Stille Substanz im Jazz

5. März 2009, 17:20
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Bugge Wesseltoft genießt auf seiner neuen CD weiterhin die Einsamkeit, Keith Jarrett wird plötzlich Traditionalist

Als er in Wien seine vorige CD live präsentierte, wählte die Firma, die ihn vertreibt, Universal, ein Clubbing-artiges Ambiente und wollte im Museumsquartier Partystimmung herbeizaubern. Doch, so passend dies bei manchen Produktionen von Bugge Wesseltoft war, für die Solo-CD "IM" schien das Ambiente nun reichlich deplatziert. Zwar meditierte der Norweger, ungerührt vom Konversationslärm und der Tatsache, dass ihm nur wenige zuhörten, am Klavier über Sounds und drechselte am Computer diskrete Grooves, komponierte also aus akustischen und elektronischen Möglichkeiten anspruchsvolle klangliche Erlebniswelten. Schade war's dennoch, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmten. Dies zeigte jedoch auch, dass dieser Mann, der mit "A New Concept of Jazz" 1997 internationales Aufsehen erregte, als er das altehrwürdige Genre mit Clubsound verband, ein vielschichtiger Typ ist, der einer einzigen Stilistik und einem einzigen Zugang zur Improvisation nicht zuzuordnen ist. Darauf hätte man Rücksicht nehmen müssen.

Jetzt hat Wesseltoft, der sein eigenes Label (Jazzland) betreibt, die Nachfolge-CD veröffentlicht, und sie kann als Fortsetzung von "IM" betrachtet werden kann. Ein weißes, schmuckloses Cover mit kleinen geometrischen Figurornamenten verweist schon auf die Ausrichtung der Musik. Es klingt hier alles wie ein an der Stille entlang wanderndes Sinnieren über die Möglichkeiten des Klaviers. Es dominieren harmonische Statements und kleine klare, im Raum verharrende Melodiefragmente. Dieser Hang zur Einfachheit wird jedoch nie banal als Stimmungskulisse wirksam. Wesseltoft ist nur auf Präzision und Exaktheit der Aussage aus, auf Konzentration und Reduktion, die nichts mit einem Verzicht auf Substanz am Hut hat. Mitunter wird auch Elektronik eingesetzt - etwa wenn er in seiner lustig-verhatschten Version von "Take Five" am Computer den Klaviergroove und -sound dekonstruiert und damit einen hübschen Moment der Überraschung schafft. Kontraste ergeben auch der perkussive Einsatz des Klaviers und der Sänger Wesseltoft. Mit fragiler Stimme zeigt er, dass man keine große Technik braucht, um Herzen zu rühren.

Dieser andere gute alte Bekannte, Keith Jarrett, ist hingegen grundsätzlich kein Mann mit zwei Musikgesichtern. Jarrett ist einfach der überempfindliche Klavierdenker, der sich gerne heiklen Spielsituationen aussetzt. Solokonzerten etwa. Sie werden für Jarrett zu Orten höchster Selbstanforderung. Auch sein Trio (mit Bassist Gary Peacock und Drummer Jack DeJohnette) zählt jedoch zu Jarretts Obsessionen. Die Historie des Jazz, mit all ihren sattsam bekannten Liedern, wird von ihm, dem Zeitgenossen, neu befragt.

Seit einer Weile ist da indes eine kleine Veränderung zu erleben, und sie ist auch auf "Yesterdays" (ECM/Lotus) wieder präsent: Bei der Ausleuchtung von Standards wie "Smoke Gets In Your Eyes" oder "Stella By Starlight" hat man es nicht mehr mit einem extrem subjektiv agierenden Jarrett zu tun. Hier geht einer zurück in die 50er-Jahre und improvisiert erstaunlich frei von harmonischen Errungenschaften der späteren Jahrzehnte. Vielleicht nur die Laune eines Konzertaugenblicks, damals 2001 in Tokio. Man wird es sehen, weitere Song-Sammlungen werden wohl folgen. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.3.2009)

 

  • Bugge Wesseltoft
    foto: universal

    Bugge Wesseltoft

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