Die Anarchie der Wissenschaft

5. März 2009, 17:25
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Um in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zu gelangen, gelten ungeschriebene Gesetze. Fleiß allein ist zu wenig, es braucht vor allem Beziehungen

Wien - Ungeschriebene Gesetze entscheiden, wer Wissenschafter wird. Denn was eine Karriere an der Uni voraussetzt, ist, überhaupt einmal zu durchschauen, welche Anforderungen gestellt werden. Denn die Regeln der Scientific Community schaffen sich selbst und werden nicht klar formuliert.

"Soft Skills", erklärt Gerhard Budin, Professor am Zentrum für Translationswissenschaft der Uni Wien, ist dafür ein wichtiges Rüstzeug. Denn für die Machtstrukturen, die innerhalb einer Scientific Community gelten, "gibt es keine strikten Vorgaben, sondern sie entstehen in einer sozialen Gruppe", erklärt Budin, wie die Regeln ausgehandelt werden.

Großer Einsatz zählt jedenfalls dazu: Um in der "Community gehört zu werden", muss man besonders viel arbeiten, malt Raphael Fuchs, Postdoc an der TU Wien, ein Bild von wochenlangem Verzicht auf Freizeit - "vier Wochen kein Bier", sagt er mit Ironie.

Der Informatiker spricht von einem "enormen Druck", viel zu veröffentlichen. Die Devise lautet "Publish or perish" ("Publiziere oder gehe unter"). Dabei gelte oft das Prinzip "Quantität über Qualität", kritisiert Jungwissenschafter Fuchs.

Zwar wären schlampige Publikationen vor allem für Junge gefährlich, da sie schnell "abgestempelt" würden, doch ist man einmal etabliert, wären schlechtere Publikationen aus dem Quantitätsdruck heraus "nicht mehr so schlimm".

Keine Zeit für Karenz

Einen "permanenten Kampf" ortet auch die Jungwissenschafterin Ingrid Metzler von der sozialwissenschaftlichen Forschungsplattform Life Science Governance. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich lange in Karenz gehe und nicht präsent bin", sagt die Dissertantin, die seit kurzem Mutter ist.

Mit Engagement präsent zu sein ist zu wenig. Es sind vor allem "Kongresse sehr wichtig, denn man muss in der Community neben der lokalen Familie die Beziehung zu den anderen Leuten aufbauen, um externen Input zu bekommen", erklärt Fuchs, wie man als Junger das nötige "Vitamin B" erwerben kann. Denn ohne Beziehungen zu Mentoren wäre man verloren, meint er.

"Das Beziehungsgeflecht ist das Um und Auf der Community", bestätigt auch Budin. Kongresse spielen allerdings keine exklusive Rolle mehr. Die Informationstechnologien prägen die Scientific Communities stark und ermöglichen andere Formen des Austausches per E-Mail oder Skype, die die persönliche Begegnung ersetzen.

Der internationale Austausch verlangt auch nach Vergleichbarkeit - Impact-Faktoren, die die Wichtigkeit von Journals kennzeichnen, sind ein Ansatz.

Auch wenn diese oft ausschlaggebender bei Berufungen sind als etwa Lehrerfahrung, hält Fuchs davon wenig, "Es ist wichtig, dass es sie als Feedback gibt, sie werden aber oft überbewertet."

Die Welt der Wissenschaft verlangt auch Ellbogentechnik. Es braucht Hartnäckigkeit und eine gesunde Prise Egoismus, um sich durchzusetzen, spricht aus der Erzählung von Metzler, wie sie ihren Fuß erstmals in die Tür der Wissensgemeinde gesetzt hat: "Ich habe in den richtigen Seminaren den Mund weit genug aufgemacht und bin damit aufgefallen. Es ist nicht leicht, Jungforscher zu sein."

Fuchs spricht noch einen anderen Aspekt an, durch den vor allem in den Naturwissenschaften viele Junge der Wissenschaft verloren gingen: die Arbeitsbedingungen. "Es braucht eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber materiellen Vorteilen", sagt Fuchs, denn "jeder, der Forscher ist, bekommt ein niedrigeres Gehalt, als er in der Industrie bekommen würde."

Einsiedelei statt "Öffentlichkeit"

Und hat man trotz aller Hürden erst einmal in die lange Gänge des Elfenbeinturms der Wissenschaft hineingefunden, ist es eine Kunst, auch wieder hinauszufinden. "Es gibt einen Bedarf, dass sich Scientific Communities mehr der Öffentlichkeit mitteilen", meint Gerhard Budin. Er spricht von einem "Vakuum" zwischen dem steigenden Interesse der Öffentlichkeit und Wissenschaftern, die sich verkriechen.

Dieses Vakuum schafft den Bereich, in dem selbsternannte Thinktanks (Denkfabriken) sich inszenieren - manchmal mehr, manchmal weniger geglückt. "Diese Brücken zur Öffentlichkeit sollen nicht zu reißerisch werden, es soll auch über das auf den ersten Blick Unspektakuläre berichtet werden", fordert Budin. (Astrid-Madeleine Schlesier, Tanja Traxler/UniSTANDARD, 5.3.2009)

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