabinette, Finanzminister) kämpfte er als Gouverneur der Banque de France nur noch gegen hohe Staatsausgaben und Inflation.

Gefährlich wurde es für Trichet, als er in den Verdacht der Mitwisserschaft beim Milliardenskandal der Bank Crédit Lyonnais geriet. Doch er wurde freigesprochen und wenig später Spitzenkandidat Frankreichs für den EZB-Vorsitz. 2003 wurde er gewählt. Nun ärgerte sich Nicolas Sarkozy, wenn Trichet vom 35. Stockwerk seines Frankfurter Büros herab einen "starken und stabilen Euro" predigte und die nationalen Regierungen zur Budgetdisziplin aufrief, statt die Zinsschraube zu lockern. Doch dem sehr, sehr soliden Franzosen ist das egal. Wenn die Weltwirtschaft krachen sollte, dann nicht wegen, sondern trotz Trichet. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2009)

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    Für EZB-Chef Jean-Claude Trichet sind die Zinsen niedrig genug.

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