Länder sind auf das Ausland angewiesen

5. März 2009, 12:05
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WIIW: Die CEE-Staaten können kaum etwas gegen die Krise unternehmen, einige Länder wie Serbien, Kroatien und die Ukraine schlittern in die Rezession

Wien - Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise wirkt sich in der CEE-Region sehr unterschiedlich aus. Die Länder mit einem relativ hohen und langanhaltenden Wachstum in den vergangenen Jahren wie etwa die Slowakei, Tschechien und Polen dürften den Abschwung besser als andere Staaten meistern. Die nationalen Möglichkeiten im Kampf gegen die Krise schätzen die Experten des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in ihrer jüngsten Prognose als gering ein. Ohne ausländische Hilfe werde es kaum gehen, so WIIW-Leiter Michael Landesmann.

Es wurde erst kürzlich ein gemeinsamer EU-Topf für die CEE-Region abgelehnt, dennoch müsse man diesen Staaten helfen, um sie "vor einer langanhaltenden Schrumpfung zu bewahren", sagte Landesmann bei der Präsentation der jüngsten Konjunkturprognose des Instituts für Mittel- und Osteuropa. Zwar sei der öffentliche Schuldenstand in den mittel- und osteuropäischen Ländern gering, allerdings sei die Finanzierung der Budgetdefizite und des Leistungsdefizite aufgrund der internationalen Kreditknappheit derzeit fast unmöglich, schilderte er das Finanzierungsproblem in diesen Staaten.

In den USA und Westeuropa sei derzeit die Nachfrage nach Staatspapieren deutlich größer als nach Privatpapieren, da man den Staaten die Rückzahlung der Schulden eher zutraue als den Privaten. Die Nachfrage nach staatlichen Anleihen aus CEE sei aber aufgrund des Wechselkursrisikos und der allgemeinen Verfassung der Wirtschaft sehr gering, so der Wirtschaftsforscher.

Deutliche Konjunktur-Abkühlung

Generell rechnet das WIIW in seiner aktuellen Prognose mit einer deutlichen Verschlechterung der Konjunktur in allen Ländern. Kennzeichen seien eine Kreditverknappung und ein Einbruch der Industrieproduktion sowie ein Rückgang des Außenhandels. So rechnen die Wirtschaftsforscher für heuer mit dem relativ größten Wachstum in der Slowakei, das bei 2 Prozent liegen soll, im Vorjahr hatte es noch 6,4 Prozent und 2007 10,4 Prozent betragen. In eine Rezession dürften heuer neben den baltischen Staaten unter anderem auch Serbien, Kroatien und Montenegro (alle minus 2 Porzent) schlittern, aber auch die Ukraine (minus 5 Prozent) und die Türkei.

Die Prognosen beruhen auf den Prognosen für die großen Volkswirtschaften, die von einem Aufschwung ab 2010 sprechen. Sollte sich dieser nicht bewahrheiten, dann sei auch ein längerer Konjunkturabschwung in der CEE-Region denkbar. Die Prognosen seien laut den Einschätzungen von Landesmann nach wie vor zu optimistisch. "Man könnte die Prognosen bei vielen Ländern um ein bis zwei Prozentpunkte nach unten revidieren", ist Landesmann überzeugt.

Finanzierung wird zunehmend schwieriger

Die Krisenanfälligkeit von Staaten könne man am Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizit sowie der Auslandsverschuldung ablesen. Zwar gingen die Defizite der Staatshaushalte in den Ländern Mittel- und Osteuropas (CEE) in den vergangenen Jahren zurück, im Gegenzug stiegen die Außenhandels- und Leistungsbilanzdefizite, vor allem in Südosteuropa, hieß es bei der Präsentation der CEE-Wirtschaftsprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) am Donnerstag.

Laut Josef Pöschl, Südosteuropa-Experte beim WIIW, sind alle Länder von einem massiven Einbruch der Industrieproduktion konfrontiert. Sie sank in den vergangen Monaten um 5 bis 20 Prozent. Gemessen an der Leistungsbilanz war im Vorjahr Tschechien mit einem Minus von 1,7 Prozent des BIP die "stabilste Wirtschaft". Ganz anders sah die Lage in Südosteuropa aus: Montenegro hatte das höchste Leistungsbilanzdefizit in der Höhe von 27 Prozent, gefolgt von Bulgarien (25 Prozent) und Serbien (18 Prozent). Diese Länder stünden derzeit vor dem Problem der Finanzierung dieser Defizite.

Laut WIIW-Analyse stellen die internationalen Finanzmärkte bei der Risikoabschätzung für einzelne Länder mehr auf die Staatsverschuldung ab. In einigen Ländern sei die Bruttoauslandsverschuldung bereits auf über 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) angewachsen. Im Vorjahr hatte Lettland die größte Bruttoauslandsverschuldung mit 137 Prozent des BIP, gefolgt von Ungarn (121 Prozent), Estland (117 Prozent), Bulgarien (112 Prozent), Slowenien (104 Prozent) und Kroatien (96 Prozent). Ein Teil dieser Schulden müsse heuer refinanziert werden, was die Krisenanfälligkeit dieser Staaten erhöhe. Dies werde auch durch die Kreditknappheit auf den internationalen Finanzmärkten verschärft, so die Einschätzung der WIIW-Experten.

Fixer Wechselkurs

Zusätzlichen Druck erwarten die Wirtschaftsforscher vor allem auf Länder mit einem fixen Wechselkursregime wie etwa Estland oder Bulgarien. Am Beispiel Lettlands sehe man, dass hohe reale Währungsaufwertung zu einer Verminderung der Wettbewerbsfähigkeit führe und die Schuldentilgung erschwere. In Staaten mit flexiblen Wechselkursmechanismen wie etwa Rumänien oder Polen dürften die Produzenten von den Abwertungen profitieren, während Unternehmen und Haushalte mit Fremdwährungskrediten die Verlierer seien.

Die Wirtschaftskrise treffe die einzelnen CEE-Staaten mit unterschiedlicher Stärke. Für heuer rechnet das Institut trotz Krise in Tschechien, Polen und der Slowakei mit einem leichten Wachstum, während für Bulgarien, Rumänien und Slowenien eine Stagnation angenommen werde, erklärte WIIW-Experte Gabor Hunya. In eine Rezession dürften unter anderem die baltischen Staaten, Ungarn und die Ukraine fallen. Diese Unterschiede lassen sich mit der unterschiedlichen Verflechtung dieser Volkswirtschaften mit der EU erklären. Allerdings können die großen Volkswirtschaften Polen und Rumänien die sinkenden Exporte aufgrund der Binnennachfrage besser kompensieren als andere Staaten.

Für den Fall eines globalen Wirtschaftsaufschwungs erwartet das Institut ein Wachstum in der Region ab 2010 oder 2011, allerdings seien hohe Wachstumsraten wie vor der Krise kaum erzielbar, weil die Auslandsfinanzierung etwa in Form von Direktinvestitionen und Krediten nicht das frühere Ausmaß erreichen dürfte. Das höchste Potenzial sieht das WIIW in einem mögliche Konjunkturanstieg durch eine Steigerung der Exporte. (APA)

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