Kopf an Kopf gegen Machtverlust und Willkür

5. März 2009, 12:33
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Maria Maltschnig, linke Studentenvertreterin, und ÖH-Vorsitzender Samir Al-Mobayyed über Schikanen bei Studiengebühren und elitäre Bildung

UniStandard: Eine Hochschule, die allen offensteht – ohne Eingangstests, subtilen Knockout und andere Selektionsmechanismen. Eine Utopie?

Maltschnig: Johannes Hahn und die Rektoren sind große Fans von Zugangsbeschränkungen und wollen vor allem den Master beschränken. Das lehnen wir aus tiefster Überzeugung ab, weil wir Bildung als eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Güter sehen. Wir wissen, dass über 90 Prozent den Master machen wollen und ihnen das zu verwehren, ist ein starker Eingriff in die Lebensplanung.

Al-Mobayyed: Man muss Studierenden ermöglichen, den Master zu machen. Bachelorabsolventen sind auf dem Arbeitsmarkt in einer schwierigen Situation, sie werden als "bessere" Maturanten gesehen. Die Universitäten würden sich mit einer Beschränkung eingestehen, dass nicht jeder Bachelorabschluss gleichwertig ist, und das widerspricht dem Bologna-Gedanken.

UniStandard: Ab Herbst muss jeder eine Eingangsphase absolvieren, so will es der Minister – eine Gratwanderung zwischen Selektion und Orientierung.

Maltschnig: Wir fordern schon lange eine sinnvolle Studieneingangsphase im Sinne einer Orientierungsphase. Was der Minister wohl darunter versteht, ist ein unglaublich aufwändiges erstes Studienjahr, in dem man von einer Riesenprüfung zur nächsten eilt.

Al-Mobayyed: Wenn man bei einem Bachelor von sechs Semestern eine ein bis zwei Semester lange Eingangsphase machen möchte, wäre das schon wieder viel zu lang. Man müsste es kürzer halten, ob es dann noch sinnvoll ist, sei dahingestellt.

UniStandard: Viele Köche verderben den Brei – beim Abschied auf Raten für die Studiengebühren herrscht Chaos.

Maltschnig: Viele werden nun keine Studiengebühren mehr zahlen müssen – das ist ein Riesenfortschritt. Die Regelung weist aber massive Schwächen auf: Ausländische und außerordentliche Studierende müssen zahlen.

Die Zeitbeschränkung ist etwa in der Medizin problematisch, wo manche zwei Jahre warten müssen, um weiterstudieren zu können." Zu sagen: "Wir schaffen die Gebühren für alle ab" wäre politisch, verwaltungstechnisch und finanziell die richtige Lösung. Es gibt mehrere Haken in dieser Verordnung, die schikanös und nicht nötig sind.

Al-Mobayyed: Man sollte die Studiengebühren abschaffen, auch an den Fachhochschulen. Es ist eine Frage der Gleichbehandlung und führt zu einer Verzerrung, weil aus finanziellen Gründen die Unis den FHs vorgezogen werden könnten.

UniStandard: Explodieren könnten die Studiengebühren für Ausländer. Minister Hahn plant: Sie sollen der Willkür der Unis ausgeliefert werden.

Al-Mobayyed: Im zukünftigen Universitätsgesetz soll die Freigabe der Studienbeiträge für ausländische Studierende ermöglicht werden. Die Universitäten könnten dann horrende Summen einnehmen. Doch gerade ausländische Studierende haben es schwer. Die eben beschlossene Halbierung der Studiengebühren war ein richtiger Schritt, die Freigabe lehnen wir ab.

UniStandard: Politischer Wille ist gefragt, damit sich Studenten in Vollzeit auf ihr Studium konzentrieren können.

Maltschnig: Der Staat muss sagen: "Wir wollen uns das leisten, dass alle Leute Vollzeit studieren können", weil Studieren an sich schon ein Job ist und weil die Studienpläne so konzipiert sind, dass man 40 Wochenstunden investieren muss.

UniStandard: Die nächste Uni-Gesetz-Änderung könnte bewirken, dass der Senat an Rektorat und Uni-Rat Macht verliert (siehe "Wissen").

Al-Mobayyed: Der Senat wird weiter entmachtet, der Uni-Rat wird aufgewertet, das Rektorat soll Kompetenzen des Senats übernehmen. Das finden wir bedenklich. Der Rektor hat eine klare Aufgabe, er ist der Manager der Uni. Wenn Kompetenzen vom Senat zum Rektorat gehen, dann ist das einzige demokratiepolitisch legitimierte Organ, der Senat, entmachtet. Und der Uni-Rat, der eigentlich eine Aufsichtsfunktion hat, bekommt plötzlich Entscheidungskompetenzen.

UniStandard: Die Evaluierung der Lehre wird an den Unis zwar rege betrieben, unmittelbare Konsequenzen sind fraglich.

Maltschnig: Es ist definitiv notwendig, die Evaluierung gesetzlich stärker zu verankern. Evaluierung muss von den Studierenden, vom Staat und vom Rektorat passieren. Auf die Ergebnisse muss zugegriffen werden können.

Al-Mobayyed: Werden Professoren schlecht evaluiert, muss das Konsequenzen haben. Im Moment landen die Fragebögen im Nirwana. Es muss eine externe Stelle geben, die evaluiert und die Ergebnisse nach objektiven Kriterien auswertet. (UniSTANDARD, 5.3.2009)

  • Maria Maltschnig (23) studiert Sozioökonomie an der WU Wien und ist Vorsitzende des Verbands Sozialistischer StudentInnen.
    foto: standard/cremer

    Maria Maltschnig (23) studiert Sozioökonomie an der WU Wien und ist Vorsitzende des Verbands Sozialistischer StudentInnen.

  • Samir Al-Mobayyed
(25) ist der derzeitige ÖH-Vorsitzende. Er studiert Jus und ist als
Spitzenkandidat der VP-nahen Aktionsgemeinschaft für die ÖH-Wahlen im Gespräch.
    foto: standard/cremer

    Samir Al-Mobayyed (25) ist der derzeitige ÖH-Vorsitzende. Er studiert Jus und ist als Spitzenkandidat der VP-nahen Aktionsgemeinschaft für die ÖH-Wahlen im Gespräch.

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