Krise erfasst Mittelstand: Pleitewelle rollt an

5. März 2009, 18:15
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Heuer bis zu 15 Prozent mehr Insolvenzen - Jeder vierte Betrieb will Arbeitsplätze abbauen

Wien - Kein Tag vergeht ohne eine Welle an Konkursen in Österreich: Innerhalb nur einer Woche meldeten die Kreditschutzverbände zehn insolvente Traditionsbetriebe. Der steirische Kranerzeuger Penz etwa rutschte mit 70 Mitarbeitern in die Pleite und steht nun vor der Schließung. In Oberösterreich stellte der Anlagenbauer Doleschal den Konkursantrag, 54 Mitarbeiter sind betroffen. Zugleich wurde in Kärnten das Verfahren über den Raumausstatter Schlick eröffnet. Kurz davor wurde die Pleite der Holzindustrie Häupl in Vöcklabruck bekannt, sie beschäftigte 102 Mitarbeiter. In Tirol traf es Fensterbauer Gomig, in Vorarlberg den Transporteur Melk.
Die turbulente Konjunktur lässt die Zahl der Konkurse in die Höhe schnellen. "Wir müssen mit weiteren Anstiegen rechnen, das ist die Begleiterscheinung der Krise", sagt Helmut Maukner, Chef von Ernst & Young in Österreich. Kreditschutzverbände prognostizieren heuer rekordverdächtige Pleitestatistiken.

Alle Branchen betroffen

Die Zahl der eröffneten Verfahren stieg im Jänner um elf Prozent, belegt Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des KSV. Über das gesamte Jahr erwarte er um zwölf bis 15 Prozent mehr als 2008. Betroffen seien vor allem exportorientierte Betriebe, Industrieunternehmen und das Transportgewerbe. Etwas zeitverzögert werde die Insolvenzwelle aber alle Branchen erfassen.
Die Zunahme an Pleiten zeichne sich freilich bereits seit Mitte 2007 ab, sagt Kantner: Bereits im Vorjahr nahm die Zahl der eröffneten Verfahren um acht Prozent zu.

Die Creditreform spricht bereits von einem neuen Rekord an Unternehmenspleiten, alles in allem seien heuer mehr als 7000 zu erwarten. Der große Schub bahne sich im zweiten Quartal an: Denn dann liegen alle Bilanzen am Tisch, es werde Tabula rasa gemacht. Problematisch sei vor allem die schlechtere Qualität der Insolvenzen, erzählt Gerhard Weinhofer, Sprecher der Creditreform. Die Zahl der Konkurse, die mangels Masse abgewiesen werden, sinke weniger stark als in den Vorjahren, sie könne heuer sogar zunehmen. Gläubiger schauten damit vermehrt durch die Finger.

Die Creditreform meldet für Jänner und Februar in der Sachgüterzeugung 82 Verfahren, um 16 mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Handel gab es zugleich einen Zuwachs von 21 Prozent. Allein im Bau sank die Zahl der Verfahren um elf Prozent. Viele Firmen hoffen auf staatliche Infrastrukturpakete.
Weniger Zwangsausgleiche ortet der AKV-Experte Alois Schönfeld. Er wolle nicht schwarz malen, aber der Tiefpunkt sei wohl noch nicht erreicht. Entscheidend sei, wie restriktiv Banken bei der Kreditvergabe agierten. Die wachsende Kurzarbeit in der Industrie reiße zudem viele kleine Zulieferer mit. Fraglich sei, wie lange sie die Durststrecke durchhielten.

Der neue Mittelstandsbarometer von Ernst & Young (hier weiterlesen: Krise greift auf KMU über), für den im Februar 700 österreichische Betriebe befragt wurden, malt ein düsteres Bild kleiner und mittlerer Betriebe. Auch wenn viele glauben, besser für Krisen gerüstet zu sein, als die gesamte Wirtschaft. Immerhin 67 Prozent sehen sich aber von der Finanzkrise getroffen, mehr als in Deutschland und der Schweiz. Die Geschäfte in In- und Ausland gingen zurück, die höheren Kreditzinsen belasteten, Geld von der Hausbank zu bekommen, sei schwieriger geworden. Jeder vierte befragte Unternehmer will nun Arbeitsplätze streichen. Jeder dritte schraubt Investitionen zurück.Je niedriger Mitarbeiter qualifiziert sind, desto größer die Gefahr des Jobverlustes. Maukner: "Gute Facharbeiter sind nämlich nach wie vor gesucht." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2009)

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