Täter zu selten verurteilt: "Persilschein"

5. März 2009, 12:49
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Die Gesetze gegen häusliche Gewalt seien gut, müssten aber auch angewendet werden, meint Rosa Logar von der Interventionsstelle

Wien - Jede fünfte Frau in Österreich ist einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen, besagt die Statistik der Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. Die Dunkelziffer sei aber weitaus höher, erklärt Geschäftsführerin Rosa Logar. Ein Problem sieht Logar vor allem in der Tatsache, dass die Verurteilungsraten von Gewalttätern nach wie vor gering sind. Viele Opfer würden dadurch den Glauben an den Rechtsstaat verlieren.

Angst und Scham

Wie viele Frauen in Österreich tatsächlich von Gewalt betroffen sind, sei schwierig zu sagen, meinte Logar. Die Dunkelziffer sei sehr hoch, da sich viele Opfer nicht trauen würden, Hilfe zu suchen. "Viele Frauen schämen sich auch", so Logar. Die Konsequenz: Jahrelange Gewalt. Dass betroffene Frauen Angst haben, sich Hilfe zu holen, kann Logar verstehen: "Oft eskaliert die Gewalt ja auch, wenn es um Trennung oder Scheidung geht."

Entscheidungen zugunsten der Beschuldigten

Opfer von Gewalt würden deshalb besonderen Schutz benötigen. "Leider ist die Strafjustiz da oft anderer Meinung", kritisiert Logar. "Die bestehenden Gesetze sind gut, ohne Frage, aber sie müssen auch angewendet werden." Logar ist der Meinung, dass die Staatsanwaltschaft "im Grunde oft zugunsten der Beschuldigten entscheidet", wenn es um den Schutz der Opfer gehe. "Das darf nicht sein."

"Aufseiten der Täter passiert zu wenig"

Die Verurteilungsraten seien außerdem sehr gering, so Logar. Beispielsweise würden nicht einmal zehn Prozent der Stalking-Anzeigen zu einer Anklage führen. "Das ist wie ein Persilschein für Täter", glaubt Logar. "Die Möglichkeiten der Strafjustiz werden leider nur ganz ganz wenig genützt." So würden lediglich 40 Männer am Antigewalt-Training der Interventionsstelle teilnehmen, obwohl diese im Jahr 2008 rund 4.000 Meldungen über Gewalt in der Familie von der Polizei erhalten habe. "Aufseiten der Täter passiert einfach zu wenig", ist Logar überzeugt.

Prävention möglich

Ein weiteres Problem sei, dass viele Frauen gar nicht wüssten, was sie zur Anzeige bringen können. "Viele glauben, sie können erst etwas unternehmen, wenn etwas passiert ist", so Logar. Angezeigt werden können neben körperlicher Gewalt aber auch sexuelle Übergriffe, Nötigung, Erpressung, Drohungen und Stalking. Seit 2006 haben Opfer von Gewalt außerdem das Recht auf juristische und psychosoziale Prozessbegleitung, das heißt, dass beispielsweise der Rechtsbeistand nicht selbst bezahlt werden muss.

Kostenlose Hilfe

Da es aber immer noch ein Tabu sei, Familienmitglieder oder nahestehende Menschen anzuzeigen, rät Logar, sich professionelle Hilfe zu suchen. Beratung finden Frauen etwa rund um die Uhr und anonym über die kostenlose "Frauenhelpline gegen Männergewalt" unter der Telefonnummer 0800/222555. Hier erhalten Opfer von Gewalt Tipps, welche Hilfseinrichtungen es in der Nähe gibt und wie sie weiter vorgehen können. Beratungen sind übrigens auch auf Arabisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Slowenisch, Rumänisch und Türkisch möglich. (APA)

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    Viele Frauen glauben, dass sie gegen ein gewalttätiges Familienmitglied erst etwas unternehmen könnten, wenn etwas passiert sei, weiß Rosa Logar.

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