Zwangsehen: Präventionsarbeit mit Vätern notwendig

5. März 2009, 13:04
posten

Verein Orient Express kümmert sich seit acht Jahren um immer mehr Betroffene: Schwierigkeiten, Aufklärung auch an den Mann bringen

Wien - Zwangsverheiratung kommt nicht nur in fernen Ländern vor - auch junge Frauen, die in Österreich leben, sind davon betroffen. Der Verein Orient Express kümmerte sich im Vorjahr um 61 derartige Fälle. Diese Form von Gewalt sei aber nicht, wie oft verbreitet, religionsbedingt, erklärt Beraterin Gül Ayse Basari.

Kein religionsspezifisches Problem

Ein Problem sei vor allem die fehlende Präventionsarbeit mit Vätern. Auch gebe es in Österreich keine spezielle Unterbringungsmöglichkeit und damit unzureichende Schutzmaßnahmen für die Opfer. Im Jahr 2008 kümmerte sich der Verein Orient Express um 61 junge Frauen, die von Zwangsverheiratung betroffen sind - das Alter reicht dabei laut Basari von 14 bis 23 Jahren. Die Frauen beziehungsweise ihre Familien stammen ursprünglich etwa aus der Türkei, Afghanistan, Pakistan, Indien, Albanien und Griechenland, so die Beraterin. In letzter Zeit gebe es auch vermehrt Opfer aus Tschetschenien.

Auf keinen Fall sei Zwangsverheiratung religions- oder gar islambedingt, ist Basari überzeugt. "Das ist etwa auch ein Problem in katholischen Roma-Familien", erklärt die Beraterin. Die Opfer würden beispielsweise auch aus buddhistischen Familien stammen.

Präventionsarbeit

Den Verein, der sich speziell um Migrantinnen kümmert, gibt es seit acht Jahren. Seitdem ist die Zahl der Klientinnen gestiegen. Das liegt laut Basari aber vor allem am verstärkten Bewusstsein: "Am Anfang war es für uns schwer, gegen Zwangsverheiratung zu arbeiten. Die Problematik war nicht bekannt und wurde von den Behörden nicht akzeptiert." Mittlerweile sei man sehr erfolgreich in der Präventionsarbeit mit Müttern und Töchtern, etwa bei Workshops in Schulen. "Dadurch trauen sich mehr Mädchen, mit ihren Problemen zu uns zu kommen", erklärt Basari.

Zu wenig geschieht für Basari allerdings im Bereich der Präventionsarbeit mit Vätern. Es gebe keinen Verein und keine Institution, um die Väter aufzuklären. "Vorschläge, das in der Moschee zu machen, bringen nichts, weil es ja kein religionsspezifisches Problem ist", meint Basari.

Auch gebe es keine speziellen Unterbringungsmöglichkeiten für Opfer von Zwangsverheiratung. "Minderjährige gehen ins Krisenzentrum, doch die Adresse ist bekannt und so können sie von ihren Familien gefunden werden", kritisiert die Beraterin. Viel Unterstützung in der Arbeit erhalte man mittlerweile vom Jugendamt und vom Außenministerium.

"Wenn ich Nein sage, werde ich umgebracht"

Viele Mädchen würden nach der Zwangsverheiratung in der Heimat der Familie festgehalten, erklärt Basari. Im Vorjahr konnte der Verein vier Mädchen aus der Türkei, Ägypten, Bangladesch und Russland zurück nach Österreich holen. Derzeit kämpfe man für eine 19-jährige Österreicherin, die ursprünglich aus Pakistan stamme und seit sieben Monaten dort "eingesperrt" sei, berichtet Basari. "Sie erzählt am Telefon: 'Wenn ich Nein sage zur Heirat, werde ich umgebracht' - da fühlt man sich machtlos". Mit Unterstützung des Außenministeriums hoffe man aber, die junge Frau bald zurück nach Österreich bringen zu können. (APA)

Share if you care.