"Ein Tropfen Tinte und alles ist blau"

8. März 2009, 17:00
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Psychologin Julia Umek über Glück im Job über eine demotivierte Minderheit, die das ganze Betriebsklima vergiften kann

"Ein Lächeln schadet grundsätzlich nie", sagt Julia Umek. Im Interview mit Florian Vetter erklärt die Psychologin, welche sozialen Bedürfnisse auch im Arbeitsleben nicht zu kurz kommen dürfen, und warum der Mensch nur in guter Stimmung motivierbar ist.

derStandard.at: Wir möchten alle ein sinnerfülltes Leben führen, nicht nur in der Freizeit und mit der Familie, sondern auch dort, wo wir die meiste Zeit unseres Lebens verbringen: am Arbeitsplatz. Wie wichtig ist das Glück am Arbeitsplatz?

Umek: Es ist natürlich sehr wichtig. Denn die Zeit, in der wir Kraft haben, die acht Stunden von Vormittag bis Abend, verbringen wir im Büro. Da sollte man sich schon glücklich fühlen.

derStandard.at: Anders herum gefragt: Kann man auch unglücklich eine gute Arbeit machen?

Umek: Natürlich ist das möglich. Nämlich dann, wenn man all seine Ressourcen ausschöpft. Aber das geht nicht ewig gut, und irgendwann einmal kommt es unweigerlich zum Burn-Out. Darum ist so wichtig, dass man sich miteinander gut fühlt.

derStandard.at: Kann das Glück überhaupt im Büro gefunden werden? Oder liegt das nicht am Sandstrand unter Palmen?

Umek: Nennen wir Glück einmal ein angenehmes Gefühl, um die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen und es geht ihm dann gut, wenn er sich vom anderen angenommen fühlt. Das ist aber nicht im opportunistischen Sinne gemeint, etwa auf die Art: "Ich meine es gut mit dir und bitte arbeite bis du umfällst". Es geht um einen ehrlichen Zugang. Das alles hat nicht unbedingt etwas mit paradiesischen Außenzuständen zu tun.

derStandard.at: Welche sozialen Faktoren und Bedürfnisse sind besonders wichtig für das Glück im Beruf?

Umek: Da lässt sich eine Reihung machen. Die Seele hat drei ganz große Wünsche im Leben und das gilt natürlich auch für den Arbeitsprozess. Erstens: Der Mensch sucht nach Anerkennung und soll auch selbst anerkennen. Zweitens: Das individuelle Verlangen nach Wertschätzung ist ganz wichtig. Das bedeutet, dass man den anderen in seiner Welt versteht und nicht nur seine Stärken wertschätzt, sondern auf seine Schwächen besonders Rücksicht nimmt.

Abschließend und ebenso wichtig ist menschliche Wärme und ein Lächeln, mit dem man die Menschen verzücken kann, wobei laut neuesten Ergebnissen der Hirnforschung die Physiologie ebenfalls ganz starke Auswirkungen auf soziale Situationen hat. Das fängt schon damit an, dass die Leute viel zu wenig Wasser im Büro trinken.

derStandard.at: Wie entsteht am meisten Konfliktpotential?

Umek: Das ist für mich ganz klar. Durch nicht gegebene Anerkennung.

derStandard.at: Wie sind Konflikte am Arbeitsplatz am besten zu lösen? Was halten sie von Teambuildung-Seminaren?

Umek: Mitarbeiter-Treffen halte ich für eine ausgezeichnete Sache. Die Stimmung muss jedoch gut sein. Wird man dort hinzitiert und die Atmosphäre ist entsetzlich und es erfolgt eine Konfrontation mit Zahlenkonvoluten, Vorwürfen und von vornherein nicht umsetzbaren Aufgaben, dann macht das Ganze keinen Sinn.

derStandard.at: Ich kann mir meine Kollegen ja nicht aussuchen.

Umek: Das stimmt, bei meinen Kollegen habe ich keine Wahl, aber bei meiner eigenen Motivation sehr wohl. Bei der Hirnforschung ist man schon so weit, zu sagen, dass der Mensch eigentlich nur in guter Stimmung motivierbar ist. Anders funktioniert es gar nicht.

derStandard.at: Laut einer Gallup-Studie aus dem Jahr 2008 sind im Schnitt nur 13 Prozent der Mitarbeiter engagiert, 67 Prozent sind Mitläufer und 20 Prozent haben innerlich bereits gekündigt.

Umek: Und genau diese am Schluss erwähnten 20 Prozent sorgen für düstere Stimmung. Das ist wie mit einem Glas Wasser. Lassen sie einen Tropfen Tinte hinein fallen, dann ist alles Blau. Diese Menschen muss man ernst nehmen, denn diese infizieren die anderen mit ihrem Unglück.
Und man muss sich um sie kümmern. Da ist professionelle arbeitspsychologische Hilfe wichtig. Die Stimmung im Büro hebt sich nicht von alleine.

derStandard.at: Wie viel Verantwortung liegt bei der Betriebsführung?

Umek: Die Führung muss mit tun. Meine Erfahrung mit Top-Managern ist da durchaus positiv. Wenn diese einmal gesehen haben, wie gut sich positive Stimmung auf die Leistung auswirkt, sind sie sehr offen für das Ganze. Es passieren auch weniger Arbeitsunfälle.

derStandard.at: Gibt es den "Flow" den der berühmte US-Forscher Mihaly Csikszentmihalyi in seinem Bestseller beschreibt?

Umek: Das ist eine tolle Sache, aber dieses Gefühl erreicht man nicht so leicht. In das Flow-Gefühl (das Gefühl des völligen unüberspannten Aufgehens in einer Tätigkeit, Anm. d. Red.) kommt man dann, wenn man in die Arbeit versinkt. Dieser Sinneszustand gibt es aber nicht nur im Büro. In den „Flow" kann man auch bei der Gartenarbeit oder beim Stricken oder Nähen kommen. Ich persönlich löse diesen von außen kommenden Druck in der Küche auf. Ich koche für mein Leben gerne.

derStandard.at: Bestraft man sich mit einer zynischen Einstellung zum Beruf - "Hauptsache die Kohle stimmt" - nicht eigentlich selbst?

Umek: Das finde ich nicht. Ein Teil meiner Patienten ist durch den Arbeitsdruck krank geworden, etwa weil der Chef nicht mehr auszuhalten war. Ich habe ihnen dann gesagt, dass sie für Geld arbeiten und Lebenszeit nicht verschenkt wird. Die Frage, ob sie woanders mehr verdienen würden, verneinen die meisten und weisen auf den tristen Jobmarkt hin.

Da muss man sich schon nach Angebot und Nachfrage richten. Wenn ich mir das vor Augen halte, dann ist das eine Selbstmotivation, auch eine nicht so schöne Arbeit zu machen. Dafür bekomme ich dann Geld, mit dem ich mir Dinge leisten kann, die mir gut tun. Da hat man auch ein Motiv, wie man zum Glücklich sein hinkommt. Ein Leben, das nur lustig ist, muss man sich erarbeiten und verdienen.

derStandard.at: Kann man zwischen den beiden Lebenswelten Arbeitsplatz und Freizeit einen Strich ziehen?

Umek: Dass muss man differenziert betrachten. Grundsätzlich ist es so, dass der Mensch natürlich dann am glücklichsten ist, wenn er Sinn in seiner Arbeit sieht. Wenn das Arbeitsleben von der Freizeit so stark abgegrenzt werden muss, dass der Beruf außerhalb vom Büro kein Gesprächsthema mehr ist, dann kann es schnell zu Verkrampfungen kommen.

Das ist aber sehr subjektiv. Was für den einen nicht richtig ist, muss für den anderen nicht falsch sein. Dass darf man nicht generalisieren. Bei Problemen und Ärgernissen im Job muss ja nicht immer die Familie angejammert werden, derlei kann man auch mit seinen besten Freunden besprechen. Dafür sind sie auch da. (derStandard.at, 8.3.2009)

  • Gesundheits- und Arbeitspsychologin Julia Umek
    foto: julia umek

    Gesundheits- und Arbeitspsychologin Julia Umek

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